Sarajevo ist von einer Stadt der Straßenhunde zu einer Stadt der Straßenkatzen geworden. Für die Katzen bedeutet das nicht nur Gutes.
Man hört den Aufprall kaum.
„War das ein Vogel, der da gerade runtergefallen ist?“, fragt mich Srđan im Gastgarten im Innenhof des Aeroplan in der Baščaršija.
Ich drehe mich um und schaue auf den Fleck, auf den Srđan deutet.
Etwas Undefinierbares in Schwarz liegt am Boden.
Unmittelbar neben einem Tisch, an den sich soeben eine Gruppe Bosnier gesetzt hat.
Ich stehe auf und sehe nach.
Auf dem Boden zuckt ein Kätzchen mit den Pfötchen.
Zwei, drei Monate alt wird es sein.
Kurz zuckt auch das Köpfchen.
Dann nichts.
Das Kätzchen liegt regungslos da.
„Ich glaub, es ist tot“, sag ich zu Srđan.
Srđan bückt sich und stupst das Kätzchen am Ohr an.
Nichts rührt sich.
„Kätzchen, du hattest ein kurzes Leben“, sagt Srđan.
Die Gäste am Tisch neben uns stehen auf und gehen.
Neben einem toten Kätzchen will man nicht essen.
Srđan wirkt etwas betroffen, aber nicht sehr.
Er deutet nach oben.
Ein kleines Dach rahmt den Rand des Gastgarten des Aeroplan an.
Auf einem der Dachbalken sehen wir drei weitere Kätzchen. Sie sind schwarz wie das tote Geschwisterchen.
„Von da muss das Kätzchen runtergefallen sein“, sagt Srđan. „Wahrscheinlich war es schon vorher geschwächt“.
Wir sagen dem Kellner, dass neben einem seiner Tische ein totes Kätzchen liegt.
Der Kellner nickt.
„Da oben haben wir eine Familie“, sagt er. „Da leben fünf Kätzchen“.
Er bedient die Gäste an den anderen Tischen.
Srđan und ich setzen uns an unseren Tisch.
Der Kellner schreitet unaufgeregt mit einem Karton und einem Besen samt Schauferl über den Innenhof.
Er geht zum toten Kätzchen und stellt den Karton mit der Öffnung zum Kätzchen auf den Boden.
Als er den Kadaver hineinkehren will, zuckt er kurz und dreht sich zu uns.
„Es lebt noch“, sagt der Kellner und freut sich ein wenig.
„Ah, Kätzchen, du hast Glück gehabt“, sagt Srđan.
Kurz darauf torkelt das doch nicht tote Kätzchen sehr langsam über das Pflaster des Innenhofs.
Es ist nicht das Tapsen eines Katzenbabys.
So bewegt sich ein verletztes Tier.
Ich gebe dem Kätzchen ein paar Stücke von meinem Kalbfleisch.
Es lässt sich beim Fressen Zeit.
„Naja, es wird halt dauern, bis sich das Kätzchen von dem Sturz erholt hat“, sagt Srđan.
Niemand von uns kommt auf die Idee, das verletzte Tier zu einem Tierarzt zu bringen.
Es nicht gerade so, dass es zu wenig streunende Katzen in Sarajevo gebe.
Die Hunde verschwanden, die Katzen vermehren sich
Seitdem vor einigen Jahren die Straßenhunde aus dem Stadtzentrum von Sarajevo verschwunden sind – und niemand will nachdenken, wie genau das passierte -, haben sich die Katzen vermehrt.
Um es wissenschaftlich klingend zu sagen: Die Population der Straßenhunde und die Population der Straßenkatzen verhalten sich indirekt proportional zueinander.

Wo immer Essensreste anfallen könnten, streunt mindestens eine Katze herum.
Es ist beinahe wie in Herceg Novi.
Ständig erhält Population der Straßenkatzen Zufuhr aus der Population der Hauskatzen.
Der einzige halbwegs verlässlich katzenfreie Ort in der Baščaršija ist der Platz vor dem Sebilj.

Der gehört den Tauben und vor allem den Taubenfutterverkäufern.
Die leben davon, dass sich Touristen mit Tauben auf dem Arm und der Hand fotografieren lassen.
Katzen stören da.
Entzückt sind fast nur mehr die Touristen
Der Katzenpopulation bringt das nicht nur Vorteile.
Entzückt und großzügig gegen den Streuern gegenüber sind praktisch nur mehr Touristen.
Sarajlije reagieren deutlich zurückhaltender als vor wenigen Jahren, wenn es nicht gerade ganz junge Kätzchen sind.
Eine Katze wirkt nicht mehr so niedlich und kuschelig, wenn es an jeder Ecke drei gibt.
Was soll man sich um das Schicksal einer einzelnen Katze kümmern?
Oder, in diesem Fall, um das eines Katzenbabys?
Oben, auf dem Balken sind noch vier Geschwisterchen.
Alles Gute ihnen, aber wahnsinnig interessant sind sie nicht.
Am Dachboden des nächsten Lokals lebt wahrscheinlich noch eine Katzenfamilie.
Und, wer weiß, vielleicht auch am Dachboden des Hauptraums des Aeroplan.
Warum sich um diese Familie kümmern?
Wer jede Straßenkatze so liebt und umsorgt wie die eigene Katze, wird in dieser Stadt innerhalb weniger Wochen wahnsinnig wegen emotionaler Überforderung.
Vor diesem Hintergrund ist die Emotionslosigkeit zu beurteilen, mit der der – vermeintliche – Tod des schwarzen Kätzchen allgemein gesehen wurde.
Es ist keine Grausamkeit. Es ist Selbstschutz.
Das ist in jeder Stadt so, die eine große Population Straßenkatzen hat.
Keine wirksame Kontrolle der Katzenpopulation
In Sarajevo gibt es keine ernsthaften Versuche, die Katzenpopulation zu kontrollieren.
Die öffentlichen Kassen sind wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage leer, und auch so funktioniert der öffentliche Sektor nur schlecht.
Das ist keine bosnische Spezialität.
Mit Ausnahme von Slowenien und Teilen Kroatiens ist das am gesamten Balkan so.
Am nächsten Vormittag kehre ich ins Aeroplan zurück.
Eine Kellnerin hat Dienst. Eine Ausnahme in bosnischen Restaurants.
Ich frage sie, was mit dem Kätzchen von gestern abend war.
Sie zuckt mit den Schultern.
Der Vorfall war nicht spektakulär genug, um im Personal des Restaurants die Runde zu machen.
An der Kellnerin vorbei, die Holztreppe zum Hauptraum hinauf, huscht ein schwarzes Kätzchen.
Ich kann nicht feststellen, ob es das Katzenbaby von gestern abend ist oder eines seiner Geschwisterchen.
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Ein Elend, wenn es kein Geld für Sterilisation bzw. artgerechtes Leben gibt. Ich mag Katzen nicht wirklich, aber leiden möchte ich sie genauswenig wie andere Lebewesen wissen. Kein Lebewesen kann was dafür, als dieses oder jenes hier oder dort geboren worden zu sein.
Hier wiederum haben die Nachbarn (ländliches Gebiet) zwar das Geld, lassen ihre Katzen aber unsterilisiert herumlaufen. Immer wieder verschwinden welche und werden durch neue ersetzt. Ich weiß nicht, ob der Fuchs sie holt, oder der Straßenverkehr sie tötet.