Sie ist vielleicht die Essenz des Bosnisch-Seins: Die Sevdalinka. Ab sofort steht diese einzigartige bosnische Musikrichtung unter dem Schutz der UNESCO. Dass sie als weltweites Kulturerbe gilt, ist Ergebnis langjähriger Anstrengungen.
Sie vereint alles, was Bosniens Kultur geformt hat: Europäische und osmanische Tradition, jüdische und spanische Rhythmen und Harmonien, Themen aus dem Alltag des Landes in den Bergen und Einblicke in die menschliche Natur: Die Musikrichtung Sevdalinka. Bosnischer als sie kann man nicht sein.
Seit vergangener Woche steht diese einzigartige Musikrichtung als Teil des immateriellen Kulturerbes der Menschheit unter dem Schutz der UNESCO.
Das sorgt in Bosnien und der Hercegovina für Stolz und Freude, von Banja Luka über Mostar bis Sarajevo, wo die Sevdah – so die Bezeichnung für die einzelnen Lieder der Musikrichtung – ohnehin sozusagen DIE Musikrichtung der Stadt sind, noch mehr selbst als der reichhaltige Rock, den Sarajevo der Welt gegeben hat und gibt.
Die gar nicht so heimliche Hymne Sarajevos und ihre Geschichte
Die gar nicht so heimliche Hymne der Stadt zeigt auch die kulturelle Vielfalt, die in jeder einzelnen Sevdah und der Sevdalinka insgesamt steckt.
Die Melodie ist die eines sephardischen Liebesliedes: Mi kerido mi amado, hier neu interpretiert von Atilla Aksoj und Tijana Bašić.
Sephardim heißen die Juden, die ab 1492 in mehreren Wellen aus Spanien und Portugal vertrieben wurden. Das Osmanische Reich nahm sie auf. Neben Thessaloniki war Sarajevo eines ihrer sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentren. Bis zum Zweiten Weltkrieg gehörten mehr als zehn Prozent der Bevölkerung der bosnischen Hauptstadt dieser Gruppe an. Ihre Sprache, Ladino, sprach gar jeder dritte Sarajlija.
Das erklärt auch, warum manche Sevdah klingt wie Flamenco. Oder umgekehrt. Größer noch sind die Ähnlichkeiten mit dem portugiesischen Fado – auch, was die meist melancholischen Themen der Lieder angeht. Andererseits: Universellere Erfahrungen als unerfüllte Liebe sind wohl nur Krankheit und Tod. Kein Wunder, dass man sie so häufig in einer Musikrichtung findet.
Kaum Aufzeichnungen vor Ende des 19. Jahrhunderts
Wann Sevdalinka Sevdalinka wurde, ist nicht genau bekannt. Die ersten systematischen Aufzeichnungen stammen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Dass Bosniens verschiedene Traditionen wohl auch davor zusammengeflossen sind, liegt nahe, wie etwa Edina Klopić von der Initiative Sevdalinka sagt.
Eine erste Spur zur Sevdalinka findet sich im 16. Jahrhundert – ausgerechnet in Split. Es ist das Lied „O ljubavi Adila i Mare“.
Edina sieht in der Aufnahme der Sevdalinka in die Liste des UNESCO-Kulturerbes mehrere Chancen. „Ein Platz auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO verschafft der Sevdalinka die Chance, in der ursprünglichen, traditionellen Form erhalten zu bleiben. In ihrer Jahrhunderte alten Geschichte wurde sie nur mündlich überliefert und hier besteht die Gefahr, dass Einflüsse des jeweiligen Zeitgeistes eine Verfälschung oder Fehlintepretation verursachen könnten. Außerdem werden durch die Aufnahme neue Möglichkeiten geschaffen, sei es, dass sie im Bildungswesen stärker repräsentiert werden könnte oder sie zu einem Branding im wichtigen Tourismussektor aufgebaut werden kann.“
Ihren Höhepunkt hatte die Sevdalinka in den 1950-ern und 1960-ern. Damals erhielten viele jugoslawische Haushalte Radios, und vor allem in Bosnien erreichte die Sevdalinka ein breites Publikum. So populär wurde sie, dass auch außerhalb Bosniens Sevdahs komponiert und produziert wurden.
Nach dieser Sevdah ist bis heute eine Splavka an der Sava in Beograd benannt.
Niedergang und Neubeginn
Mit der YU-Rock-Welle ab Mitte der 60-er verlor sie zunehmend an Boden, galt zeitweise als verzopft.
In den vergangenen 20 Jahren erlebte die Musikrichtung eine sich stetig beschleunigende Wiederbelebung. Einerseits wurde die Sevdah – recht – als Gegenposition zum Turbofolk empfunden. Andererseits machte sich eine neue Generation daran, die Sevdalinka sanft zu modernisieren.
Die Pioniere waren die Bands Divanhana und Mostar Sevdah Reunion, und die Sänger Božo Vrećo und Damir Imamović. Vor allem Božo und Damir etablierten die Sevdalinka als spezifisch bosnischen Ausdruck progressiver Emanzipation und universeller menschlicher Erfahrung.
Damir gelang vor einigen Jahren mit seinem Sevdah-Album The Singer of Tales der internationale Durchbruch – der nicht nur der seine war. Auf einmal stand die Sevdalinka im Zentrum der Aufmerksamkeit eines weltweiten Musikpublikums.
Aufnahme in die UNESCO-Liste ist der Erfolg Vieler
Dieser Erfolg ist ein maßgeblicher Beitrag, dass die Sevdalinka ab sofort Teil des immateriellen Kulturerbes der Menschheit ist. Der zweite Beitrag ist die hartnäckige Lobbyarbeit buchstäblich tausender Bosnier und Kulturschaffender im Land und darüber hinaus.
Seit einem Jahrzehnt üben sie Druck auf die bosnische Politik aus, der UNESCO eine Bewerbung für die Sevdalinka zu schicken.
Erste Erfolge hatte das 2017 in Tuzla, wie seinerzeit KOSMO berichtete.
Im Jahr darauf bündelten sich die Initiativen in der Seite Sevdalinka Info, beschreibt Gründerin Edina Klopić:
„Die Idee zu sevdalinka.info entstand bereits Anfang 2018, nachdem ich festgestellt habe, dass begleitend zum Nominierungsprozess kein nennenswertes Marketinginstrument geschaffen wurde und es zum Thema Sevdah nur sehr dürftige digitale Informationsquellen gab, vor allem in bosnischer Sprache. Meines Erachtens war es notwendig, eine Anlaufstelle für alle Interessierten anzubieten, relevante Daten zusammenzutragen und sie auch außerhalb des eigenen Sprachgebietes zur Verfügung zu stellen, damit unser traditionelles Liedgut den Weg zum internationalen Publikum finden kann. Das Zusammentragen des Materials, die Bemühung, Gleichgesinnte zu gewinnen und die Realisierung der Plattform hat über ein Jahr gedauert, so dass wir erst im Jahr 2019 online gehen konnten. An dem Projekt haben viele Freiwillige gearbeitet, die sich mit ihren Fähigkeiten und Leidenschaften daran beteiligt haben, beispielsweise im Bereich Webdesign, bei Übersetzungen und Texten, an den Recherchen, usw. Die Initivative ist gemeinnützig und ist daher eigenfinanziert“, schildert sie.
Welche Sevdah sie am liebsten hat, will Edina übrigens nicht verraten. „“Ich mag sie alle. Allerdings habe ich Lieblingsinterpretationen: „Kiša bi pala, pasti ne može“ (Božo Vrećo), „Emina“ (Himzo Polovina), „Ah, šta ćemo ljubav kriti“ (Amira Medunjanin). „Zaplakala šećer-Đula“ mag ich außerdem, weil mir meine deutsche Übersetzung des Textes gefällt“.
Wie beliebt Sevdalinka mittlerweile weit über die Grenzen Bosniens ist, zeigt dieser Song – eine der schönsten Interpretationen dieser Sevdah überhaupt. Und nach der Meinung von Balkan Stories sogar besser als Damirs Version.
Wie Edina und Damir in ihren Stellungnahmen hoffen lassen, wird die Aufnahme der Sevdalinka in das immaterielle Kulturerbe der Menschheit das Interesse an dieser bosnischsten aller Musikrichtungen vor allem bei jungen Menschen neu beleben – weit über Bosnien und die bosnische Dijaspora hinaus.
Vielleicht hat das eine vergleichbare Wirkung wie seinerzeit die Einführung des Radios. Es ist nur zu hoffen.
Mehr über Sevdalinka könnt ihr auf der Seite Sevdalinka Info nachlesen.
Titelfoto: Damir Imamović bei einem Konzert bei den Balkantagen München. (c) Balkantage
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