Messerattentat auf prominente Aktivistin. Video.

Bei den Massenprotesten in Serbien ist es am Sonntag erneut zu einer gewalttätigen Eskalation gekommen. Eine Frau stach auf die Dekanin der Philosophischen Fakultät in Niš ein. Die Menschen lassen sich von diesen Eskalationen nicht einschüchtern und gehen weiter in Massen auf die Straße. Video.

Die Nachricht vom Messerangriff auf Natalija Jovanović ist am Sonntag wie eine Schockwelle durch Serbien gegangen.

Eine Frau stach während einer Protestkundgebung in der Innenstadt von Niš auf die Dekanin der Philosophischen Fakultät der Uni Niš ein und verletzte sie an der Hand. Die Angreiferin soll auch mit einem Säureattentat gedroht haben.

Jovanović wurde mit einem Krankenwagen ins Spital transportiert. Die Angreiferin wurde festgenommen, berichtet der kritische Fernsehsender N1.

Am frühen Nachmittag wurde Jovanović aus dem Krankenhaus entlassen.

Dieses Video auf Twitter/X zeigt, wie die Angreiferin entwaffnet wird. Sie soll angegeben haben, dass sie ein ärztliches Attest hat, dass sie „nicht normal“ sei.

Jovanović war in den vergangenen Monaten wiederholt bedroht worden. Sie ist eine der lautstärksten Unterstützerinnen der Studentenproteste, die seit vier Monaten die serbische Innenpolitik und den öffentlichen Raum im Land dominieren – und die sich zur größten Protestbewegung in Europa mindestens seit 1989 entwickelt haben.

Regierungskritiker halten den Angriff auf sie für das Ergebnis der Propaganda regimetreuer Medien gegen Jovanović in den vergangenen Monaten.

Mehr über diese Kampagne könnt ihr in dieser Analyse von Balkan Stories lesen.

Auch Jovanović machte nach ihrer Entlassung aus dem Spital Serbiens Präsident Aleksandar Vučić verantwortlich für den Angriff auf sie. In einem öffentlichen Auftritt sagte sie über die Spannungen im Land: „Wir wissen, wer sie verbreitet, und diesmal beschuldige ich nur einen Menschen, das Messer gegen mich gezogen zu haben. Das ist der Präsident dieses Staates.“

Die Präsidentin der Nationalversammlung Serbiens, Ana Brnabić. verurteilte den Angriff auf Jovanović am Sonntag. Sie sei froh, dass die Dekanin nur leicht verletzt worden sei.

Gleichzeitig sagte die ranghohe Funktionärin der serbischen Regierungspartei SNS, dass diese Verurteilung den Unterschied zwischen der Regierung und den Demonstranten ausmache. „Wir verurteilen jede Form von Gewalt, immer und ohne Unterschied“.

Tatsächlich seien es „die anderen“, die täglich zu Gewalt aufrufen und Gewalt ausüben würden, schrieb Brnabić in ihrer Stellungnahme.

Dutzende Übergriffe gegen Protestierende

Sollte der Angriff im Zusammenhang mit den Massenprotesten stehen, wäre es nicht das erste Attentat auf Aktivistinnen oder Aktivisten der Protestbewegung. In den vergangenen Monaten überfuhren mindestens zwei Autofahrer protestiertende Studentinnen absichtlich. Dutzende Schlägertrupps attackierten in den vergangenen vier Monaten protestierende Studenten. In mehreren Fällen wurden die Angreifer als Sympathisanten oder Mitglieder der SNS identifiziert.

Einer dieser Angriffe führte Ende Jänner dazu, dass die serbische Regierung öffentlich ihren Rücktritt erklärte. Mittlerweile stellt sie den Angriff als von den angegriffenen Studenten erfunden dar.

Von Seiten der Demonstranten sind eine Reihe von Eierwürfen auf öffentliche Gebäude und gegen Funktionäre der SNS dokumentiert, und in vereinzelten Fällen, dass sie lokale SNS-Funktionäre geschubst haben. In einem Fall steht ein Steinwurf im Raum.

Die einzige größere Eskalation von Regierungskritikern kam von der Opposition während einer Parlamentssitzung Anfang März. Die Studenten, die die Massenproteste im Land anführen, distanzieren sich seit Beginn der Proteste von allen politischen Parteien im Land, einschließlich der parlamentarischen Opposition.

Mehrere Aktivisten aus Novi Sad sollen geplant haben, am 15. März das Gebäude des staatlichen öffentlichen Rundfunksenders RTS zu stürmen. Sie wurden festgenommen.

Und es steht im Raum, dass die serbische Regierung bei der bislang größten Demonstration in Beograd am 15. März eine Schallwaffe eingesetzt hat, um eine Massenpanik unter den Demonstranten auszulösen.

Mittlerweile tausende Menschen auf einem Teil der Demoroute berichten von einem lauten und umheimlichen Geräusch, das sie in Panik versetzt habe. Ordnern aus den Reihen der Studenten gelang es, eine größere Panik zu verhindern.

Was das Geräusch verursachte, ist nicht geklärt.

Die serbische Regierung bestreitet jegliche Verantwortung – und versuchte zeitweilig gleichzeitig zu vertuschen, dass die serbische Polizei und Gendarmerie so genannte LRADs besitzen. Die freilich haben das Geräusch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht ausgelöst.

Proteste am Wochenenede im ganzen Land

Das hält die Serbinnen und Serben nicht davon ab, in allen Ecken des Landes weiter in Massen auf die Straße zu gehen. So wie Freitagabend in Kragujevac, von wo die Fotos aus diesem Beitrag stammen. Fotograf Lazar Novaković hat sie Balkan Stories dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.

Was man diesen Fotos auch sieht: Die Ordner aus der Studentenbewegung nehmen ihre Arbeit sehr ernst.

Foto: Lazar Novaković

Sie stellen sich auch vor das örtliche Büro der Regierungspartei SNS von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić. Gegen deren Allmacht, gegen deren autoritäre Herrschaft und gegen die offensichtliche Korruption vieler ihrer Funktionäre richten sich die Proteste.

Foto: Lazar Novaković

Am Samstag wuchs sich eine Demo von Beograder Studenten vor der Redaktion des regierungsnahen Boulevardblatts Informer zu einer Großkundgebung mit knapp 10.000 Teilnehmern aus.

(Über die Hintergründe dieses Protests könnt ihr hier mehr lesen.)

Erneut blieben die Proteste nicht auf die größeren Städte beschränkt.

Samstagabend etwa war eine größere Menschenmenge bei Kladovo in Ostserbien auf der Straße.

Proteste gab es Samstagabend auch in Babušnica bei Pirot im Süden, in Odžaci in der Vojvodina, und natürlich in Novi Sad.

In Novi Pazar kamen dutzende Bewohner zu einem ersten Bürgerrat nach Vorbild der Plena an den bestreikten Unis zusammen. Diese Gremien haben sich in den vergangenen Wochen in mehreren serbischen Städten gebildet und formulieren basisdemokratisch politische Forderungen. Die Pazarer entzogen Aleksandar Vučić die Ehrenbürgerschaft der Stadt. Der Beschluss hat keine Rechtskraft.

Dass die Proteste auch in den kleinsten Dörfern sichtbar sind, dafür sorgen auch die studentischen Aktivisten.

Sie besuchen seit Wochen Kleinstädte und Dörfer am ganzen Land.

In diesem Video wird eine diese Gruppen von Studenten in der Kleinstadt Aranđelovac in der Šumadija begrüßt.

Unweit davon ging es am Sonntag auch in Čačak und Užice für viele auf die Straße. Dort blockierten Menschen mehrere Stunden lang eine Magistrale. Auch in Jagodina in Zentralserbien gab es größere Proteste.

Das, nebenbei, sind nur die Kundgebungen, die eine sehr oberflächliche Suche auf Twitter zutage gefördert hat.

Sie alle fordern Demokratie und Rechtstaat und einen entschiedenen Kampf gegen Korruption. Seit vier Monaten.

Um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, haben sich am Wochenende auch hunderte Studenten auf den Weg zum Europäischen Rat in Straßburg gemacht. Dort wollen sie das Gremium über die Proteste im Land und die politische Lage informieren.

Das wäre für sich vielleicht interessant. Was es beeindruckend macht: Sie fahren die gesamte Strecke mit dem Fahrrad.

Begleitet werden sie von 50 Landwirten auf ihren Traktoren. Sie sollen die fahrende Kundgebung absichern.

Das Volk in Serbien, scheint es, gibt keine Ruhe.

Titelfoto und alle Fotos dieses Beitrages: Lazar Novaković

Update: Am Sonntag fuhr erneut ein Autofahrer einen Demonstranten in Beograd an. Wie schwer der Demonstrant verletzt wurde, ist nicht bekannt. Der Autofahrer wurde festgenommen. Ob er aus politischen Motiven gehandelt hat, ist unklar.

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