Ein Forschungsprojekt unter Leitung der Architekturforscherin Tamara Bjažić Klarin untersucht das öffentliche Wohnbauprogramm im sozialistischen Jugoslawien. In einem Interview mit VIDA und der Zeitschrift Novosti präsentiert sie beeindruckende Zwischenergebnisse.
Jugoslawien war das Labor des europäischen Wohnungsbaus.
Mit dieser durchaus ehrgeizigen These präsentiert Tamara Bjažić Klarin erste Zwischenergebnisse des Forschungsprogramms Housing.yu. An dem Projekt unter Leitung der international renommierten Forscherin für Architektur und Stadtplanung an der Universität Zagreb (siehe ihre Publikationsliste auf Research Gate) analysieren Expertinnen und ein Experte aus Kroatien, Slowenien und Kroatien die viereinhalb Jahrzehnte, in denen die Politik Jugoslawiens versuchte, den verfassungsmäßigen Anspruch der jugoslawischen Bürger auf eine Wohnung einzulösen.
In mehreren Phasen und unter verschiedensten Herangehensweisen – vielfältiger, vielleicht ekklektischer – als in Westeuropa und den sozialistischen Staaten jenseits des Eisernen Vorhangs.
In einem Interview für die beliebte Youtube-Sendung Zavidavanje von Lado Tomičić auf dem Kanal Vida erläutert sie die verschiedenen Phasen des jugoslawischen Wohnbauexperiments genauer. Und kommt zum Schluss: Die Jugoslawen waren mit ihrer Wohnsituation durchaus zufrieden.
Ähnlich auch das ausführliche Interview mit der renommierten kroatischen Wochenzeitung Novosti. (Novosti hat Balkan Stories dankenswerterweise das Titelfoto von Sandro Lendler zur Verfügung gestellt.)
Die Geschichte des jugoslawischen Wohnbaus
War der soziale Wohnbau in den 1950-ern vorwiegend in der Verantwortung der Stadtregierungen, wurde das in den 1970-ern in das selbstverwaltete sozialistische Projekt DUSI übergeführt. Dazwischen die durchaus problematischen 1960-er, in denen der Staat gemäß dem Prinzip des Marktsozialismus vieles den Bauunternehmern – in öffentlichem Eigentum – überließ. Das habe zu schlechterer Qualität und steigenden Preisen geführt, sagt Tamara Bjažić Klarin.
„Mit dem Ziel, so viele Wohnungen wie möglich zu bauen, bauten sie wirtschaftlich auf Mehrparteienhäusern auf, die von Latten- und Türmen in den 1950er-Jahren über Megastrukturen in den 1970er-Jahren bis hin zu „offenen“ Blöcken in den 1980er-Jahren reichen, bei denen es vorrangig um „Innenhöfe“ geht bestimmt für Mieter sowie für alle in diesem Wohngebiet. In Zagreb haben wir zwei Beispiele dieser Gebäude: Mamutica in Travno von den Architekten Đura Mirković und Nevenka Postružnik und „offene“ Blöcke des Architekten Tomislav Odak in Dugave“, fasst die Forscherin im Interview mit Novosti zusammen.
Ergänzt wurde dieses Programm durch eine spezifisch jugoslawische Komponente. Arbeiterorganisationen und viele selbstverwaltete Betriebe finanzierten oder förderten individuellen Wohnungsbau – in Form von Einfamilienhäusern oder Genossenschaftswohnungen, die die Bewohner günstig kaufen konnten oder am Ende ihres Erwerbsleben kostenlos bekamen.
Am anderen Ende des Spektrums ein Teil, der in keiner Form öffentlich subventioniert wurde. Der private Wohnungs- und vor allem Häuserbau. Den finanzierten vor allem die zahlreichen Gastarbeiter. Nicht wenige der Bauten waren illegal. 1968 wurden die meisten dieser Schwarzbauten nachträglich legalisiert. Was der Errichtung künftiger Schwarzbauten wenig Abbruch tat.
Privat oder genossenschaftlich bzw. von selbstverwalteten Betrieben errichtet: Der individuelle Wohnbau machte etwa 60 Prozent des gesamten Wohungsneubaus im sozialistischen Jugoslawien aus.
Viele Experimente und durchdachte Stadtplanung
Die Vielfalt war für internationale Beobachter oft nur schwer nachzuvollziehen. Dieser Bericht der Hilfsorganisation USAID der US-Regierung aus dem Jahr 1990 etwa spielt die Bedeutung des öffentlichen Wohnbauprogramms herunter – wohl in Unkenntnis der nicht-staatlichen öffentlichen Bauträger.
Die vielfältigen Ansätze führten dazu, dass in Jugoslawien viel experimentiert wurde und die eigenen Erfahrungen wie internationale Erfahrungen – etwa des Roten Wien der Zwischenkriegszeit (siehe hier eine Fotoreportage der bosnischen Künstlerin Majda Turkić) – in die Planung von Wohngebieten einfloss, die regional sehr unterschiedlich waren und in denen auf die kulturellen Traditionen der Teilrepubliken Jugoslawiens Rücksicht genommen wurde.
Das führte zum Teil zu beeindruckenden architektonischen Resultaten. Siehe etwa Užice in Serbien. Hier prägt das sozialistische Wohnbauprogramm das Stadtbild bis heute.





Eine ausführlichere Reportage aus Užice könnt ihr hier nachlesen.
Wo Platz für neue Stadtviertel war, standen die Bedürfnisse der Bewohner im Vordergrund. Überall gab es zumindest Kindergarten und Grundschulen, Kultureinrichtungen wie Bibliotheken oder Mehrzwecksäle, kleine Läden.

Diese Einrichtungen existieren bis heute. Ob in Alipašino Polje, Dedinje, Utrine oder Siget.






Der Wohnkomfort war hoch
Die Wohnungen waren vielleicht etwas kleiner als im Westen – aber auch nicht so viel. Kluge Raumaufteilung machte sie in der Regel hochfunktional für die etwas mehr als drei Menschen, die im Schnitt im Jugoslawien der 1980-er in einer Wohneinheit lebten.
Der Wohnkomfort war in diesen Wohnungen gegeben – wie ich mich auf meinen zahlreichen Reisen durch das ehemalige Jugoslawien überzeugen konnte.
Ich habe in einigen Städten in solchen Wohnungen übernachtet oder Freunde besucht. In Beograd, in Zagreb, in Sarajevo, in Zenica, in Jajce, in Banja Luka, in Užice, in Banja Koviljača, in Novi Sad, in Podgorica, in Skopje, in Split. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen.
Das macht ein doch halbwegs repräsentatives Sample aus.
In nur ganz wenigen Fällen hab ich mir gedacht: Das ist hier aber ungemütlich. Das lag meistens daran, dass die Wohnungen schlecht modernisiert worden waren.
Wo eigene Stadtviertel nicht möglich waren, achtete man durchaus darauf, dass sich die Neubauten halbwegs ins Stadtbild einfügten. Siehe hier Bilder aus Banja Luka, Tuzla und Podgorica und eine Stadtansicht von Novi Sad.




Auf Jugoslawien folgten Chaos und gewolltes Vergessen. Samt ästhetischen Verbrechen.
Das Ende Jugoslawiens brachte nicht nur das Ende des Wohnbauprogramms, wie Tamara Bjažić Klarin schildert. Die Nachfolgestaaten deregulierten den Wohnungsbau. „Jegliches Wissen über den Wohnungsbau wurde in den 1990er Jahren aus ideologischen Positionen als sozialistisches Erbe radikal verworfen, der Sozialwohnungsfonds privatisiert und der einzige geplante und finanziell unterstützte Bau war das im Jahr 2000 von der SDP initiierte Incentive Housing Program (POS)“, beschreibt sie gegenüber Novosti die Situation in Kroatien.
In den anderen Staaten sieht es nicht viel besser aus. Siehe etwa das skandalumwitterte Projekt Belgrade Waterfront/Beograd na Vodi. (Mehr könnt ihr hier nachlesen.)
Das führte zu Spekulationsbauten, steigenden Wohnungspreisen und teils fragwürdigen stadtplanerischen wie ästhetischen Entscheidungen – auch mit nachträglichen Eingriffen in die sozialistische Architektur. Nirgendwo ist das Ergebnis so bizarr wie im Zentrum von Skopje. Siehe diese Reportage.

Schwierig auch dieses Beispiel aus Prishtina. Hier sieht man, wie – damals serbischer – Nationalismus das Stadtbild gleich neben sozialistischer Stadtplanung prägen wollte. Das Ziegelgebäude im Vordergrund ist eine serbisch-orthodoxe Kirche, die im Regime von Slobodan Milošević mitten auf den Uni-Campus gepflanzt wurde. Sie wurde nie fertiggestellt.

Dass das Wohnbauprogramm ausgesprochen vielfältig war, ist nicht nur positiv zu sehen. Die Erhaltung ist eine mittelschwere Herausforderung, wie diese wissenschaftliche Arbeit nahelegt.
Die heutige Wohnbaupolitik lebt von der Substanz des jugoslawischen Wohnbaus
Trotz aller Probleme beim Erhalt und trotz aller ideologischer Verrenkungen nach der Zerfall Jugoslawiens und der Goldgräberstimmung inmitten der kapitalistischen Restauration: Bis heute ist das jugoslawische Wohnbauprogramm das Rückgrat des Wohnbestands in der Region.
Bis heute sorgt es dafür, dass es von einzelnen Ausnahmen abgesehen ausreichend Wohnungen und leistbare Wohnungen gibt. Es macht 60 bis 70 Prozent des Wohnungsbestands der Nachfolgestaaten Jugoslawiens aus, sagt Tamara Bjažić Klarin. Anders ausgedrückt: Die gesamte Wohnungspolitik der Nachfolgestaaten Jugoslawiens lebt von der Substanz des jugoslawischen Wohnbaus.
Mit ihrem Forschungsprojekt hofft sie nicht nur, die wechselhafte und vielfältige Geschichte zu dokumentieren sondern es auch als Teil eines gesamteuropäischen Projekts zu etablieren und zu seinem Erhalt und seiner notwendigen Modernisierung beizutragen.
Man hofft, dass es glückt. Dass Housing.yu auch über den Consolidator Grant des Horizon Europe-Programms des Europäischen Forschungsrats finanziert wird, lässt hoffen.
Das gesamte Interview mit Tamara Bjažić Klarin könnt ihr hier nachlesen.
Titelfoto: Tamara Bjažić Klarin (c) Sandro Lendler, Novosti
Wenn euch dieser Beitrag gefällt…
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun. Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
