In Serbien gelten einige der strengsten Ausgangsbeschränkungen Europas im Kampf gegen Covid-19. Polizei und Militär kontrollieren nächtliche Ausgangssperren. Während die Regierung bemüht ist, Stärke zu demonstrieren, bringt die Krise fundamentale Probleme der serbischen Gesellschaft genauso zum Vorschein wie westliche Vorurteile.

Polizeistunde heißt die Ausgangssperre zwischen 17:00 und 5:00 Uhr früh.

Ausnahmen gibt es nur, wenn man den Hund ausführt. Das darf man von 20:00 bis 21:00 Uhr.

Supermärkte schließen um 15 Uhr, kleine Märkte um 16 Uhr.

Präsident Aleksandar Vučić und Ministerpräsidentin Ana Brnabić lassen die Muskeln spielen, um zu zeigen, dass Serbien etwas gegen Covid-19 tue.

Das stößt nicht auf ungeteilten Beifall.

Veteranen der Proteste gegen Slobodan Milošević fühlen sich eher ungut an die damaligen Zeiten und Zustände erinnert.

Auch die Rhetorik wird als hysterisch und als Selbstinszenierung kritisiert.

Offen scheinen Präsident und Regierung die autoritären Züge zu zeigen, die ihnen Kritikerinnen und Kritiker seit jeher vorwerfen.

Und verdecken damit die katastrophalen Zustände im Land.

Katastrophe Gesundheitswesen

Das Gesundheitssystem ist in einem miserablen Zustand. Daran ändert auch nichts, dass im April die Gehälter der Beschäftigten in Spitälern um zehn Prozent angehoben werden.

Das ist nicht nur die Schuld von Serbiens Politik. Deutschland und Österreich vor allem versuchen seit Jahren die eigenen personellen Löcher im Gesundheitswesen mit Ärztinnen und Krankenpflegern vom Balkan zu stopfen.

Freilich zeigt Serbiens Politik nicht gerade ausgeprägtes Engagement, zentrale Gesundheitseinrichtungen in einem halbwegs akzeptablen Zustand zu halten.

So ist die Klinik für Infektions- und Tropenkrankheiten in Beograd an sich – auch – für sehr schwere Fälle von Covid-19 vorgesehen, denen die anderen Spitäler nicht helfen können.

Die Skandalklinik

Patientinnen und Patienten können froh sein, dass ein Großteil der Klinik seit kurzem wegen Renovierung gesperrt ist.

Buchstäblich bis vor wenigen Wochen sah es dort so aus.

Die Fotos stammen aus dem Jahr 2017, sie dürften von Marina Lopičić gemacht worden sein.

Bis zur Renovierung, die vor vier Wochen begann, dürfte sich nichts wesentliches getan haben.

Balkan Stories hat mehrmals erfolglos versucht, die Klinikleitung zu erreichen und zu fragen, warum man mit der Sanierung so lange zugewartet hat.

Tatsächlich scheint das aus der Außenperspektive rätselhaft.

Als die Fotos aus der Klinik 2017 öffentlich wurden, sorgten sie in Serbien für einen Skandal.

Und die Kosten für die Sanierung sind mit – offiziell – fünf Millionen Euro selbst für örtliche Verhältnisse überschaubar.

Ohne Covid-19 hätte sich vermutlich niemand für die Geschichte interessiert.

Knapp 60.000 – vorläufige – Rückwanderer

Die Pandemie bringt auch ein weiteres grundsätzliches Problem der serbischen Gesellschaft an die Öffentlichkeit.

Als die ersten EU-Staaten Ausgangssperren zu verhängen begannen und ihre Staatsbürger aus dem Ausland zurückholten und sich ankündigte, dass die Grenzen bald für alle geschlossen sein würden, strömten knapp 60.000 Serbinnen und Serben zurück nach Serbien.

Viele dürften sich in der neuen Heimat nie registrieren haben lassen, wird gemutmaßt.

Und beileibe nicht alle dürften sich auch zuhause abgemeldet haben, sprich: offiziell ausgewandert sein.

Die meisten kommen aus Staaten, in denen Corona schon früher und heftiger ausgebrochen war als in Serbien.

Sie wurden nach ihrer Rückkehr offiziell für zwei Wochen unter Hausquarantäne gestellt.

Die Polizei überprüft mindestens einmal am Tag, ob sie auch zuhause bleiben.

Wer gegen die Auflagen verstößt, wird in eines von drei Lagern am Land gebracht.

Freilich, es darf bezweifelt werden, ob alle Rückkehrerinnen und Rückkehrer erfasst wurden.

Schon die schiere Masse dürfte effektive Kontrollen unmöglich machen.

Selten jedenfalls wurde so deutlich, in welchem Ausmaß Serbien – genauso wie seine Nachbarstaaten – zur Auswanderungsgesellschaft geworden ist.

Naserümpfen im Westen

Gleichzeitig weckt die Krise auch westliche Vorurteile.

Serbien werde zum Brückenkopf Chinas, meint etwa die Zeit.

Das ist nicht ganz falsch – und doch in mehrfacher Hinsicht heuchlerisch.

Dass sich Aleksandar Vučić vor allem in dieser Krise an China orientiert, hat sich die EU selbst zuzuschreiben.

Das EU-Mitglied Italien haben alle anderen EU-Staaten alleine gelassen.

Zuletzt konfiszierten polnische und tschechische Behörden sogar Schutzausrüstungen, die an italienische Krankenhäuser geliefert worden waren.

Und schon zuvor hat die EU mehreren Balkanstaaten die kalte Schulter gezeigt.

Auch die wirtschaftlichen Beziehungen sind seit jeher – allen Jubelmeldungen zum Trotz – eher zum einseitigen Nutzen.

Was wunder, dass unter solchen Bedingungen jeder versucht, sich durchzulavieren, der kann?

Der serbischen Regierung fällt das am allerleichtesten.

Sie betreibt seit den 90-ern eine mehr oder weniger lebhafte Schaukeldiplomatie zwischen EU und Russland. Auch das sei nicht verschwiegen.

Es stellt sich die Frage, inwiefern irgendjemand das Recht hat, überrascht oder gar empört zu tun, dass sich Balkanstaaten außenpolitisch neu orientieren.

Man treibt sie ja dazu.