Pismo za Saru. Brief an Sara.

Heute vor zwei Jahren stürzte das frisch renovierte Vordach des frisch renovierten Bahnhofs von Novi Sad ein. Die Trümmer erschlugen 16 Menschen. Das jüngste Opfer war sechs Jahre alt. Das ist ein Versuch, Saras zu gedenken und die Massenproteste zu würdigen, die vergangene Woche das serbische Regime hinwegfegten.

Liebe Sara,

Ich weiß nur zwei Dinge über dich.

Heute wärst du acht Jahre alt. Und seit zwei Jahren trauern Millionen Menschen um dich.

An diesem Tag vor zwei Jahren warst du mit deiner Schwester und deinem Froßvater vor dem Bahnhof in Novi Sad. Es war genau 11 Uhr 52. Frisch renoviert war der Bahnhof. Frisch renoviert war auch das Vordach, unter dem du, Valentina und Đorđe auf der Bank gesessen sind.

Das Vordach stürzte ein. Du wurdest nur sechs Jahre alt.

Mit dir starben 15 Menschen, die ebenfalls unter dem Vordach waren. Auch Valentina und Đorđe sind tot.

Es gibt viel, was ich nicht weiß über dich, liebe Sara. Ich weiß nicht, ob du dich gut mit deiner Schwester Valentina verstanden hast. Ich weiß nicht, ob du gerne in die Schule gegangen bist. Ob du gerne getanzt hast, oder gezeichnet. Ob du Katzen lieber hattest oder Hunde.

Ich weiß nicht, wie du heute wärst. Zwei Jahre sind eine lange Zeit bei einem Kind. Du hättest dich sehr verändert in dieser Zeit. Wie viele andere würde ich mich freuen, wenn ich das sehen könnte.

Seit zwei Jahren ist niemand verantwortlich gemacht worden für deinen Tod. Hat niemand vor Gericht gestanden, der bei der Renovierung des Bahnhofs und des Vordachs gespart hat. Gepfiffen hat darauf, dass eine solche Konstruktion nie einstürzen darf. Gepfiffen hat darauf, dass jeder Fehler gefährlich ist für die Menschen, die darunter stehen. Es hat auch niemand vor Gericht gestanden, der weggesehen hat, als bei den Bauarbeiten gespart wurde. Niemand, der Geld genommen hat, damit er’s nicht so genau nimmt. Niemand, der die Bauaufträge vergeben hat. Niemand, der entschieden hat, dass der Bahnhof von Novi Sad in Betrieb gehen kann, bevor alle Sicherheitsüberprüfungen abgeschlossen waren.

Zwei Jahre lang haben die Menschen in deinem Land darum gekämpft, dass wir wissen, wer verantwortlich ist für deinen Tod. Vor allem die Studenten. Sind auf die Straße gegangen. Haben jeden Tag deiner gedacht, deiner Schwester und deines Großvaters, und der anderen Menschen, die an diesem 1. November 2024 getötet wurden. Haben gestreikt, haben gestritten. Haben Geld gesammelt für die streikenden Studenten. Sind verhaftet worden, sind verprügelt worden.

Millionen Menschen in den Nachbarländern und auf der ganzen Welt haben sie unterstützt. Haben gehofft, dass vor Gericht steht, wer für deinen Tod verantwortlich ist. Haben den Studenten deines Landes gesagt: Kämpft weiter!

Ich war einer. Ich konnte nicht viel tun. Aber hinsehen konnte ich. Und schreiben, was ich gesehen habe.

Am vergangenen Sonntag haben sie gewonnen. Haben das korrupte Regime abgewählt, das für deinen Tod verantwortlich ist.

Ich glaube nicht an den Himmel.

Aber wenn es ihn gibt, hast du sie jubeln gehört.

Jetzt endlich besteht die Chance, dass vor Gericht stehen wird, der für deinen Tod verantwortlich ist.

Und dass man die Korruption in deinem Land ausrottet.

Damit nie wieder ein sechsjähriges Mädchen stirbt, wenn es mit seiner Schwester und seinem Großvater vor einem Bahnhof wartet.

Ich glaube nicht an den Himmel.

Aber wenn es ihn gibt, ist das vielleicht ein kleiner Trost für dich. Und vielleicht bist du, mit deinen heute acht Jahren, auch ein bisschen stolz auf die jungen Menschen in deinem Land, die zwei Jahre für Gerechtigkeit für dich gekämpft haben.

Liebe Sara, mach es gut, wo auch immer du bist.

Dieser Text ist ebenfalls in der Übersetzung von Amela Veledar erschienen.

Mehr über die Katastrophe von Novi Sad und die serbischen Studentenproteste könnt ihr im Archiv von Balkan Stories nachlesen.

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