Die Massenproteste in Serbien erfassen die serbische Dijaspora im Ausland. In Wien organisieren Studenten wöchtentliche Proteste vor der serbischen Botschaft. Auch sie fordern, dass der Einsturz des Vordaches des Novi Sader Bahnhofs aufgeklärt wird, bei dem 15 Menschen getötet wurden.
Die vielleicht 30 Demonstranten beginnen pünktlich. Um 11:52 beginnen alle zu schweigen. Viele heben die Hände als Zeichen des Protests, manche halten serbische Studentenausweise in die Höhe, Kartonschilder mit Protestslogans, oder ihre Häne in roten Handschuhen – wie in Serbien, wo sie zum Zeichen der Massenproteste geworden sind, die im Land schon zwei Monate andauern. Sie stehen für das Blut, das laut den Demonstranten Regierung und Behörden an den Händen haben.




11:52. Das ist der Zeitpunkt, zu dem am 1. November 2024 das Vordach des Bahnhofs von Novi Sad einstürzte und 15 Menschen erschlug. Chinesische Generalunternehmer hatten den Bahnhof in Serbiens zweitgrößter Stadt frisch renoviert. Viele Aufträge wurden an serbische Subunternehmer ausgelagert. Von denen haben einige enge Verbindungen zu Serbiens Regierungspartei SNS.
Über der Straßenecke gegenüber der Botschaft der Republik Serbien im dritten Wiener Gemeindebezirk liegt Stille. Die einzigen hörbaren Stimmen sind die der zwei Polizisten und der Polizisten, die den Zugang zur Botschaft absperren. Sie erzählen einander von vergangenen Einsätzen. Zuerst in normaler Lautstärke. Bald dämpfen sie ihre Stimmen.

Nach ungefähr zwölt Minuten beginnt ein Kleinkind zu weinen. Es versteht nicht, was passiert. Die lange Stille und der Ausdruck der Trauer auf dem Gesicht seiner Eltern verwirren oder verängstigen es. Mit leisen Stimmen versuchen die Eltern, das Kind zu beruhigen.
„In Serbien ist es am schlimmsten“
Bei den Protesten geht es nicht mehr nur um den tragischen Unfall in Novi Sad, für die viele die ausufernde Korruption im Königreich des Aleksandar verantwortlich machen. Mehrere Demonstranten halten Schilder in die Höhe, die an tragische Ereignisse im gesamten ehemaligen Jugoslawien erinnern. Zagreb und Ribnikar, als Erinnerung an zwei Amokläufe, einer mit einem Messer in Zagreb, und mit Pistolen im Jahr 2023 in Beograd. Cetinje in Montenegro, wo ein Mann am Neujahrstag zwölf Menschen erschoss. Donja Jablanica in der Hercegovina, wo ein Felssturz aus einem illegal betriebenen Steinbruch im Oktober fast 20 Menschen tötete.
Die Demonstranten führen diese tödlichen Ereignisse auf systemische Korruption und Behördenuntätigkeit zurück. „Das ist ein Problem in der gesamten Region“, schildert Kristijan nach der Demo. „Korruption hat den Rechtsstaat ersetzt. Am schlimmsten ist es in Serbien“. Seine Freundin Sanija aus Zenica in Bosnien nickt zustimmend.





Die Stimme dauert genau 15 Minuten. Eine Minute für jedes Opfer der Tragödie von Novi Sad. Und in etwa die Zeitspanne, die ein Mensch seine Arme und ein kleines Gewicht in die Höhe halten kann.
Am Ende der Schweigeviertelstunde wirken einige der Demonstranten erschöpft, vor allem die Älteren.
Studenten organisieren die Proteste
Es sind heute auch einige Arbeiter und Pensionisten da. Die größte Gruppe unter den Demonstranten sind freilich Studenten, oder Leute, die ihr Studium vor kurzem beendet haben. Wie Katarina aus Beograd. Sie lebt seit acht Jahren in Wien. Sie studierte Musik, und blieb. Sie ist eine der Organisatorinnen. „Wir wollen unseren Mitstudenten und unseren Landsleuten in Serbien zeigen, dass sie nicht alleine sind“, sagt sie. „Darum organisieren andere junge Leute und ich diese Demonstrationen. Wir hoffen, dass wir jede Woche eine Demo haben.“
Diese Demo ist die dritte in Wien. Es sind etwas weniger gekommen als bei der ersten. Vor zwei Wochen waren es um die 100 Menschen. Aber es ist etwas kälter als im Dezember. Außerdem sind viele Serben nachhause gefahren, um dort Silvester und das orthodoxe Weihnachten zu feiern. Und die Mobilisierung erfolgt vor allem über persönliche Kontakte in Sozialen Medien oder übers Telefon.
Hier wären viele für die Proteste ansprechbar
Mehr als 100.000 Immigranten aus Serbien der ersten und der zweiten Generation leben in Wien. Dazu kommen viele aus der dritten Generation, die sich irgendwie als Serben identifizieren – auch wenn nicht alle die Sprache der Großeltern sprechen oder besonders enge Beziehungen zum Heimatland der Vorfahren haben. Unter den Jüngeren ist Serbiens Präsident Aleksandar Vučić vielfach ziemlich beliebt.
Auf die, die vor Kurzem hierherkamen, trifft das nicht in dem Ausmaß zu. Sie wissen, warum sie gegangen sind. Unabhängig von ihrem Beruf oder der formalen Bildung sind das fehlende Perspektiven und Frust über die Korruption zuhause, die viele systemisch nennen, und ein politisches System, von dem viele sagen, dass es immer autoritäter wird.
Theoretisch ist das eine ziemlich große Basis an potentiellen Demonstranten in der Stadt. Bislang hat sie niemand ausreichend mobilisieren können. Die Netzwerke der Oppositionsbewegungen sind großteils informell. Es gibt wenige Medien, die sich an die Ex-YU-Dijaspora richten, und die über diese Art politischer Tätigkeit berichten würden.
Und viele vor Kurzem Hergekommene sind desillusioniert über die Zustände in der alten Heimat und versuchen, hier ein neues Leben aufzubauen. Sie wollen politisch nicht aktiv werden. Das macht es schwierig, sie als potentielle Sympathisanten zu erreichen.
Die Organisatoren versuchen, das mit ihrer Arbeit zu kompensieren. Die meisten Schilder, die Leute heute halten, sind im gleichen Design gestaltet wie die Schildert der Studenten in Serbien.
Alles, nur nicht politisch
Es fällt auf, wie sehr die Organisatoren betonen, diese Proteste seien nicht politisch.
„Nein das ist nicht politisch“, sagt etwa Katarina. „Es hat natürlich mit Politik zu tun. Aber wir fordern, dass die Staatsanwaltschaft, die Behörden und die Gerichte ihre Arbeit machen und sorgfältig untersuchen, was in Novi Sad passiert ist. Dass die Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden. Wir fordern, dass der Staat seine Arbeit macht.“
Auch Jovana betont diesen Punkt. Sie kommt aus Beograd und besucht Freunde und Verwandte in Wien zum orthodoxen Weihnachsfest. „Wir fordern, dass die Justiz so funktioniert, wie sie soll“. Als ob das nicht in jedem Nachfolgestaat Jugoslawiens eine hoch politische Forderung wäre.

Für viele freilich ist das Wort „politisch“ zum Synonym für Partei- und Machtpolitik geworden, das Streben nach Einfluss, Posten und Bereicherung. Sie vermeiden es generell.
Unabhängig davon, ob man diese Proteste politisch nennen will oder nicht – in Serbien gibt es seit etwas mehr als eineinhalb Jahren zahlreiche Massenproteste. Zuerst nach den Amokläufen in Beograd und Mladenovac und Smederevo mit insgesamt knapp 30 Toten im Mai 2023.
Dann die Proteste nach den vorgezogenen Neuwahlen, die König Aleksandar nach den Protesten abhalten ließ. Bei den Wahlen gab es zahlreiche Unregelmäßigkeiten. Opposition und viele internationale Beobachter nannten die Wahlen unfrei beziehungsweise manipuliert.
Im Sommer 2024 protestierten zehntausende dagegen, dass die serbische Regierung einem internationalen Konzern eine Konzession für eine Lithiummine im Drinatal in Westserbien erteilte. Die Minen würden die Umwelt der Umgebung zerstören.
Keine dieser Massenprotestbewegungen hatte sonderlichen oder nachhaltigen Erfolg.
„Wir hoffen, dass sich etwas ändert“

Dieses Mal wird es anders sein, zeigen sich die Demonstranten heute optimistisch. „In vielen Städten mit einer großen serbischen Dijaspora wird demonstriert“, sagt Kristijan. „Sie alle wollen, dass Serbien ein demokratisches Land mit einem funktionierenden Rechtsstaat wird, ein wirklich europäisches Land. Und diesmal sind es die Studenten, die protestieren. Die kann man nicht so leicht abdrehen.“
Auch Jovana zeigt sich optimistisch. „Ich war zuhause auf mehreren Demonstrationen. So viele Leute wie diesmal waren es bei den letzten Protesten nicht. Ich hoffe, dass das etwas ändert.“
Katarina sagt, sie und ihre Freunde werden hier weiter Proteste organisieren. „Wir müssen tun, was wir können. Ich denke wirklich, dass wir dieses Mal etwas verändern können.“
Mitarbeit: Ivor Fuka
Diese Reportage ist in Übersetzung auch auf dem kroatischen Portal Lupiga erschienen.
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