Alle Jugos Schwechats

David Stockinger aus Schwechat fährt einen der seltensten Oldtimer Österreichs. Die Geschichte des Autos führt in eines der größten noch existierenden Autowerke eines sozialistischen Staates und die kleinste Buchhandlung der Welt, und hat mit Banja Luka zu tun.

„Na komm, steig ein“, ruft mir David Stockinger durch das runtergekurbelte Auto seines roten 65 EFI S zu, als er mich am Bahnhof Schwechat abholt.

Fachname Zastava, zu deutsch: Fahne, aus dem gleichnamigen Werk in Kragujevac, in der ehemaligen sozialistischen föderativen jugoslawischen Republik Serbien. Gängige Handelsbezeichnung: Jugo. So hießen in den 1980-ern zunächst nur für die den Export in den Westen bestimmten Autos. Den Herstellernamen hielt Zastava selbst für zu kompliziert. Später nannte man auch die in Jugoslawien bzw. Serbien verkauften Autos so.

Ein rotes Auto, ein Yugo, steht auf einer Landstraße. Ein Mann mit Brille sitzt auf dem Fahrersitz und lächelt in die Kamera.

Seit ungefähr drei Jahren hat David den Jugo aus dem Jahr 1989. „Das war der erste mit Direkteinspritzer“, erklärt er. Der Motor war sogar von Porsche überarbeitet worden.

David hat mich auf eine Spritztour zum Neusiedler See eingeladen. Wir haben etliche gemeinsame Freunde, seit einer Feier zum Dan Republike im Vorjahr kennen wir uns persönlich.

Auf seinen Jugo ist er stolz. Er hat ihn selbst in langer Kleinarbeit liebevoll hergerichtet. Der Vorbesitzer war Wiener aus dem ehemaligen Jugoslawien, stieß den Kleinwagen aus finanziellen Gründen um einen Bruchteil seines Wertes ab.

Warum der Jugo bei manchen Autoliebhabern Kult ist

Für David ist er mehr als Auto. Das hat er wahrscheinlich mit den meisten Oldtimer-Besitzern gemein. Und doch: Der Jugo hat unter Autoliebhabern- und sammlern einen eigenen Status. Ähnliches gibt es nur beim Trabi und der Ente. Selbst diese Vergleiche sind schwierig.

Nicht einmal der Käfer lässt sich direkt vergleichen – obwohl der wie die vorher Genannten den Zweck hatte, auch dem normalen Arbeiter zur individuellen Mobilität zu verhelfen.

Als Oldtimer sind sie bis zu einem gewissen Grad heute alle Davids, die gegen Goliath kämpfen – gegen die größeren Modelle anderer Hersteller. Aber im 40, 50 Jahre alten Käfer siehst du heute einen gesetzten Architekten oder Künstler.

Den Jugo oder die Ente, die sind auch als Oldtimer eher was für die Jungen. Für Studenten vielleicht sogar. Für Leute mit der nicht ganz so großen Geldbörse. Sind preislich konkurrenzfähig mit – zugegebenermaßen technisch deutlich besseren – neuen Kleinwägen.

„Sie haben einen Freundeskreis gefunden, der zu ihnen passt. Sie sind süße Autos für freundliche Menschen, die keinen überdurchschnittlichen Wunsch nach Status oder Perfektion haben. Sie sind 100% nostalgisch, technisch übersichtlich und können als ultimative Entspannung im aktuellen Verkehrsbild verwendet werden“, schreibt etwa die deutsche Ausgabe der niederländischen Seite Amklassiek.nl

Ein Strand mit Kies und Wasser, umgeben von Bäumen und einer grünen Wiese, auf der Menschen sitzen und spazieren gehen.
Der Neusiedler See, Ziel unserer Spritzfahrt

Beim Jugo kommt eine spezielle Nostalgie dazu. Er steht für das sozialistische Jugoslawien. Für das Versprechen von Bratsvo i jedinstvo. Brüderlichkeit und Einigkeit. Arbeiterselbstverwaltung. Mit einem kritischen Blick vielleicht auch ein bisschen für die Art und Weise, wie sich das blockfreie sozialistische Jugoslawien mit dem kapitalistischen Westen arrangierte und sich durchschummelte, aber immerhin Reisefreiheit und einen gar nicht so geringen Lebensstandard für seine Einwohner garantierte.

Ein eigenständiger, widerspruchsvoller und keineswegs perfekter Gegenentwurf zu Kapitalismus wie Sowjetsozialismus.

David ist bekennender und bekannter linker Sozialdemokrat bis Sozialist. Dass dieses nostalgische Element bei ihm besonders gut ankommt, steht außer Frage.

Er geht liebevoll und ironisch zugleich damit um.

Auf der Heckablage etwa findet sich ein Schal mit der Aufschrift Jugoslavjia.

Ansicht des hinteren Fensters eines roten Autos mit einer Decke und Autokennzeichen auf der Rückbank.

Am Fahrerspiegel in der Mitte hängen ein jugoslawischer Wimpel, ein katholisches Holzkreuz und eine orthodoxe Ikone. Die beiden Letztgenannten sind Souvenirs eines Mitfahrers vom vergangenen Jahr, der seinerseits Sozialist und Atheist ist. Ironische Kommentare auf das Wiedererstarken der Religion im zerfallenden und zerfallenen Jugoslawien und ihre bedenkliche Rolle im Nationalismus der Nachfolgestaaten.

Eine Hand hält das Lenkrad eines Fahrzeugs, während ein Schlüsselbund an einem kleinen Schild mit der Flagge Nordkoreas hängt.

Auch dieser Oldtimer selbst ist Teil des komplexen und widersprüchlichen Erbes Jugoslawiens. „Am Lederlenkrad erkennt man, dass dieses Auto für den Export produziert wurde, wahrscheinlich für Westdeutschland“, erklärt mir David. „Für den jugoslawischen Markt waren solche teuren Lenkräder nicht üblich“.

Tolle Beschleunigung, niedriger Verbrauch, und 120 Tage im Jahr

Auf den Landstraßen ins Burgenland beschleunigt das fast 40 Jahre alte Auto problemlos. „Der Jugo mag nur 65 PS haben, aber er wiegt deutlich unter einer Tonne. Da kriegst du schon eine ordentliche Beschleunigung zusammen“.

Blick auf eine Landstraße mit einem Truck vor einem Weizenfeld und Windkraftanlagen im Hintergrund.
Der Traktor war im Nu überholt.

Das liegt auch daran, wie genau David sein Auto in Schuss hält. „Alle Ersatzteile sind Originalteile“, sagt er. An die kommt man in Österreich mitunter nicht so einfach heran. „Es kann schon vorkommen, dass ich nach Beograd fahren muss, um mir bestimmte Teile zu besorgen und dort einbauen zu lassen“, schildert er. Dort hat er einen Händler, der ihm schnell Ersatzteile aufstellen kann.

Ein Mann steht neben seinem roten Auto mit offenem Motorhaube auf einem Feldweg.
Das ist keine Panne. David zeigt mir nur den Motor.

Drei technische Nachteile hat dieser Jugo: auch auf der Autobahn sind mehr als 120 km/h kaum drin, Beschleunigung hin oder her. Er hat keine Servolenkung. Klimaanlage gibt’s auch keine.

Als Oldtimer darf David ihn nur 120 Tage im Jahr fahren. Als Gegenleistung für diese Begrenzung setzt der österreichische Gesetzgeber einiges außer Kraft, was bei neueren Autos zwingend vorgeschrieben wäre. Abgasnormen etwa, und je nach Autotyp Gurten- oder Katalysatorenpflicht. Und man braucht das Pickerl nur alle zwei Jahre zu machen.

„Die 120 Tage reichen mir völlig“, sagt David. Mit dieser Grenze gehen sich auch lange Reisen aus. Im Sommer des Vorjahres etwa eine mehrwöchige Tour durch Serbien, Bosnien und Montenegro. Unter anderem ging es nach Guča, wo der Jugo zur Attraktion wurde. Und nach Kragujevac. Muss sein bei einem Jugo.

Ein Mann sitzt am Steuer eines roten Autos und schaut konzentriert aus dem Fenster. Im Hintergrund sind Felder und eine klare Himmel sichtbar. Im Auto hängt ein heiliges Abzeichen an der Innenspiegel.

Was es mit dem anderen Jugo aus Schwechat auf sich hat

Und nach Banja Luka, über das es eine Verbindung mit dem zweiten Schwechater Jugo gibt. Der ist kein Auto, sondern mein Arbeitskollege Jugoslav. David kennt ihn auch. Alle nennen ihn Jugo.

Jugos Familie stammt aus der Gegend von Banja Luka. Jugos Cousin Darko hat ein kleines Taxiunternehmen. Jedes Mal, wenn ich nach Banja Luka fliege, kontaktiere ich Darko, damit er mich vom Flughafen abholt.

Besagter Jugo hat in seinem Büro eine Kopie eines US-amerikanischen Werbeplakats für den Jugo aus den 1980-ern anhängen.

Mali je svijet.

Noch kleiner als die Welt ist deren kleinste Buchhandlung in Herceg Novi. Sie heißt Mimoza. Auch dort führte Davids Reise hin. Herceg Novi kennt er seit Langem. Die Mimoza besuchte er auf dieser Reise das erste Mal.

„Heh, da war vor kurzem ein Typ aus Österreich da, der hat deine Reportage über die Buchhandlung und mich gelesen„, hat mir Rade stolz erzählt, als ich keine zwei Wochen später in Herceg Novi war, um übers Hercegnovski Strip Festival zu berichten. Rade ist der Gründer und Besitzer der Mimoza. „Der war echt nett und interessiert, und die Sprache kann er super“.

David plant einen Zastava/Jugo-Klub

Langfristig soll Davids Jugo nicht nur sein privates Hobby bleiben, sagt er mir. „Ich möchte einen Zastava-Klub für den deutschsprachigen Raum gründen“, schildert er mir seine Pläne. „Der Anfang wäre natürlich der Wiener Raum. Da kenn ich zwei weitere Jugo-Besitzer. Einer ist übrigens der Erstbesitzer meines Autos. Der hat sich nachher wieder einen gekauft“.

Unter anderem soll der Klub regelmäßige Treffen und Ausfahrten organisieren. „Das kann man dann natürlich nicht von Wien oder Schwechat aus machen sondern wahrscheinlich weiter westlich. Es hat ja keinen Sinn, wenn jemand aus Bayern oder Tirol ganz nach Wien fahren soll“.

Das wäre auch ein Rahmen, in dem man die Oldtimer einer interessierten Öffentlichkeit vorstellen könnte. „Ich hab das mit meinem schon bei der einen oder anderen Kulturveranstaltung von Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien gemacht“, erzählt David auf der Rückfahrt vom Neusiedler See. „Da war er immer die Attraktion. Da haben sich Leute davor fotografiert, und es hat ihnen Freude gemacht. Genau so soll es sein“.

Für ihn so wichtig wie selbstverständlich: „Ich will mit so etwas kein Geld verdienen. Wenn bei mir jemand angefragt hat, hab ich immer gesagt: Zahlt mir halt ein Mittagessen. Was wichtig ist, ist, dass sich die Besucher freuen, und sich für das Auto interessieren“.

Roter Yugo auf einem Schotterweg, umgeben von Feldern und Bäumen im Hintergrund.

Ein weiterer Zweck eines solchen Oldtimer-Klubs: Informationsaustausch und gegenseitige Hilfe. Etwa, wo man Ersatzteile bekommt. Unterstützung bei der Reparatur oder der Suche nach geeigneten Werkstätten, Tipps, wie man ein Auto als Oldtimer anmeldet.

Und vielleicht die gemeinsame Hoffnung zu teilen, dass es irgendwann die Marke Jugo wieder auflebt. Auch wenn es das Land lange nicht mehr gibt, nach dem das Auto benannt wurde. Pläne, wieder Autos unter diesem Namen produzieren zu lassen, wurden in den vergangenen Jahren mehrfach lanciert. Kurz vor Realisierung zerschlugen sie sich.

„Schauen wir mal“, sagt David. „Ich bin gespannt, ob das wieder auftaucht“. Wichtiger ist ihm ohnehin, die Arbeit am Jugo-Klub voranzutreiben. Nächstes oder übernächstes Jahr könnte es so weit sein.

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