Mit dem Erzählband Hotel Balkan ist Miroslava Kuľkovás Erstlingswerk in deutscher Übersetzung im renommierten Verlag danube books erschienen. Den Aufwand hätte man sich sparen können.
„In dieser Stadt trinken die Menschen keinen Cappuccino – seine Farbe erinnert sie an das Wasser, in dem sie in den Neunzigern während der vier Jahre andauernden Belagerung ihr Geschirr wuschen“. Das sind die ersten Sätze von Hotel Balkan, dem Erzählband von Miroslava Kuľková. Unschwer zu erraten, geht es um Sarajevo.
Man liest, und reibt sich die Augen.
Jedes Cafe, das ich in Sarajevo besucht habe, hat Cappuccino. Viele Sarajlije trinken Cappucino. Auch die, die während der 1.425 Tage langen Belagerung in der Stadt waren. Als Kinder, als Jugendliche, als Erwachsene. Ich habe diese Geschichte kein einziges Mal in Sarajevo gehört.
Ich war auch erst knapp 30 Mal in der Stadt. So gut wie jedes Mal dauerte der Besuch ein bis zwei Wochen. Was weiß ich im Vergleich zu einer Jungautorin, die nicht so recht zu überzeugen vermag, dass sie jemals dort war?
Es wird im gesamten Kapitel nicht besser. Es wird nicht weniger klischeebeladen. Es wird nicht weniger reißerisch. Es wird nicht weniger platt. Es wird nicht weniger ideenlos.
In Sarajevo laufen offenbar nur schwerst Kriegstraumatisierte herum
Da schildert die Autorin, wie sie zu Iftar mit einer Freundin in einem Lokal über der Stadt sitzt. Der Mörser wird abgefeuert. Er signalisiert das Fastenbrechen. (Mehr siehe diese Reportage.) Ein Mann dreht durch, versteckt sich kriegstraumatisiert unter dem Tisch und schreit: Pazi Snajper. Achtung, Scharfschütze!
Wenn Kuľková jemals in Sarajevo war, muss das um das Jahr 2020 gewesen sein. Das ergibt sich aus verschiedenen anderen Anspielungen im Erzählband. Das war 25 Jahre nach dem Krieg.
So sehr der Krieg und seine Traumata bis heute die Stadt prägen, so wenig war die Stadt 25 Jahre nach Kriegsende voll von Traumatisierten, die bei jedem lauten Knall Panikattacken bekamen. Ich habe eine solche Szene noch nie erlebt. Sie ist extrem unwahrscheinlich.
Unsinnig ist, dass jemand nach einem symbolischen Mörserschuss vor Scharfschützen warnen sollte. Wenn er noch so schlimm traumatisiert wäre, würde er sich vor einer Granate fürchten. Ein Scharfschützengewehr hätte er vermutlich nicht einmal gehört.
Dann helfen die Erzählerin und eine bosnische Freundin dem Mann auf. „Er ist überraschend leicht.
Nur Haut und Knochen. Der grobe Mantel lockert sich für einen Moment aus seinem Griff, entblößt vernarbte Hände.“
Das ist ein bisschen viel Klischee.
An den Raben sollst du sie erkennen
Oder der Rabe, der sie attackiert. Vermutlich ist es eher eine Krähe. Derer gibt es deutlich mehr in Sarajevo. Raben würden eben sehr alt, zitiert sie eine Gesprächspartnerin. „Während des Krieges kam es oft vor, dass eine verirrte Kugel auf schwarzes Gefieder traf. Die Raben vergessen nicht.“
Was für ein ausgemachter Unsinn.
Ein Gewehrprojektil zerfetzt einen Raben, und gar eine Krähe. Wie sollte ein Vogel gleich daneben das mit Menschen in Verbindung bringen? Der Vogel wüsste nicht mal, von woher das Projektil gekommen ist. Und warum sollte das Tier daraus offenbar einen Hass auf alle Menschen entwickeln?
Auch ich bin von Krähen attackiert worden. Das war in Skopje. Zur Brutzeit glauben sie, ihre Nester verteidigen zu müssen. Das ist eine wesentlich plausiblere Erklärung. Sie ist nur weniger platt und klischeebeladen.
Das sind nur einige der Ungereimtheiten in diesem einen Kapitel. Es gibt zahlreiche weitere, auch in anderen Kapiteln.
Raben werden in Hotel Balkan ein zweites Mal eine Rolle spielen. Und bestätigen, wie die Autorin die Region sieht, und wahrscheinlich ein wenig über ihr Selbstverständnis verraten.
Die westliche Präpotenz der Autorin
Das tut auch eine Passage im Kapitel über Sarajevo, die mit der Rahmenhandlung zu tun hat: Eine Reihe an Erzählerinnen bereist die Region. „Ich soll sie beschreiben, Daten über sie sammeln und in Gesprächen mit mächtigen Männern und Frauen des Balkans Antworten auf die Frage finden, woran Beziehungen zerbrechen und wie sie wieder heilen können.“
Genau, auf junge Slowakinnen haben die dort gewartet, die ihnen ohne irgendeine vorhergehende Recherche dümmlich-seichte Fragen stellen… Die gleichen dümmlich-seichten Fragen, die ihnen seit 30 Jahren junge NGO-Mitarbeiter und hauptberufliche Weltenretter und Postcolonial Studies-Studis stellen, und sich dann enorm kritisch und gescheit vorkommen.
Meine liebe Freundin Selma Asotić hat über diesen Typ Menschen, und wie ihn die Leute in Sarajevo sehen, ein Gedicht geschrieben. Ich hoffe, ich finde es irgendwo. Aber was weiß schon Selma? Sie ist ja nur in der belagerten Stadt geboren worden, und hat dort die ersten knapp 30 Jahre ihres Lebens verbracht.
„Die Staatsrätin nimmt im Hotel Europa ein traditionelles Balkan-Frühstück zu sich – eine Zigarette und
schwarzen Kaffee“, schildert die Autorin ein Treffen mit einer der mächtigen Frauen des Balkan. „Sie lacht, als ich ihr sage, dass man in unserem Land in Innenräumen nicht mehr rauchen darf. Der Balkan ist ein Eldorado. Vergnügt nimmt sie einen weiteren Zug.“
Für so wenige Sätze hat Kuľková sehr viel westliche Präpotenz hineingepackt. „Ich, die zivilisierte Frau aus dem Westen kläre euch über eure Barbarei auf“.
Slowaken, so lernt man, dürfen die Bosnier nicht nur im wahrsten Sinn des Wortes ausbeuten. Siehe dieses Beispiel systematischer Ausbeutung. Sie sind so im Westen angekommen, dass sie mittlerweile auch die Balkanier mit exotisierendem Blick betrachten dürfen.
Wenn sie junge Autorinnen aus der Slowakei sind, werden sie dafür auch gefeiert.
Orte und Menschen sind austauschbare Klischees. Die Frauen sind Opfer. Die Männer blöd oder brutal.
Viel besser wird es in den meisten der restlichen sieben Kapitel von „Hotel Balkan“ nicht. Die Orte sind Klischees, die Menschen austauschbar. Warum die Erzählungen dort spielen und nicht woanders, bleibt unklar.
Die Einwohner des Balkan, die bleiben für die Autorin immer nur seelenlose, blasse Projektionsflächen für geheuchelte Empathie oder Abscheu und Misstrauen. Ersteres gilt ausnahmslos allen weiblichen Hauptfiguren, zweiteres mit einer Ausnahme allen männlichen Haupt- und Nebenfiguren.
Die Männer, sie sind alle blöd, brutal und zumindest potentielle Vergewaltiger – mit einer einzigen Ausnahme.
Die Frauen, sie sind unbeteiligte, weitgehend handlungsunfähige Opfer. Wenn sie nicht mehr aushalten, wie sie ihre Männer be- und misshandeln, verlassen sie sie oder ertränken sich im Ohridsee.
Letztere Episode ist geradezu prototypisch. Itema, geboren in Albanien, ist in Ohrid seit einem Jahr mit Goran zusammen, einem Mazedonier. Goran ist langweilig, hört ihr nicht zu, redet sie nieder, ist nur auf sein Dasein als Influencer konzentriert. Vor einem halben Jahr hat sie ihn verlassen. Goran hat sie mit nicht sehr verhohlenen Selbstmorddrohungen erpresst, zu ihm zurückzukommen.
Eines Abends macht er ihr vor laufendem Livestream am Ufer des Ohridsees einen Heiratsantrag. Sie nickt. Er steckt ihr den Ring an den Finger. Sie geht in den See und ertränkt sich.
Viel mehr Handlungsspielraum gibt Kuľková ihren Protagonistinnen nicht. Sie kämpfen nicht, sie protestieren nicht, sie können es nicht. Sie sind einfach nur Opfer. Balkanierinnen halt.
Die Männer? Mindestens eine versuchte Vergewaltigung, eine angedeutete Vergewaltigung, ein kroatischer „Berater der Präsidentin“, der sich vor der fragestellenden Ausländerin in seinem Büro auszuziehen beginnt, ein Vater, der seine verprügelte Tochter zu ihrem gewalttätigen Ehemann zurückschickt, der Langeweiler Goran, der seine Freundin in den Selbstmord treibt, der Ex-Freund Amras, der als Reaktion auf die Trennung die Wohnzimmermöbel mit einer Axt kleinschlägt. Balkanier eben.
Das ist in bisschen viel in acht Erzählungen auf 80 Seiten.
Der titelgebende Balkan, der ist nur die schlecht ausgeleuchtete und noch schlechter erforschte Kulisse, vor der eine Stunde Gruppentherapie einer Frauenselbsthilfegruppe verhandelt wird. Das ist gefühlsduseliger Pseudofeminismus.
Menschen mit Würde sind weder die Frauen noch die Männer. Oder überhaupt Menschen mit Gefühlen und Hoffnungen.
Exotismus und Klischees kommen an
Das ist Auf-die-Tränendrüsen drücken mit viel Exotismus. Bei manchen Leserinnen kommt das an: „Da ich selbst recht wenig über diesem Teil der Welt weiß, war ich gespannt auf die Geschichten. Sie haben mir tatsächlich viel erzählt. Und vor allem waren es für mich Geschichten über Frauen, die in diesen Ländern noch einen ungleich größeren Kampf um Frauenrechte und Sicherheit für Frauen vor sich haben als hierzulande. Das hat das Buch für mich bemerkenswert gemacht, zudem Kuľková auch sprachlich fein arbeitet“, heißt es etwa in dieser Rezension.
Oder: „Das schmale Buch der Debütantin Miroslava Kuľková, Hotel Balkán, ist eine meisterhafte Sammlung feinsinniger Beobachtungen, die uns weit über die kroatischen Strände hinausführt. Sie zeigt uns das heiße Herz des Balkans und all die Narben, die nicht verheilt sind – und das mit einer so bezaubernden Einfühlsamkeit, dass Sie nicht aufhören können zu lesen. Eine feinsinnige Sprache, scharfsinnige Beobachtungen und Sensibilität – was könnte sich ein Leser mehr wünschen?“ Das schreibt Zora Handszová in der slowakischen Pravda.
Welche Einfühlsamkeit, welche scharfsinnigen Beobachtungen, welche Sensibilität, bitte? Aber man merkt, woher der Wind weht. Es ist halt mehr als kroatische Strände und bedient das Stereotyp des „heißen Herz des Balkans“ und dazu all die unverheilten Narben. Man könnte kotzen, so entwürdigend ist das.
Das soll die Gewalt an Frauen am Balkan nicht kleinreden. Die ist gesellschaftlich deutlich mehr akzeptiert als weiter nördlich. Ob sie auch häufiger ist, ist eine andere Frage. Die lässt sich schwer beantworten. Dunkelfeldstudien gehen davon aus, dass in so gut wie jedem so genannten westlichen Land in etwa ein Drittel aller Frauen Gewalt durch einen intimen Partner ausgesetzt war.
Was es wirklich für Frauen am Balkan schwieriger macht als in westlichen Staaten, ist die wirtschaftliche Lage. Trotz aller merkbaren Fortschritte beim Lebensstandard ist es generell für Alleinstehende wesentlich schwieriger, eine eigene Wohnung zu finanzieren als das in den meisten Industrienationen der Fall ist. Das macht unter anderem Frauen abhängiger von ihren Partnern, und lässt sie Gewalt eher erdulden.
Diese Ebene freilich erörtert Kuľková nicht einmal. Der kulturalistische Blick genügt ihr.
In der Zivilisation sind auch die Raben zahm
Das zeigt sich auch in der letzten Passage des Buches. Eine junge Frau flieht vor ihrem Mann nach einer – im Text angedeuteten – Vergewaltigung zu ihrer Tante nach Prag. Auch dort gibt es im Hinterhof Raben. Die sind zahm. Man ist in der Zivilisation angekommen.
In Summe war dieses Buch das mit Abstand schlechteste, das ich in den vergangenen 15 Jahren gelesen habe, mit Ausnahme vielleicht von „Die neue Klasse“ von Milovan Đilas. Siehe diese Rezension. Nur, an Đilas‘ Buch hat niemand literarische Ansprüche – gleichwohl es ähnlich gefeiert wurde wie „Hotel Balkan“, und man vermutet: Weitgehend von den gleichen Leuten aus weitgehend den gleichen Gründen.
Miroslava Kuľková liefert in „Hotel Balkan“ auch sehr Gelungenes
Das heißt nicht, dass ich Miroslava Kuľková für eine völlig unfähige Autorin halten würde.
Es finden sich einzelne Passagen, die herrlich zu lesen sind. Etwa Itemas Traum über ihre verstorbene Großmutter gleichen Namens. Da bekommt eine Protagonistin für einen kurzen Moment Seele, Gefühle, Fantasie. Das ist eine wirklich starke Passage.
Auch die Schilderung, wie die Großmutter stirbt, ist gut gelungen. Das hat einen poetischen Klang. Da zeigt die Autorin, dass sie etwas kann.
Gelungen ist grosso modo auch das Kapitel aus Beograd – auch wenn gerade dort keine einzige Szene im Hotel Balkan spielt. Die Stadt ist die einzige Stadt der ganzen Region, die ein Hotel dieses Namens hat. Wieder, nachdem es zehn oder 15 Jahre geschlossen war…
Hier arbeitet Kuľková plastisch heraus, welche Rolle die NATO-Bombardierung 1999 im Bewusstsein der Menschen spielt. Da wäre gerne mehr gegangen, und mit mehr Distanz. Das Kapitel hat in einige Punkten seine Probleme. Aber in Summe gelungen.
Auch das Zagreber Kapitel hat seine Momente. Überraschend frei von Präpotenz schildert die Autorin ein Treffen mit einem Gesprächspartner, der über seinen verstorbenen Großvater erzählt. Der war bis zum Schluss ein Anhänger Titos. Diese Szene ist die einzige, in der so etwas wie Verständnis für die Lebensrealität der Nachfolgestaaten Jugoslawiens durchschimmert.
Vielleicht liegt das daran, dass offenbar für Kuľková Zagreb die vertrauteste der balkanischen Hauptstädte war. Sie fühlte sich sehr an die Heimat erinnert. Das hat den Exotismus abgemildert, der einem sonst im Buch entgegenspringt.
Kuľková scheint auch eine Neigung zum Lakonischen zu haben. Das schätze gerade ich sehr. Das müsste sie halt anhand von Themen entwickeln, die ihr leichter zugänglich sind.
Es ist noch keine Schriftstellerin vom Himmel gefallen
Es wäre besser gewesen, ein Verlag hätte Kuľková gedrängt, diesen Erzählband gründlich zu überarbeiten. Sie wäre fähig, ein gelungenes, lesenswertes und informatives Buch zu schreiben. Eines, das Interesse an den Menschen der Region wecken könnte, und nicht nur bestehende Meinungen Uninformierter bestätigen.
Da bräuchte sie nicht nur gute und fordernde Betreuung im Verlag, sie müsste auch den exotisierenden Blick ablegen, wenn sie auf den Balkan fährt. Oder sollte über eine andere Region schreiben.
Es ist keine Schriftstellerin vom Himmel gefallen. Schriftsteller auch keiner. Journalist ebensowenig. Auch ich habe mein Handwerk lernen müssen, in der mitunter harten Schule von Lokal- und Regionalredaktionen. Das dauerte Jahre. Ich bin meinen Lehrerinnen und Lehrern dankbar, dass sie mich nie ein Radiofeature oder eine Doku hätten produzieren lassen, bevor ich ansatzweise dazu bereit gewesen wäre.
So jemand hat Kuľková in ihrer literarischen Entwicklung gefehlt. Das ist bedauerlich. Das Ergebnis ist ein so misslungenes Erstlingswerk, Vergleichbares hätte und hat bei anderen Autorinnen und Autoren das Karriereende bedeutet.
Dass dem nicht so ist, hat Kuľková nur dem Umstand zu verdanken, dass man den Balkan und seine Bewohner nördlich der Alpen für Barbaren hält, denen man alles antun kann, darf und soll. Auch literarisch.
Miroslava Kuľková: Hotel Balkan. Erzählungen. Erschienen in Übersetzung bei danube books.
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