Auch nach der Ära von Langzeit-Machthaber Nikola Gruevski zeigen sich die Mazedonier nicht sonderlich zuversichtlich. Wer kann, wandert aus. Oder denkt zumindest darüber nach. Das Traumziel der meisten Emigranten in spe: Deutschland. Nur laut offiziellen Statistiken ist Mazedonien bereits Einwanderungsland.

„Welche Größe?“ fragt Hristijan.

Der großgewachsene 20-Jährige bedruckt T-Shirts auf einem Stand in der Stara Čaršija. Das ist das alte osmanische Bazarviertel der mazedonischen Hauptstadt Skopje.

„L“, sagte ich.

Dutzende Motive können Kunden hier auf ihre T-Shirts drucken lassen, das Stück kostet keine zehn Euro.

„Am beliebtesten sind bei uns Motive mit der mazedonischen Flagge, häufig auch in Kombination mit der albanischen oder der türkischen Fahne“, erklärt mir Hristijan.

Der kleine Stand ist sozusagen eine Filiale des T-Shirt-Shops seines Vaters in Ohrid, eröffnet vor wenigen Monaten.

„Es geht ganz gut, da kann man sich nicht beschweren“, sagt der junge Verkäufer.

Die Stara Čaršija und das mazedonische Ohrid-Ufer sind die wahrscheinlich einzigen Orte im Land, wo man von Tourismus im engeren Sinn überhaupt reden kann.

„Die meisten unserer Kunden sind Dijaspora-Mazedonier, aus Deutschland und aus anderen Ländern.“

Perspektiven und trotzdem Auswanderung

Ein Online-Shop soll demnächst die beiden Filialen der Marke Oriental T-Shirt Shop ergänzen, sagt Hristijan. Einrichten wird er ihn selbst, meint er. Er ist technisch versierter als sein Vater.

Außerdem sollen bald auch Tassen, Kappen und Handyhüllen bedruckt werden.

Ein sicherer Arbeitsplatz mit Perspektive, auch zur Selbstentfaltung – so schlecht sieht es nicht aus für den 20-Jährigen.

Im Land liegt die offizielle Arbeitslosenrate bei knapp 18 Prozent, meldet das Statistische Zentralamt Mazedoniens.

Ist er einer der wenigen, die im Land bleiben wollen?

„Demnächst gehe ich nach Deutschland“, sagt mir der ehemalige Sportler. „Meine Mutter lebt dort, und ich bin unter 21. Das heißt, für mich ist noch die Familienzusammenführung möglich.“

Dort wird er sich neu einrichten und weiterbilden. Studieren, einen Job suchen, ein Leben aufbauen.

„Hier geht das nur sehr schwer“, sagt er mir. „Viele meiner Freunde sind schon im Ausland.“

Serdžo sucht nach Kunden

Der Durchschnittslohn beträgt 25.435 Denar netto. Das sind etwas mehr als 400 Euro.

Das ist nicht einmal hierzulande viel.

Einer, der froh sein kann, wenn er so viel verdient, ist Serdžo.

„Seit zwei Tagen regnet es. Ich habe überhaupt nichts verkauft. Wer braucht schon eine Sonnenbrille“, lamentiert er.

Und hält mir seinen Bauchladen mit getönten Brillen entgegen. Sie tragen bekannte Namen. Ray Ban. Police. Porsche. Persol. Offiziell zumindest.

„Da sind aus Italien reingeschmuggelt worden“, erzählt mir der 56-Jährige auf Deutsch.

Die teils falsch geschriebenen Aufkleber mit den Markenzeichen lassen eher anderen Ursprung vermuten.

In den 80-ern war er Serdžo mehrere Jahre lang Reifenwechsler und Fahrer in Stuttgart. Nur leider nie angemeldet.

„Ich hab bei einem anderen Mazedonier gearbeitet und war froh, dass ich den Arbeitsplatz hatte“, erinnert er sich.

Seitdem er zurück ist, versucht er sich mit mobilem Verkauf in der Innenstadt von Skopje über Wasser zu halten. Lizenz für seine Bauchläden hat er keine.

„Was soll ich sonst tun? Ich bin ethnischer Serbe und da hab ich es besonders schwer, Arbeit zu finden.“

Korruption macht es noch schwerer

Zuhause hat er eine Familie mit mehreren Kindern und einem kranken Enkelkind, erzählt er mir.

„Mein Sohn findet auch keine Arbeit. Für einen Arbeitsplatz musst du hier Schmiergeld zahlen. Das Geld haben wir nicht.“

Mehrfach erkläre ich ihm, dass ich vor wenigen Tagen erst in Wien eine neue Sonnenbrille gekauft habe und keine mehr brauche.

„Aber sieh doch, das ist Polaroid. Die Sonne spiegelt nicht“.

Er meint polarisiert.

„Und sieh dir dieses Glas an. Bruchfest.“

Mit seinem Daumen drückt Serdžo die Linse ein, bis sie nach menschlichem Ermessen brechen müsste. Dann drückt er sie wieder gerade.

„Und sieh hier!“ Der Straßenverkäufer hält ein Feuerzeug unter die Kunststofflinse. Sie verrußt in wenigen Sekunden.

Mit einem Mikrofasertuch wischt er sie sauber. Keine einzige Brandspur.

„Ist das nicht wundervoll?“

Ja, nur brauch ich trotzdem keine. Wie ich zum gefühlten 20. Mal erkläre.

„Aber schau, normal kosten die 90 Euro. Für dich mach ich einen Sonderpreis. Du kriegst sie für 70 Euro.“

Irgendwie tut er mir leid und ich lade ihn auf einen Kaffee ein.

Im Nieselregel hole ich meine neue Sonnenbrille heraus. „Wozu brauch ich eine zweite?“

Traumziel Bielefeld

„Na gut, für dich kostet eine Brille 45 Euro. Aber da verdiene ich nichts dabei.“

Er scheint nicht von der Idee abzubringen zu sein, dass ich eine Brille kaufen möchte. Und es nur selbst noch nicht weiß.

Bevor der Kaffee fertiggetrunken ist, sind wir bei 25 Euro angelangt. „Da verdiene ich wirklich nichts mehr. Da muss ich drauflegen.“

Was macht der arme Kerl eigentlich im Winter?

Er verkauft aus seinem Bauchladen Parfums in der Innenstadt von Skopje.

„Das ist besonders schwierig. Wenige Touristen, da muss ich mir manchmal überlegen, ob ich mir Brennholz oder Essen leisten kann.“

Diesmal will er es anders machen.

„Bald fahren wir mit dem Bus nach Bielefeld und versuchen, dass wir dort bleiben können.“

Einwanderungsland Mazedonien?

Die ersten zwei Menschen, mit denen ich eine nähere Unterhaltung in dieser Stadt habe, wollen beide so schnell wie möglich nach Deutschland.

Laut offizieller mazedonischer Statistik gibt es weder Hristijan noch Serdžo.

Von den etwa zwei Millionen Mazedoniern sind nach offiziellen Angaben zwischen 2013 und 2017 jährlich nur zwischen etwa 400 und etwas mehr als 1.000 ausgewandert.

Überhaupt wandern laut Statistischem Zentralamt seit Jahren mehr Menschen nach Mazedonien ein als auswandern.

Das würde Mazedonien nach Slowenien zum einzigen Einwanderungsland im ehemaligen Jugoslawien machen.

Dem widersprechen internationale Schätzungen.

Seit dem Zusammenbruch Jugoslawiens dürfte etwa eine halbe Million Menschen das Land verlassen haben.

Ganze Dörfer stehen leer.

Der Großteil waren ethnische Türken, die in die Türkei auswanderten. Das sagt zumindest die liberale NGO Macedonia2025.

Überraschenderweise tauchen wiederum in der NGO-Statistik weder Deutschland noch Österreich als Diaspora-Länder auf.

In Österreich allein leben knapp 27.000, die in Mazedonien geboren wurden.

Mehr als die Hälfte ist erst nach 2001 gekommen.

„Dann sind wir den Winter über versorgt“

Anders als für Hristijan, der als Familienangehöriger ein Visum bekommt, kann sich Serdžo nicht darauf verlassen, länger in Deutschland bleiben zu dürfen.

Probieren wird er es trotzdem: „Ich werde Asyl beantragen.“

Dass seine Chancen eher bescheiden sind, weiß er selbst.

„Ich hab das schon einmal gemacht. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist wieder ein negativer Bescheid. Dann setzen sie uns in einen Bus und zahlen die Fahrkarte nach Skopje. Das alles dauert aber ein paar Monate. Und dann sind wir wenigstens über den Winter versorgt.“

Schlimmer als hier und jetzt könne es jedenfalls nicht werden.