Im Jahr Zehn Bosnischer Zeitrechnung

Die Renovierung des schwer baufälligen Historischen Museums von Bosnien und der Hercegovina in Sarajevo ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Beginnen sollen hätte sie vor neun Jahren.

Die schwarzen Holztreppen auf der Eingangsstiege fallen langsam auseinander. Regen und Wind und zwei bosnische Winter haben ihnen zugesetzt. Blöcke mit Bauholz stützen sie notdürftig.

„Wir haben das vor zwei Jahren aus eigenen Mitteln und mit Hilfe von Freiwilligen gebaut“, schildert Elma Hašimbegović. Sie ist Direktorin des Historischen Museums Bosniens und der Hercegovina in Sarajevo. „Die alten Steintreppen sind nach Jahrzehnten auseinandergefallen, und waren einfach nicht mehr sicher für Besucher. Mit unserer improvisierten Lösung wollten wir sicherstellen, dass Menschen bis zur Renovierung des Museums das Gebäude sicher betreten können“.

Die Fassade des Gebäudes bröckelt an jeder Ecke, die den Elementen ausgesetzt ist. Seit Jahrzehnten ist das Historische Museum nicht renoviert worden. „Dass dringend renoviert werden muss, ist offensichtlich“, sagt Elma. „Wir haben nur leider keine Ahnung, wann es losgeht.“

Drei Personen sitzen auf einer Bank im Freien, zwei Männer und eine Frau, die miteinander sprechen. Im Hintergrund ist ein Gebäude mit einer sichtbaren Beschriftung zu sehen.
Museumsdirektorin Elma Hašimbegović erklärt die Situation des Museums

Seit Jahren versprechen Stadtverwaltung, Kanton oder gegebenenfalls die Regierung des bosnjakisch-kroatischen Teilstaates Federacija, dass das Gebäude nächstes Jahr sicher saniert wird. Gemeint ist das nächste Jahr bosnischer Zeitrechnung.

Der jüngste Anlauf: Seit 26. August tut sich nichts

„Die Renovierungsarbeiten werden am 26. August 2026 beginnen“, hatte sich zuletzt Benjamina Karić aus dem Fenster gelehnt. Die SDP-Politikerin ist Bezirksvorsteherin von Novo Sarajevo. In diesem Stadtteil liegt das Historische Museum, das heuer sein 80-jähriges Bestehen feiert. Der heutige Bau nach den Plänen von Boris Magaš, Radovan Horvat und Edo Šmidihen wurde 1963 errichtet.

Selbst das Versprechen auf einen Baubeginn im August deutet auf lange Verzögerungen hin.

Ende 2024 hatten Benjamina und Kenan Magoda, Kulturminister des Kantons Sarajevo, verkündet, dass nach jahrelangen Verhandlungen und Petitionen Kanton und Stadtbezirk Novo Sarajevo das Geld für die Renovierung aufgestellt hätten. 1,827 Millionen Mark stünden bereit. Das sind etwas mehr als 900.000 Euro. Die ersten Arbeiten sollten 2025 beginnen, wurde in den Raum gestellt.

„Das Historische Museum von Bosnien und Herzegowina ist eine der sieben wichtigsten Kultureinrichtungen des Landes und das einzige Museum, das die gesamte Geschichte Bosnien und Herzegowinas umfasst – von der ersten Erwähnung in historischen Quellen bis zum modernen, unabhängigen Bosnien und Herzegowina. Das Museumsgebäude, das zugleich ein nationales Denkmal ist, zählt zu den herausragendsten Beispielen architektonischer Kreativität in Bosnien und Herzegowina. Es beherbergt rund 400.000 Exponate, die das reiche kulturelle und historische Erbe Bosnien und Herzegowinas bezeugen. Die Umsetzung des Projekts ermöglicht es dem Museum, seine Mission der Bewahrung und Präsentation des historischen Erbes des Landes fortzusetzen.“ Zitat aus der damaligen Presseaussendung des Kantons Sarajevo.

Das war nur die jüngste Ankündigung.

Eine Chronik nach bosnischer Zeitrechnung

Das erste Mal hatte es 2017 geheißen, die Stadt würde die Renovierung finanzieren. Im Frühjahr 2018 werde es losgehen, kündigte der damalige Sarajevoer Bürgermeister Abdula Skaka an.

„Unser Ziel ist es, alle Objekte von kultureller und historischer Bedeutung in Sarajevo wieder in Betrieb zu nehmen. Eines der wichtigsten dieser Objekte ist für uns das Historische Museum von Bosnien und Herzegowina, dem wir heute einen Zuschuss von 100.000 KM (Konvertible Mark, ca. 50.000 Euro, Anm.) für die erste Renovierungsphase dieses prächtigen Gebäudes, eines architektonischen Meisterwerks in Sarajevo, bewilligt haben. Es ist derzeit verfallen, aber unsere Geschichte nicht. Als Bürger von Sarajevo schäme ich mich für den Zustand dieses Gebäudes“, zitiert das bosnische Nachrichtenportal Raport Skaka aus dem Archiv.

Für eine umfassende Renovierung hätte das Geld nicht gereicht, aber immerhin für das Notwendigste. Es kam nie an seinem Bestimmungsort an.

Der zweite Anlauf 2022 war nach den Recherchen von Raport eher chaotisch. Die Stadt wollte für eine Gesamtrenovierung zuerst 200.000 Mark bereitstellen. Die Summe wäre unzureichend gewesen. Man erhöhte auf 700.000 Mark. Das Geld blieb auf den Konten der Stadt.

Nicht anders ist es im zehnten Jahr nach dem ersten Versprechen, dass das Museum renoviert werden würde.

Diesmal scheint es nach den Recherchen der Plattform Istinomjer etwas konkreter geworden zu sein. Am 22. Juli wurde verkündet, dass das Bauunternehmen Unigradnja aus Sarajevo die Ausschreibung für die Renovierung gewonnen hätte.

Bevor die ersten Gerüste aufgebaut wurden, beriefen die zwei unterlegenen Baufirmen aus Beograd und Banja Luka gegen die Ausschreibung. Die Ausschreibung wurde aufgehoben. Sie muss wiederholt werden.

Das bei einem Gebäude, das die Getty Foundation 2018 bei der Ausstellung Keeping it Modern zu einem der zehn bedeutendsten Bauwerke moderner Architektur weltweit erklärt hat.

Zwei Männer stehen neben einem großen Fenster in einem modernen, hellen Raum und schauen nach draußen. Im Hintergrund sind Pflanzen und Sitzgelegenheiten zu sehen.

Sein und Nicht Sein

Dass das Museum praktisch keine Kontrolle über den Prozess hat, liegt an der spezifisch bosnischen Situation der Einrichtung.

Wie etwa die Nationalbibliothek (siehe etwa diese Reportage) oder das Nationalmuseum (siehe diese Reportage) ist das Historische Museum von Bosnien und der Hercegovina eine von sieben nationalen kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen, deren Status laut bosnischem Polit-Jargon ungeklärt sind. (Mehr über die Hintergründe siehe auch diese Geschichte aus dem Archiv von Balkan Stories.)

Sie sind offiziell nicht als gesamtstaatliche Einrichtungen anerkannt. Die bosnische Nationalregierung darf ihnen keine Mittel zukommen lassen.

Keine der genannten Institutionen hat ein eigenes Budget im engeren Wortsinn. Man hält sich mit Programmen im Auftrag der Teilstaatsregierung der Federacija über Wasser, mit öffentlichen Zuwendungen von Stadt, Kanton oder fallweise der Federacija, mit Spenden und viel Opferbereitschaft.

Um es drastisch zu formulieren: Im rechtlichen Sinn existieren diese Einrichtungen und sie existieren nicht zugleich. Je nachdem, wen man fragt.

Dass das Gebäude 2012 zu einem nationalen kulturellen Denkmal Bosniens erklärt wurde, und unter Denkmalschutz steht, ändert nichts an der Situation.

Die finanzielle und juristische Unbestimmtheit hat auch ihre Vorteile. Die Einrichtungen können eigenständig agieren. Dem Historischen Museum etwa war es über die vergangenen 30 Jahre möglich, nicht zu einer staatstragenden und nationsstiftenden Einrichtungen zu werden wie zahlreiche vergleichbare Museen auf der ganzen Welt sondern sich international einen Ruf als Stätte kritischer Forschung und Aufarbeitung aufzubauen.

Bleiben wegen der eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten Dauerausstellungen der gesamten bosnischen Geschichte seit dem Frühmittelalter Wunschträume, arbeiten Elma und ihre Mitarbeiter in Sonderausstellungen mit den hunderttausenden Exponaten des Museums spannende Aspekte vor allem der Zeitgeschichte heraus, wie das in Dauerausstellungen kaum möglich wäre.

Darüber hinaus hat sich das Historische Museum zu einer wichtigen Anlaufstelle der Zivilgesellschaft und der Kulturszene entwickelt. Bei meinem jüngsten Besuch etwa wurde gerade eine Kunstausstellung eröffnet.

Ungewissheit belastet den Museumsbetrieb in die Programmplanung hinein

Bei größeren Vorhaben wie der längst anstehenden Renovierung des Gebäudes führen die spezifisch bosnischen Unklarheiten über den Status der Einrichtung dazu, dass das Museum praktisch keine Mitsprache hat.

Kantonal- und Stadtregierung entscheiden, wie viel Geld sie bereitstellen, auf welchen Konten das Geld liegt, was in der Ausschreibung für Baufirmen steht, welche Baufirmen das Gebäude renovieren werden, wann die Renovierung beginnt.

„Wir sind nur Begünstigte in diesem Prozess“, erklärt Museumsdirektorin Elma Hašimbegović. „Außer einem Foto mit Bezirksvorsteherin und Kulturminister, die die Vereinbarung über die Finanzierung unterschreiben, habe ich nichts Verbindliches“.

Eine Frau in einem grünen Kleid diskutiert lebhaft mit zwei Männern, die ihr gegenüber sitzen. Ein Mann schaut auf sein Handy, während der andere nachdenklich wirkt. Im Hintergrund sind grüne Büsche und urbanes Umfeld zu sehen.
Museumsdirektorin Elma Hašimbegović im Gespräch

„Vielleicht beginnt die Renovierung nächstes Jahr“, sagt Elma. Sie klingt resigniert. „Hier geht es nicht nur darum, dass die Fassade in einem furchtbaren Zustand ist. Diese Unsicherheit schränkt uns auch sehr darin ein, wie wir unser Programm als Museum planen können.“

Das heurige und das vorjährige Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm des Historischen Museums für die Sommermonate war im Vergleich zu den Jahren davor merklich eingedampft. „Bauarbeiten finden typischerweise im Sommer statt“, erklärt Elma. „Parallel zu Bauarbeiten kannst du den Betrieb nur eingeschränkt führen. Das haben wir in unseren Programm berücksichtigt“.

Das wird auch beim Programm 2027 so sein. Das wäre das Jahr Elf nach den ersten Versprechen der Stadtregierung von Sarajevo, dass die bröckelnde Fassade nächstes Jahr renoviert werden soll. Voraussetzung ist, dass heuer, im Jahr Zehn dieser bosnischen Zeitrechnung, wenigstens eine rechtlich solide Ausschreibung über die Bühne geht, und die Baulose bald vergeben werden.

Verbitterung bei Mitarbeitern

Hält sich Elma mit ihrer Kritik diplomatisch zurück, hört man den Mitarbeitern des Museums unter der Hand die Verbitterung seit Jahren immer mehr an. Dass in den vergangenen Jahren etwa nicht einmal die steinernen Stufen der Eingangstreppe erneuert wurden, sorgt für Unmut.

„Vielleicht war es ein Fehler, dass wir mit unserem eigenen Geld und unser eigenen freiwilligen Arbeit auf eigene Initiative hin die Holztreppe als Provisorium aufgestellt haben“, sagt etwa ein Mitarbeiter. „Jetzt erwartet die Politik vielleicht, dass wir das ewig so machen, und sie nichts zu tun braucht“.

Blick auf eine Treppe mit schwarzen Metallstufen und Geländer, die zu einem Gebäudeeingang führt.

Wenn Kulturpolitik wichtigen Einrichtungen und ihren Mitarbeitern zeigen will, dass ihr Engagement nichts wert ist, macht man es genau so.

Wie Elma und ihre Mitarbeiter sich jeden Tag motivieren, das Museum am Laufen zu halten und spannende Sonderausstellungen planen, ist für Außenstehende ein Rätsel.

Ebenso unklar ist, wie lange sie das können. Die denkmalgeschützte Fassade bröckelt jeden Tag mehr vor sich hin. Zudem wird am Nachbargrundstück die öffentliche Galerie Ars Aevi gebaut. Die Bauarbeiten sind ein potentielles Risiko für die strukturelle Integrität des schwer renovierungsbedürftigen Historischen Museums. (Mehr über die Befürchtungen siehe hier.)

Bringen Stadt- und Kantonalpolitik nicht bald eine Renovierung zustande, stellt sich die Frage, ob das Museum nicht wegen schwerer Sicherheitsbedenken geschlossen werden muss. Das wäre nicht nur für die bosnische Kultur und Wissenschaft ein schwerer Verlust. Es würde die europäische Museumslandschaft eines wichtigen Beitrages berauben.

Als Außenstehender nimmt man an, dass die zuständigen politischen Stellen sich dessen bewusst sind.

Freilich, logische Annahmen sind so eine Sache in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Das gilt besonders für Bosnien. Auch im Jahr Zehn bosnischer Zeitrechnung.

Mehr über das Historische Museum Bosniens und der Hercegovina findet ihr im Archiv von Balkan Stories.

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