Ratko Mladić stirbt. Draglojub weint. Suzana salutiert. Nach dem toten Kriegsverbrecher krächzen vor allem Geier und Kirche. Reportage aus Banja Luka.
In der Nacht müssen sich die Lešinari doch noch organisiert haben. In der Früh liegt ein Blumenkranz vor dem Wandgemälde von Ratko Mladić in der Ulica Cara Lazara in Mejdan in Banja Luka. Daneben ein paar orthodoxe Kerzen.
Das ist ihr Territorium. Das ist ihr Wandgemälde. Es steht unter ihrem Schutz.
„Ein letzter Gruß dem General. Von den Geiern“, steht auf den Schleifen des Kranzes in Rot Weiß Blau. Das sind auch die serbischen Nationalfarben.

Die meisten Leute gehen achtlos vorüber.
Es ist halb acht in der Früh. Man ist auf dem Weg in die Arbeit. Hat anderes zu tun.
Einzig Dragoljub bleibt mit seinem vier Monate alten Welpen stehen. Mit der Hand berührt er das Gesicht von Ratko Mladić. Mladić war kommandierender General der Armee der Republika Srpska. Seine Soldaten ermordeten im Juli 1995 auf seinen Befehl 8.372 muslimische Jungen und Männer in Srebrenica.
„Die Lešinari (auf Deutsch: Geier) sind die Einzigen, die zu ihm stehen“, sagt Dragoljub. „Mein Kind war da auch beteiligt an der Kranzniederlegung.“
Wegen des Völkermordes war Mladić zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Die endete gestern urteilsgemäß in Den Haag.
Die Lešinari sind die Hooligans des Banja Lukaer Fußballklubs Borac. In den vergangenen Monaten haben sie ihr Territorium mit noch mehr Wandgemälden markiert als üblich. Sie sind stark nationalistisch orientiert. Man sieht es an vielen Wandgemälden und Stickern. Sie geben keine Seminare in gewaltloser Konfliktbeilegung. Sie lassen dich das wissen.

„Er hat uns Serben verteidigt“, seufzt Dragoljub. Tränen rinnen ihm herunter. In einer Hand hält er eine der dünnen Kerzen, die orthodoxe Christen für die Toten anzünden. „Heute haben sie alles verkauft, wofür er gekämpft hat“.
Dass Dragoljub hier ist, ist aus seiner Sicht ein widriger Zufall. Er hat mehrere Jahre im siebten Bezirk in Wien gelebt, erzählt er. Dort verlor er den Job. War angewiesen auf die Caritas. „Da stand ich vor der Wahl: Beograd oder Banja Luka“, erzählt er. Er wählte seine Heimatstadt. Er muss in den 40-ern sein.
Mit dem Blumenkranz haben die Lešinari offiziell gemacht, was jeder wusste, was nur die bosnischen Gerichte nicht wissen wollten: Das Wandgemälde auf dem Haus einer Volksküche und eines Veteranenvereins auf der Cara Lazara zeigt Ratko Mladić, den Völkermörder von Srebrenica.
Ein bosnisches Gericht urteilte Ende vergangenen Jahres, dessen könnte man keinesfalls sicher sein. Niemand wurde wegen des Wandgemäldes und der Verherrlichung des Völkermords von Srebrenica verurteilt. Der kritische Journalist Dragan Bursać berichtete.
Keiner liest als Erstes die Artikel über Mladić
Die Tageszeitungen haben alle Mladić auf den Titelseiten.
In einem Cafe vielleicht 50 Meter vom Wandgemälde trinken Pensionisten ein Bier oder eine Rakija. Ein paar haben einen Kaffee. Eine ältere Frau bringt Blic, ein Boulevardblatt aus Serbien, und Glas Srpske, eine republikaserbische, regimenahe Tageszeitung.
Sie schlägt die Zeitung von hinten auf.
Ein älterer Mann mit seiner zweiten Rakija schnappt sich Blic. Kurz blickt er aufs Titelblatt. Dann stürzt er sich auf den Sportteil.
„Mladić ist tot“, sagt die Kellnerin beiläufig. „Ja, der General“, sagt die Frau, die die Horoskope in Glas Srpske liest. „Es ist so viel zu tun. Ich arbeite die ganze Woche. Bis Montag hab ich keinen freuen Tag“, fährt die Kellnerin fort.
„Wie viel Pension hast du?“, fragt ein Kaffee trinkender Pensionist den am Nebentisch. „800 Mark? Du bist reich“. Das sind 400 Euro.
Die Zeitungen gehen von Tisch zu Tisch. Das ist Morgenritual in dem kleinen Kaffee. Niemand schlägt zuerst die Vorderseiten auf, auf denen alle Details zu Mladić stehen, und zu seinen Verbrechen, die aus Sicht nationalistischer Serben seine Verdienste sind. Sofern sie zugeben, dass es sie gegeben hat.
General nennt man ihn hier. Manchmal ehrfürchtig. Manchmal distanziert. Manchmal beiläufig.
Donnerstnachmittag wurde bekannt, dass er im Gefängnis in Den Haag verstorben war.
Am Abend war der Tod des Kriegsverbrechers kein Thema in der Stadt
Den ganzen Abend und die Nacht über schien das niemanden zu interessieren.
Ich sah kein einziges betretenes Gesicht auf den Straßen der Stadt.
Das Wandgemälde wandgemäldete vor sich hin.
Ein Mann auf der angrenzenden Kreuzung würdigte es eines kurzen Blickes. Seine Aufmerksamkeit galt einem Freund, der ihn abholte.
Auf der anderen Straßenseite spielte ein kleiner Bub mit einer jungen Streunerkatze.
Im Schanigarten eines Cafes in Sichtweite des Gemäldes saß ein Roma-Paar. Die älteste Tochter kam aus dem Lokalinneren.
„Hast du gegessen?“, fragte der Vater.
„Ja“, sagte die vielleicht 13- oder 14-Jährige. Am Bauch mit Trageschlaufe um den Hals trug sie eine Lade mit etwas, das nach Parfümfläschchen aussah.
„Geh, und pass auf auf dich“, sagte die Mutter. Das Mädchen eilte Richtung Stadtzentrum. Es war kurz nach Sonnenuntergang.
Ein kleines Cafe auf der stadtseitigen Seite des Vrbas, wenig später.
Ana kann das Rauchen nicht lassen. „Wie geht’s dir denn mit der Hitze?“, fragt die Kellnerin. „Schwer“, sagt Ana. Es kann nicht mehr lange dauern, bis ihr Kind kommt.
Ein älterer Mann in Republika Srpska-T-Shirt unterhält sich mit einem jungen Arbeitskollegen über den nächsten Arbeitstag.
Im Inneren Fotos von Bob Dylan, Bob Marley, Joe Cocker. Dazwischen etwas überdimensioniert Vladimir Putin.
Mineralwasser ist ausgegangen. Die Kellnerin bringt mir ein Glas Wasser mit viel Eis. Und eine eiskalte Flasche Nikšićko. „Zwei Mark 50“, sagt sie. „Zwei Mark 50“, wiederhole ich erstaunt. „Ja, soll ich’s dir auf Englisch sagen?“
So günstig hab ich seit Jahren kein Bier gesehen. Nicht mal in Albanien.
Das Wort Mladić fällt kein einziges Mal. Niemand spricht vom General.
Die Kellnerin wechselt zwischen den Sportkanälen. Anas Freund oder Ehemann will das Borac-Spiel sehen.
Borac spielt zuhause. Dort sind die Lešinari, und nicht auf der Straße.
In der Innenstadt ist es vielleicht eine Spur ruhiger als am Wochenende. In keinem der drei üblichen Innenhöfe gibt es heute Abend ein Live-Konzert. Turbofolk und andere volkstümliche Schunkelmusik. „Es ist Donnerstag, da haben wir normalerweise keine Konzerte“, sagt Ivana achselzuckend. „Morgen und übermorgen geht es ab“. Ivana ist Kellnerin in einem der Innenhof-Lokale, die die Konzerte veranstalten.
Auch in Banja Luka gibt es nicht jeden Abend Party. Mit Mladić hat das nichts zu tun.


Nach dem Spiel ziehen ein paar Lešinari durch die Innenstadt. Sie rufen Fußballparolen. Sie sind nicht übermäßig laut. Keiner wirkt bedrückt vom Tod des Kriegsverbrechers, der ihnen ein Held ist.
Im Stadion haben sie ihn mit Gesängen während des Spiels hochleben lassen. Das war offenbar genug.
Zu dem Zeitpunkt waren hunderte republikaserbische Nationalisten durch Städte wie Zvornik gezogen und hatten den toten Völkermörder hochleben lassen. In mehreren Städten in Serbien gab es ebenfalls Trauerkundgebungen.
In vielen Fällen waren es vor allem Fußballhooligans, die für die Kundgebungen mobilisiert hatten und mobilisiert wurden. Fußballfantum ist im ehemaligen Jugoslawien einer der wichtigsten organisatorischen Träger von Rechtsextremismus und Nationalismus. Es geht durch alle Ethnien und Religionen.
Orthodoxe Kirche trauert um Mladić
Ein zweiter Träger sind die Religionsgemeinschaften. Das sieht man an diesem Freitagvormittag auch in der Innenstadt von Banja Luka.

Seit kurz vor neun Uhr stehen die Menschen vor der Hauptkirche in der Innenstadt. Eine Schlange steht vor dem Verkaufsschalter der orthodoxen Kirche und kauft Wachskerzen.
Eine zweite Schlange steht vor dem Haupteingang.

Zusammen sind es in der Regel zu keinem Zeitpunkt wesentlich mehr als 30 Leute. Aber der Zustrom zieht sich über Stunden.
Dazwischen hat jemand ein großes Foto von Mladić in Generalsuniform aufgestellt.

Suzana salutiert vor dem Foto.
„Früher war ich Jugoslawin“, seuft sie. „Aber heute?“
Christsein ist ihr wichtig, sagt sie. Muslime hasst sie. „Ihr in Wien, ihr solltest das wissen. So viele sind bei euch“.
Zu fragen, ob Ratko Mladić aus ihrer Sicht ein Kriegsverbrecher war oder ein Held, erscheint überflüssig.

Flaggen sind nicht auf Halbmast gesetzt
Die offizielle Republika Srpska zeigt sich zurückhaltender.
Die Fahnen vor dem Präsidentenpalast gleich neben der orthodoxen Hauptkirche wehen in normaler Höhe.
Auch beim neuen Denkmal für die Gefallenen der Armee der Republika Srpska im Bosnien-Krieg in den 1990-ern ist keine der Fahnen auf Halbmast gesetzt.
Seitdem der damalige Hohe Repräsentant in Bosnien, Valentin Inzko, ein Gesetz erlassen hat, das es verbietet den Völkermord von Srebrenica zu leugnen oder zu verherrlichen, ist es etwas komplizierter geworden.
In einer langwierigen und komplizierten Geschichte führte das Gesetz dazu, dass der damalige Präsident des Teilstaats Republika Srpska, Milorad Dodik, abgesetzt wurde.
Vielleicht erklärt das die bisherige Zurückhaltung.
Sie ist umso erstaunlicher, wenn man die nationalistische Propaganda rund um Mladić bedenkt. Die hatte sich in den vergangenen Jahren immer mehr gesteigert. Siehe etwa diese Reportage.
Ganz wesentlich hat auch der serbisch dominierte Teilstaat seine Existenz Mladić und seinen Verbrechen zu verdanken. Die Armee der RS und mit ihr verbündete Milizen brandschatzten, mordeten, vergewaltigten sich durch bosnjakische und manchmal kroatische Dörfer oder machten deren Einwohnern klar, dass es doch anderwärtig etwas netter sei. Dort, wo man keinen serbischen Teilstaat hatte, den man gemäß den Zielen der politischen Führung der RS Serbien anschließen wollte.
Ethnische Säuberung nennt man das. Das klingt netter.
Auch die bosnische Armee, bosnjakische und kroatische Milizen begingen zahlreiche Kriegsverbrechen und „säuberten ethnisch“. Keine Seite freilich tat dies in dem Ausmaß wie die Armee der RS unter Ratko Mladić.
Im Friedensvertrag von Dayton bekam die RS 49 Prozent des bosnischen Staatsgebietes als weitgehend autonomen Teilstaat zugesprochen. Die Grenzen orientierten sich im Groben an den militärischen Verhältnissen und den ethnischen Realitäten, die die Armee der RS geschaffen hatte.
Die Details zum Begräbnis von Mladić werden in den nächsten Tagen bekanntgegeben. Man darf erwarten, dass sich die Führung Serbiens und der Republika Srpska dort weniger zurückhaltend zeigen werden.
Und dass auch in Banja Luka Kirche und Geier alles tun werden, um möglichst große Trauerkundgebungen zu organisieren. Beiden liegt daran, den Eindruck zu vermitteln, dass wirklich alle ethnische Serben den verstorbenen Kriegsverbrecher als Helden sehen.
Diese Reportage ist in Übersetzung auch bei Balkan Stories Kooperationspartner Lupiga erschienen.
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Ein tolles Stimmungsbild! Leider finden selbst Kriegsverbrecher und Massenmörder ihre Verehrer. Passiert bei uns übrigens auch. Laut AfD-Funktionären brauchen wir eine Wende in der Erinnerungskultur um 180°. Auch die „Leistungen“ der Soldaten sollen häufiger geehrt werden. Millionen ermordeter Zivilisten ist ja auch eine Leistung. Irgendwie.