Die wundersame Vermehrung der Serben

An der Stadtgrenze von Sarajevo provozieren serbische Nationalisten. An der Grenze von Istočno Sarajevo, das in der Republika Srpska liegt, haben sie Eingangsschilder aufstellen lassen, die behaupten, beinahe 160.000 ethnische Serben hätten Sarajevo verlassen müssen. Das ist Geschichtsfälschung.

„Willkommen in Istočno Sarajevo, der Stadt der 157.000 Serben, die Sarajevo verlassen mussten.“

So steht es auf offiziellen Straßenschildern, die den Beginn des Stadtgebiets der Gemeinde im Süden und Osten von Sarajevo markieren – und die Grenze zwischen den bosnischen Teilstaaten Federacija und Republika Srpska.

Ljubiša Ćosić hat sie vor wenigen Wochen aufstellen lassen. Der 43-Jährige ist der Bürgermeister der republikaserbischen Zwillingsstadt von Sarajevo.

Geschichte zum eigenen Nutzen fälschen

Ćosić ist Funktionär der stramm nationalistischen Partei SNSD von Milorad Dodik, dem separatistischen Präsident des serbisch dominierten bosnischen Teilstaats Republika Srpska.

Die Schilder sind als Provokation gemeint.

Die Provokation funktioniert.

Ćosić ist in den vergangenen Wochen dutzendfach in allen größeren bosnischen Medien zitiert worden.

Sein Foto fand sich in jeder Tageszeitung.

Gerade wegen der offensichtlichen Geschichtsfälschung, die er mit den Schildern betreiben lässt.

Wieder einmal soll ein Opfermythos geschaffen werden, mit dem sich ein nationalistischer Politiker an der Macht halten will.

Diesmal ein republikaserbischer.

Zwischen Februar und März 1996 wurden keine 157.000 Serben aus Sarajevo vertrieben, wie es die Schilder nahelegen, und wie es auf der Homepage der Stadtverwaltung von Istočno Sarajevo steht.

Schon gar nicht leben die alle in Istočno Sarajevo.

Die Stadt hat um die 60.000 Einwohner, Umlandgemeinden eingerechnet.

In Istočno Sarajevo scheint es zu einer so wundersamen wie unsichtbaren Vermehrung der Serben zu kommen.

Eigentlich ist alles nicht so gemeint. Und genau so.

Eigentlich meine er ja den Exodus ethnischer Serben aus Sarajevo nicht nur in seine Stadt sondern in die gesamte RS, nach Serbien und den Rest der Welt, sagt Ćosić auf Nachfrage gegenüber Medien.

Warum das auf seinen lustigen Straßenschildern anders steht, beantwortet er nicht.

Und selbst Ćosićs abgeschwächte Behauptung ist – falsch.

Die Sarajevoer Serben, die es angeblich nicht gibt

Vor dem Krieg in Bosnien lebten im Stadtgebiet Sarajevo etwa 108.000 ethnische Serben.

Heute sind es 35.000.

Allerdings hatte die Stadt ohne Umlandgemeinden 1991 etwas mehr als 400.000 Einwohner, mit Umlandgemeinden etwas mehr als eine halbe Million.

Heute sind es 275.000, und mit Umlandgemeinden etwas mehr als 400.000.

Der Anteil ethnischer Serben im Stadtgebiet von Sarajevo hat sich von 1991 bis zur Volkszählung 2013 von etwa 25 Prozent auf 12 Prozent halbiert.

„Du hast die Leute angelogen“

Einer, der sich partout nicht vertrieben fühlt, ist etwa Srđan Srdić.

Srđan ist Gemeinderat einer Bürgerliste in Novo Sarajevo, einem Stadtteil der bosnischen Hauptstadt.

„Wir sind in Sarajevo geblieben, der Stadt, in der ich geboren wurde, und in der ich vorhabe, zu sterben“, schreibt er als Entgegnung auf die Provokationen von jenseits der Stadtgrenze.

„Du hast die Leute angelogen“, stellt er klar, was von Ćosić hält.

Es ist eine sachlich völlig richtige Aussage.

Zahlenspielereien

Auf die Zahl von 157.000 Serben 1991 kommt man nur, wenn man alle damaligen Umlandgemeinden miteinberechnet. Eine dieser Gemeinden war damals Pale, in dem etwa 11.000 ethnische Serben lebten.

Pale gehört heute zur Općina Istočno Sarajevo, ist also eine Umlandgemeinde von Sarajevos republikaserbischer Zwillingsstadt.

Das Daytoner Abkommen ordnete Pale und etliche Randbezirke im Süden und Osten Sarajevos der Republika Srpska zu.

Etliche Stadtbezirke wurden auch getrennt, in einen Federacija-Teil und einen RS-Teil.

Das macht die Datenlage sehr verwirrend.

Ćosić macht notwendige Diskussion unmöglich

Mit seinen Straßenschildern und seiner Geschichtsfälschung macht Ćosić eine Diskussion unmöglich, die in Bosnien dringend notwendig wäre.

Das ist die der kalten ethnischen Säuberungen, denen Mitglieder aller Gruppen in Gemeinden aller Gruppen in diesem Land zum Opfer fallen.

Tatsächlich sind nach 1991 und vor allem nach 1995 zehntausende Serben aus Sarajevo in Gemeinden in der Republika Srpska gezogen oder gleich ausgewandert.

Das waren auch Abertausende, die im Krieg bewusst mit ihren Nachbarn und Freunden in der belagerten Stadt Sarajevo ausgeharrt hatten und nach dem Frieden von Dayton keine Zukunft mehr in der Stadt sahen.

Nur, es waren eben keine 157.000.

Der Exodus geht weiter, wenn auch sehr, sehr viel langsamer.

Trotz allem ist Sarajevo noch eine der wenigen Städte in ganz Bosnien, deren öffentliches Leben nicht ständig von „ethnischen“ Fragen dominiert wird.

Das heißt nicht, dass die Fixierung auf ethnische Zugehörigkeit keine Rolle spielen würde – sie tut es aber viel weniger als etwa in Pale, Kakanj oder Jajce.

Umgekehrt sind auch einige ethnische Serben aus politischen Gründen aus der Republika Srpska nach Sarajevo gezogen.

Was wirklich passiert

Was die Sarajevoer Statistik zusätzlich deutlich verzerrt, ist die Dynamik der Emigration.

Angehörige zahlreicher alteingesessener Familien aller Bevölkerungsgruppen sahen und sehen in der Stadt und in Bosnien keine Perspektive und wandern aus.

Nach Sarajevo ziehen fast nur Bewohner von Landgemeinden und Kleinstädten zu, die überwiegend von bosnischen Muslimen bewohnt werden, außerdem gibt es einen bedeutenden Zuzug von Sandžaklije.

In anderen Worten: Die Zuzügler sind fast ausschließlich muslimisch, die Auswanderer entsprechen in ihrer „ethnischen“ Zusammensetzung viel mehr dem Vorkriegs-Sarajevo.

Das ist in Banja Luka nicht viel anders, nur eben auf ethnisch serbisch.

Diese Entwicklungen sollten nüchtern analysiert werden.

Die Straßenschilder von Ljubiša Ćosić erschweren das umgemein.

Auf Basis von Lügen lassen sich solche Diskussionen nicht führen

Dem Mann geht es auch nicht um historische Aufarbeitung.

Er will sich als Obernationalist profilieren.

Ein solcher löst keine Probleme. Er schafft welche.

Siehe Milorad Dodiks jüngste separatistische Eskalationen.

Ćosić schlampt bei der Umsetzung

Dass Ćosić das auch sehr schlampig macht, macht die Sache nicht besser.

Eines der Schilder an der Einfahrt von Istočno Sarajevo ist vor wenigen Tagen entfernt worden.

Die Arbeiter, die es aufstellten, hatten sich offenbar um ein paar Meter vertan.

Das Schild stand auf dem Gebiet der Stadt Sarajevo.

Der zuständige Minister für Kommunalangelegenheiten des Kanton Sarajevo ließ es abmontieren.

Ćosić will das nicht kampflos hinnehmen, und fordert, dass das Schild wieder aufgestellt wird.

In den nächsten Wochen wird sich ein Beitrag hier ausführlicher mit der kalten ethnischen Säuberung in Bosnien beschäftigen.

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