Brigada Beč: Entwicklung bereitet Sorge

Experten für Rechstextremismus, Lokalpolitik und Antifaschisten reagieren besorgt auf die erhöhten Aktivitäten der rechsextremen ethnisch-serbischen Gruppe Brigada Beč, die Balkan Stories aufgedeckt hat.

„Wir beobachten die Entwicklung auch mit Sorge“, schreibt Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, als ich ihm Fotos schicke, die zeigen, wie die Brigada Beč die Brestelgasse in Wien Ottakring als ihr Territorium markiert hat. Balkan Stories berichtete exklusiv.

Andreas ist einer der führenden Rechtsextremismusexperten in Österreich. Seit Jahrzehnten beobachtet er und forscht er unter anderem zu Gruppen, mit denen rechtsextreme Bewegungen Nachwuchs rekrutieren. Die Brigada Beč ist eine dieser Gruppen.

Neu ist sie ihm nicht. In den vergangenen beiden Jahren drängte die Brigada an die Öffentlichkeit, ist der ethnisch-serbische Arm der neofaschistischen Identitären.

Das sieht man auch an dieser Hauswand in der Geblergasse in Wien Hernals. Offensichtlich sollte es für den Identitärenaufmarsch Ende Juli mobilisieren.

Die Brigada hat das nicht mit ihrem Schriftzug gebrandet. Der Zusammenhang ist gleichwohl offensichtlich. Es wäre überraschend, würde eine andere Gruppe dahinterstecken.

Wand mit Graffiti in verschiedenen Farben und Schriftzügen, darunter Anarchie-Symbole und politische Botschaften.

Territorium markieren und Gegner einschüchtern

Dass die ganze Brestelgasse ein paar hundert Meter von diesen Schmierereien voll ist mit Brigada-Graffiti ist für Andreas alles andere als harmlos.“Auf jeden Fall soll damit Territorium markiert und Gegner und Feinde eingeschüchtert werden.“

Ähnlich sieht es Gerald Netzl, Vorsitzender des Bunds sozialdemokratischer Freiheitskämpfer. Dass eine rechtsextreme Gruppe eine ganze Gasse reklamiert, ist aus seiner Sicht eine gefährliche Eskalation. Die Brigada wolle mit der Vorgangsweise „Territorium markieren. Ich kenne Ähnliches vor allem von Fußball-Fanklubs.“

Ob er jemals eine derartige Dichte an rechtsextremen Graffiti beobachtet habe wie in der Brestelgasse? „Mit ist Ähnliches nicht bekannt“, sagt Gerald.

Der schwierige Kampf gegen die rechtsextremen Schmierereien

Besorgt reagiert auch das Büro der Ottakringer Bezirksvorsteherin Stefanie Lamp (SPÖ). Dort wusste man davon, dass die eine Passage am Ende der Brestelgasse vollgesprüht war mit rechtsextremen Slogans der Brigada. Das Ausmaß der rechtsextremen und teils extrem nationalistischen Schmierereien im Rest der Gasse war nicht in dem Maß bekannt, wie es Balkan Stories dokumentierte.

Die Bezirksvertretung arbeite seit Wochen daran, die Schmierereien entfernen zu lassen. Die Hausbesitzer seien großteils nicht kooperativ, das erschwere die Sache.

Was es aus Sicht der Bezirkspolitik nicht einfacher macht, ist, dass die Brigada keine Symbole verwendet, die in Österreich verboten sind. Bei einem Hakenkreuz etwa könnte man relativ umstandslos einen Reinigungstrupp schicken.

Selbst bei dem Ratko Mladić-Graffiti geht das ohne Zustimmung der Hausbesitzer nur über aufwändige behördliche Verfahren. Das Graffiti verherrlicht einen Kriegsverbrecher, der für den Völkermord in Srebrenica verantwortlich ist. Das könnte in Österreich durchaus strafbar sein.

Wand mit Graffiti, einschließlich blauer und schwarzer Farbspritzer sowie Buchstaben PTK und XPJ.

Zugeknöpft gibt sich die Direktion für Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN), der österreichische Inlandsnachrichtendienst. Die DSN ist die zuständige Polizeibehörde, um Rechtsextremismus, Neonationalsozialismus und Terrorismus zu bekämpfen.

„Die Brigada Beč ist bekannt“, heißt es auf Anfrage von Balkan Stories. Nähere Auskünfte zu einzelnen Gruppen gebe es nicht, heißt es aus dem Innenministerium. Genannt werden ermittlungstaktische Überlegungen.

Brigada Beč Zeichen für Zulauf ethnisch-serbischer Jugendlicher zu rechtsextremen Gruppierungen

So besorgniserregend die Eskalation sein mag, überraschend ist sie aus Sicht des DÖW nicht: „Die Anzeichen für einen Zulauf von serbischstämmigen Jugendlichen (zu rechtsextremen Gruppierungen, Anm.) gab es, die Gründung der BB ist Ausdruck davon“, schreibt Andreas Peham.

Die Radikalisierung zeigt sich auch in den zahlreichen serbisch-nationalistischen Graffiti und Aufklebern in Bezirken mit besonders vielen ethnisch-serbischen Einwohnern. So viele wie jetzt waren es noch nie. Auch das hat Balkan Stories vor Kurzem dokumentiert.

Das ist Ausdruck des allgemeinen Rechtstrends in Industriestaaten. Gleichzeitig spielt mit, wie sehr das serbische Regime und das der Republika Srpska in Bosnien serbischen Nationalismus normalisiert haben. Das schwappt mittlerweile bis nach Österreich herüber.

Unklar ist, ob in Wien wie in Serbien die nationalistischen Flügel von Fußball-Fanklubs eine organisatorische und finanzielle Stütze dieser Radikalisierung sind. In Serbien spielen vor allem die Delije eine Rolle, die Ultras von Crvena Zvezda aus Beograd.

Die sind auch in Wien relativ gut organisiert, sagt Andreas Peham. In der Arbeit für den DÖW kriege er aber wenig von ihnen mit. Soll heißen: Sie sind hierzulande nicht besonders einschlägig auffällig.

Dass die offiziell organisierten Delije auch hierzulande auf Linie sind, ist offensichtlich. Die Aktivitäten scheinen aber eher Richtung Serbien gerichtet als auf Österreich. Es gibt zumindest auf der Homepage keinerlei Hinweise, dass die Delije die Brigada Beč unterstützen oder sie gutheißen.

Sollte sich herausstellen, dass Mitglieder der – sehr kleinen – Brigada bei den Delije organisiert sind, würde das für sich nicht den Schluss erlauben, dass letztere etwas mit der Brigada zu tun haben oder zu tun haben wollen.

Balkan Stories wird diese Geschichte weiterverfolgen. Ich hoffe, euch bald informieren zu können, ob bzw. dass die Schmiererien in der Brestelgasse entfernt wurden.

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2 Gedanken zu “Brigada Beč: Entwicklung bereitet Sorge

    1. Ich fürchte, es geht über die EU hinaus. Das heißt nicht, dass nicht auch die EU vielleicht einen Beitrag leisten könnte. Aber die Wurzeln dieser Entwicklung liegen um einiges tiefer, und betreffen so gut wie alle Industriestaaten, sowie etliche ehemalige sozialistische Staaten.

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