Gewinnt am Sonntag die serbische Revolution? Oder macht sich der König zum Großvezir seines Reiches? Seriöse Wahlumfragen gibt es nicht. Das ist auffällig.
Sie ist vielleicht die wichtigste Wahl Europas des heurigen Jahres. Wichtiger vielleicht noch als die Parlamentswahl in Ungarn, die den Autokraten Viktor Orban entmachtete.
Am 25. Oktober wählen die Serben ein neues Parlament. Studentenproteste haben das öffentliche und politische Leben seit der Katastrophe von Novi Sad vom 1. November 2024 dominiert und die vorgezogene Wahl erzwungen und die zunehmend autokratische Präsidentschaft von Aleksandar Vučić vorzeitig beendet.
Vučić geht als Spitzenkandidat seiner klerikalnationalistischen Partei SNS ins Rennen. Er will Ministerpräsident der neuen Regierung werden. Vom König zum Großvezir sozusagen.
Eine Oppositionsliste, die von Serbiens Studenten getragen wird, will sein Regime und die allgegenwärtige Korruption beenden. Sie wird für den Einsturz des frisch renovierten Vordachs des frisch renovierten Bahnhof von Novi Sad vor zwei Jahren verantwortlich gemacht. Die Trümmer erschlugen 16 Menschen. Bis heute wurde weder gegen politisch Verantwortliche, gegen verantwortliche Behördenvertreter noch gegen Verantwortliche der Baufirmen Anklage erhoben.
Ein Sieg der Studentenliste wäre ein Sieg der serbischen Revolution, zumindest an der Wahlurne.
(Mehr über die Studentenproteste lest ihr im Archiv von Balkan Stories.)
Man würde erwarten, dass es bei einer derart wichtigen Wahl jede Woche mindestens eine neue Umfrage mindestens eines Institutes gebe.
Man wird enttäuscht.
Es gibt keine einzige seriöse Umfrage
Die jüngste Umfrage wurde am 30. September veröffentlicht. Wenn man das so nennen kann.
Der Leiter der oppositionsnahen NGO Nova srpska politička mislao (NSPM), Đorđe Vukadinović, stellte in einem Artikel auf der Homepage der Organisation Ergebnisse vor, wonach die Studentenliste mit 44,4 Prozent der Stimmen rechnen kann. Das wäre etwas mehr als bei der NSPM-Umfrage im Juli.
Die SNS käme laut der Befragung auf 39,6 Prozent. Das wäre etwas mehr als bei der Umfrage im Juli, und ein Verlust von etwa acht Prozentpunkten gegenüber der Parlamentswahl 2023.
Im Artikel gibt es keine Tabelle. NSPM gibt nicht an, wie viele Menschen in welchem Zeitraum die NGO wie befragt hat. Das hat bei NSPM offenbar System, wenn man der internationalen Seite PoliWave glaubt.
Das Marktforschungsinstitut Faktor Plus sah in einer Umfrage Mitte September die SNS mit 48,6 Prozent vorne. Das wäre ein leichter Stimmenzugewinn gegenüber 2023. Angesichts der nationalen Empörung über die Katastrophe von Novi Sad wäre das eine Überraschung.
Die Studentenliste kann laut dieser Umfrage mit 37 Prozent der Stimmen rechnen.
Auch diese Umfrage kommt mit massiven Warnzeichen. Faktor Plus gilt als SNS-Institut, ist nicht auf politische Meinungsforschung spezialisiert, und hat selbst keine Rohdaten der Umfrage veröffentlicht.
Will man den Wahlsieger vom 25. Oktober vorhersagen, stochert man im Trüben.
Das westliche Desinteresse ist frappierend
Angesichts der Unseriosität der beiden aktuellen Umfragen kann man nicht einmal von einem Kopf-an-Kopf-Rennen sprechen. Sondern greift sich selbst auf den Kopf, warum es niemand für notwendig hält, bei dieser wichtigen europäischen Wahl halbwegs seriöse Forschung zu betreiben.
Vielleicht liegt das auch am ausgeprägten Misstrauen gegenüber der serbischen Medienszene und dem serbischen Machtapparat wie den meisten Oppositionsparteien gegenüber. Siehe etwa diese Einschätzung der Uni Stanford.
Siehe auch die Befürchtungen internationaler Wahlbeobachter.
Die SNS hat die Medien des Landes weitgehend auf Linie gebracht oder neutralisiert. Behörden gelten im Allgemeinen mehr dem Regime verbunden als Verfassung und Rechtsstaat.
Dennoch ist auffällig, dass es offenbar auch keine aktuellen Umfragen international anerkannter Institute gibt.
Die Frage nach dem westlichen Blick stellt auch der Kultur- und Sozialforscher Zoran Erić in einem Gastkommentar für deutschsprachige Medien, den er Balkan Stories vorab zur Verfügung gestellt hat.
Nach einem historischen Blick auf den massiven Wandel durch die Studentenproteste im sozialistischen Jugoslawien im Jahr 1968 und einer Auflistung der jüngsten Repressionen der SNS, die die wichtigsten Kultureinrichtungen des Landes und die Unis massiv geschwächt haben, stellt Zoran fest, dass das Interesse des Westens an den bevorstehenden Wahlen von zentralem Interesse ist:
„Hält man Serbien für eine geopferte Region, in der Lithium, Bor und andere Rohstoffe für die so genannte Grüne Wende in Europa abgebaut werden? Soll Serbien im Wartesaal der Geschichte bleiben, um die passende Beschreibung von Dipesh Chakrabarty zu verwenden, bis es die politische Reife erreicht hat, die Europa erwartet? Und wird die Europäische Union angesichts der weltweiten Wiederkehr rechter Politik einen weiteren Diktator dulden, der bereit ist, auch die Reste der Kulturszene und des akademischen Lebens zu zerstören? Sie waren die Hauptreservoirs des Widerstands, des kritischen Denkens und des Aktivismus, der ein anderes Serbien zum Ziel hat, das ein gleichwertiger Partner in der Gemeinschaft der Europäischen Union ist, einer, der seine Kernwerte schätzt.“
Vergleicht man, wie viel Aufmersamkeit den Wahlen in Ungarn eingeräumt wurde, und wie viel öffentliche Aufmerksamkeit die Wahlen in Serbien selbst im nahe gelegenen und historisch eng verbundenen Österreich erhalten, kann man nur von ausgeprägtem Desinteresse sprechen.
Spätestens das sollte die Lieblingsthese von Aleksandar Vučić widerlegen, die Studentenproteste und die serbische Revolution seien eine Farbrevolution. Für den Ausgang der Wahl am Sonntag mag dieser Umstand irrelevant sein.
Dass sich mit Ausnahme einer weniger Wahlbeobachter in der EU kaum wer einen Deut schert, was am 25. Oktober passiert und vor allem wie, könnte freilich erheblich beeinflussen, ob der sich König zum Großvezir machen kann.
Titelbild: Symbolfoto für Politik und demokratische Prozesse im ehemaligen Jugoslawien.
So unterstützt ihr meine Arbeit
Auf Balkan Stories findet ihr Hintergrundgeschichten und Alltagsreportagen aus dem ehemaligen Jugoslawien und darüber hinaus. Dieser Blog versucht, Menschen eine Stimme zu geben, die sonst nicht gehört werden. Ganz ohne Paywall, ganz ohne Werbung.
Trotzdem kostet dieser Blog Geld. Von der Domain über ein geeignetes e-mail-Programm oder regelmäßig anlaufende Kosten, um Ausrüstung wie einen Laptop oder eine Kamera neu anzuschaffen oder zu ersetzen. Dazu Ausgaben für meine Reisen. Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das auf Buy Me A Coffee tun.
Wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert. Jeder Kommentar, jedes Teilen hilft, diesen Blog und seine Geschichten sichtbarer zu machen.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
