Was man zu Srebenica sagen muss

Am Dienstag ist der internationale Gedenktag für die Opfer des Völkermords von Srebenica. Soldaten der Armee der Republika Srpska unter Ratko Mladić ermordeten im Juli 1995 unter den Augen von UN-Soldaten 8.372 muslimische Buben und Männer in der ostbosnischen Stadt. Zum Gedenken – und Nicht-Gedenken an dieses Verbrechen gibt es viel zu sagen.

Srebenica.

Der bislang und hoffentlich ewig letzte Völkermord in Europa.

8.372 Buben und Männer wurden zwischen 11. und 19. Juli in der ostbosnischen Stadt und den Umlandgemeinden Potočari und Bratunac und den umliegenden Wäldern ermordet.

Sie waren Bosnjaken, bosnische Muslime.

Es gab keinen anderen Grund für das Massaker an ihnen.

Vielleicht waren es auch mehr Mordopfer.

Hunderte muslimische Buben und Männer sind seit Juli 1995 vermisst, als die Armee der Republika Srpska unter Ratko Mladić Srebenica eingenommen hatte.

Die niederländischen UN-Soldaten in der UN-Schutzzone Srebenica rührten keinen Finger.

Das freilich soll nicht der Ort sein, die Ereignisse des Juli 1995 im Detail nachzuerzählen.

Das Srebenica Memorial Center hat eine detaillierte Übersicht zusammengestellt.

Das Internationale Tribunal für die Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien ICTY hat Ratko Mladić als Hauptschuldigen an diesem Völkermord zu lebenslanger Haft verurteilt.

Was die Schuldigen an Srebenica angeht, ist das letzte Wort gesprochen. Juristisch wie historisch.

Vielmehr sollen hier einige Gedanken formuliert werden, wie es um das Gedenken an die Opfer von Srebenica steht.

Und das ist schlecht.

28 Jahre nach dem Massaker drohen Gedenkveranstaltungen auf politischer Ebene zu Pflichtübungen für Machthaber zu verkommen.

So wie es mit den Gedenkveranstaltungen für die Opfer des kroatischen Völkermords an Serben, Juden und Roma in Jasenovac passiert ist.

Die Präsidenten, Parlamentarier, Hohen Repräsentanten, Minister, die betroffenen in die Kameras schauen, einmal salbungsvoll „Niemals wieder“ sagen, in ihre Dienstautos steigen und hoffen, ein ganzes Jahr lang nicht wieder daran erinnert zu werden.

Ja, da mag der Eine oder die Andere unter den demokratisch gewählten oder nicht gewählten Machthabern dabei sein, denen das ein ernsthaftes Anliegen ist.

Aber meist kommt der Zynismus der Macht durch, und manchmal leider auch die Versuchung, so ein Gedenken zu instrumentalisieren.

So ist es auch kein Wunder, dass die klerikal-nationalistische SDA Srebenica immer und immer wieder für sich nutzt.

Leugnung als Staatsräson

Mit den 8.372 Toten bosnjakisch-nationalistische Politik zu machen wie die SDA ist widerlich, aber nichts im Vergleich zu dem, wie jenseits der so genannten Entitätsgrenze gerade aus dem Nicht-Gedenken an die Opfer des Völkermords politisches Kapital geschlagen wird.

Die gesamte politische Kaste des serbisch dominierten Teilstaats Republika Srpska eiertanzt jedes Jahr um die Frage, ob man gnädigerweise anerkenne, dass der Mord an 8.372 muslimischen Buben und Männern überhaupt ein Verbrechen gewesen sei.

Oder ob’s nicht vielleicht doch weniger Mordopfer gegeben habe als einstimmiger juristischer und historischer wissenschaftlicher Konsens auf internationaler Ebene ist.

Oder ob die 8.372 vielleicht doch nicht an einem plötzlich auftretenden Schnupfen gestorben sein könnten.

Da hält man es schon für eine vergleichsweise aufgeklärte Position, wenn politische Vertreter in der RS anerkennen, dass Soldaten der Armee der RS 1995 mehr als 8.000 muslimische Buben und Männer ermordeten, und gleichzeitig leugnen, dass Srebenica Völkermord war.

Den Völkermord zu leugnen, ist in Bosnien mittlerweile strafbar. Nur gibt es niemanden, der das Gesetz ernsthaft durchsetzen könnte.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen gibt es auch sehr wenige Republikaserben, die offen dagegen aufstehen, wie die politischen Vertreter der RS Srebrenica verharmlosen oder gar leugnen.

Dabei ist es nur eine Minderheit, die die Massenmorde vom Juli 1995 toll findet.

Es ist eine laute und manchmal gewalttätige Minderheit.

Sie wird von einer größeren Minderheit geduldet, die Srebrenica nicht toll findet, aber für ein verzeihliches Verbrechen hält.

Der Rest schämt sich ob des Verbrechens und tut das, was Menschen meistens tun, wenn in ihrem Namen Andere massenweise umgebracht werden: Man schweigt, spielt herunter, rationalisiert, schweigt noch einmal, und hofft, dass man irgendwann einmal nicht mehr darüber reden muss.

Das ist in Serbien nicht anders.

Eine kleine Gruppe von Fußball-Hooligans mit Verbindungen zu serbischen Neonazi-Gruppen und zum organisierten Verbrechen sprüht Graffitis mit dem Gesicht von Ratko Mladić massenweise im Stadtzentrum von Beograd und anderen Städten.

Die überwiegende Mehrheit der serbischen Bevölkerung sieht apathisch zu.

Die Behörden sehen sich nicht im Geringsten veranlasst, etwas zu unternehmen – und wenn, schützen sie allenfalls die zweifelhaften Kunstwerke.

Eine kleine Zahl von Aktivisten übermalt die Graffitis notdürftig – sofern die Polizei sie nicht davon abhält, die Ehrenbekundungen für einen Völkermörder zu übertünchen.

Wie es vor einem Jahr stand, hab ich HIER dokumentiert.

Mittlerweile sind alle Graffiti auf der Džordža Vašingtona übertüncht – wenngleich nur notdürftig.

Wie überhaupt die Aktivisten Oberhand gewonnen zu haben scheinen, zumindest vorläufig.

Und da wären noch die Žene u crnom, die Frauen in Schwarz, in Beograd.

Jahr für Jahr organisieren sie unverdrossen Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Völkermord von Srebenica.

Oft genug bedroht, eingeschüchtert, ihre Räumlichkeiten beschädigt von den Gleichen, die den Völkermörder Mladić für einen Helden serbischen Volkes halten.

Der Widerspruch jeglicher Erinnerungspolitik

Genausowenig wie es „das serbische Volk“ war, das im Juli 1995 mehr als 8.000 Buben und Männer ermordete, ist es „das serbische Volk“, das den damaligen Völkermord feiert oder zumindest für ein entschuldbares Verbrechen hält.

Es war die Armee der Republika Srpska, die mehr als 8.000 muslimische Buben und Männer ermordete – geduldet bis ermutigt von der damaligen politischen Führung der Republika Srpska, ausgestattet mit Waffen und Munition aus dem damaligen Rumpfjugoslawien, bestehend aus Serbien und Montenegro.

Serbisch-nationalistische Politiker haben den Republikaserben und den serbischen Serben 28 Jahre lang eingeredet, wer Srebenica als Völkermord anerkenne, mache die Serben zum Tätervolk.

Dagegen aufzustehen, ist schwierig.

Dagegen aufzustehen, ist notwendig.

Der Widerspruch jeglicher Erinnerungspolitik.

Auflösen kann man das letztendlich nur mit Druck und mit seriöser wissenschaftlicher Arbeit.

Auch Deutsche und Österreicher schoben es jahrzehntelang vor sich, die Shoa als Verbrechen anzuerkennen und zu benennen, das in ihrem Namen begangen worden war.

Man darf „die Serben“ nicht pauschal in Verantwortung nehmen für Srebenica.

Man darf sie pauschal in Verantwortung nehmen, das Verbrechen als solches zu benennen.

Man darf auch zumindest die europäische Öffentlichkeit in Verantwortung nehmen, dass der Völkermord von Srebenica nicht in Vergessenheit gerät.

Nicht nur der Opfer von Srebenica wegen.

In ganz Europa sind politische Parteien auf dem Vormarsch, die von ethnisch reinen Territorien träumen – offen oder in Codes.

Man muss ihren potentiellen Wählern zeigen, worin solche Pläne erst vor 28 Jahren vor unserer Haustür endeten.

Hier würde es auch gut tun, wenn die EU – oder sonst wer – Bosnien unterstützen würde, den Völkermord von Srebrenica wissenschaftlich aufzuarbeiten und darzustellen.

Das Memorial Center in der Stadt selbst mag hier gute Arbeit leisten.

Die verblasst freilich neben dem Umstand, dass Privatunternehmen das Verbrechen längst als Tourismusmagnet nutzen.

Westlichen Reisenden wird gegen Geld Gruselfaktor geboten, nebst moralischer Selbstbestätigung.

Dass diese Touren oft genug die Frage nach den Schuldigen vereinfachen, liegt auf der Hand.

Das muss nicht sein.

Es ist respektlos den 8.372 Toten gegenüber.


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Ein Gedanke zu “Was man zu Srebenica sagen muss

  1. „Es ist eine laute und manchmal gewalttätige Minderheit.“

    In ganz Europa gibt es dieses spezielle Minderheitenproblem, zuletzt durch die Corona-Schutzmassnahmen nach oben gespült und sich nun an Klimaschützer:innen festbeissend. Eine Minderheit, die immer gefährlicher wird durch ihre Panikmache und ihren Zerstörungswillen.

    Ohne Erinnerungskultur hätten die noch leichteres Spiel.

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