Endlich habe ich sie selbst gesehen. Die Legende. Den wertvollsten Schatz des bosnischen Nationalmuseums. Eines der wertvollsten Kulturgüter Bosniens und des Judentums. Die Sarajevo Haggadah.

Ich kriege leichte Gänsehaut.

Die Tür des klimatisierten Tresorzimmers im bosnischen Nationalmuseum öffnet sich.

Die Museumsangestellte, eine Archäologin, tritt vor mir ein.

Sie ist sichtbar weniger aufgeregt als ich.

„Entschuldige, dass ich ein bisschen zu spät bin. Wir hatten noch etwas zu besprechen.“

Wie oft war ich schon vor und in diesem Museum, um seinen wertvollsten Schatz zu sein.

Jedes Mal bin ich heimgegangen, ohne meinen Wunsch erfüllt zu sehen.

Der Tresorraum wurde gerade gebaut. Die wertvollste Handschrift der Stadt war gerade verborgt. Es war der falsche Wochentag.

Was kümmern mich die zehn Minuten, die ich heute gewartet habe, bis der Tresor aufgesperrt wird?

In einem schuss- und sonstwassicheren Glaskasten liegt die Legende vor mir.

Aufgeschlagen und aufgestützt auf einem kleinen Podest das vielleichst bosnischste aller Kulturgüter, das gar nicht einmal hier hergestellt wurde und von dem keiner weiß, wie es in diese Stadt kam.

Die Sarajevo Haggadah.

Das am besten erhaltene illustrierte Pessah-Gebetsbuch, das es noch gibt auf dieser Welt.

Im späten 14. Jahrhundert in Spanien geschrieben und gemalt. Für unzählige Pessah-Feiern verwendet, wie das bosnische Nationalmuseum auf seiner Homepage schreibt.

Das Glück ist in Chicago zuhause

69 Illustrationen enthält das Buch.

Das sind 69 mehr als nach dem strengen jüdischen Bilderverbot erlaubt wären.

Ein älteres Ehepaar aus Chicago hat sich zu uns gesellt.

Ihr hört man Chicago an.

Beide sind nur diesen einen Tag in Sarajevo und auf gut Glück ins Nationalmuseum gekommen, um die Haggadah zu sehen.

Auf viel gut Glück.

Für das allgemeine Publikum ist das Buch nur eine Stunde die Woche zu sehen.

Wenn es denn da ist.

Eine unverzichtbare Einnahmequelle

„Wir verleihen es auch an andere Museen“, sagt die Museumsangestellte. „Das ist ein wichtiger Teil unserer Einnahmen.“

Wie die bosnische Nationalbibliothek und das Historische Museum ist das Nationalmuseum eine der nationalen kulturellen Einrichtungen mit offiziell ungeklärtem Status.

Die Republika Srpska, der serbisch dominierte Teilstaat Bosniens, erkennt sie nicht als nationale Einrichtung an.

Das versperrt ihnen den Weg zu Mitteln der bosnischen Bundesregierung.

Keine der Einrichtungen hat ein eigenes Budget.

Man hält sich mit Kooperationen mit ausländischen Einrichtungen, mehr oder weniger nach Gutdünken gewährten Mitteln des zweiten Teilstaats Federacija und Spenden über Wasser.

Und das kaum, wie die DIESE REPORTAGE von der Nationalbibliothek und DIESE REPORTAGE vom Historischen Museum zeigen.

Das Nationalmuseum war wegen Budgetengpässen sogar zwei Jahre lang geschlossen. (Siehe HIER.)

Ein Lied verbindet

Unsere Museumsführerin hat die Tonanlage eingeschalten.

Sie spielt ein Lied auf Ladino, der Sprache der Sephardim.

Sarajevo war Jahrhunderte lang immer auch sephardische Stadt.

Das Osmanische Reich hatte den Juden Schutz gewährt, die 1492 und in mehreren Wellen danach aus Spanien vertrieben worden waren.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war jeder fünfte Einwohner Sarajevos jüdisch.

„Mein Enkel hat dieses Lied in der Schule gesungen“, sagt die Besucherin aus Chicago verzückt. „Es war in Vorbereitung auf Hannuka!“

Es ist gibt Lieder, die verbinden, dass man es kaum glauben mag.

Man könnte dieses Lied auch für eine Sevdalinka halten. Oder für Flamenco.

Sevdah, die bosnische Musikrichtung schlechthin, vereinigt wie Flamenco mehrere kulturelle und musikalische Strömungen. Unter anderem auch sephardische.

Man hört es an diesem Lied, das offenbar auch Ashkenazim in Chicago singen.

Wir strahlen uns alle an, als uns das die ältere Dame sagt und unsere Museumsführerin erzählt ein wenig über Sevdah.

Die Geheimnisse der Haggadah

Wie viele ihrer 660 Jahre die Haggadah in Sarajevo verbracht hat, kann niemand sagen.

1894 verkaufte der Eigentümer Joseph Koen oder Cohn die Handschrift dem neu errichteten bosnischen Nationalmuseum. Für 150 Kronen.

Offenbar wusste er nicht, wie wertvoll die mittelalterliche Handschrift war.

Heute weiß es auch niemand. Einig ist man sich nur, dass man einige Nullen dranhängen muss.

Es gibt nur eine Handvoll illustrierter Haggadot, so der Plural, auf der Welt.

Die Sarajevo Haggadah gilt als die am vollständigsten erhaltene.

„Wenn ihr schon da seid, könnt ihr mir vielleicht eine Frage beantworten?“, sagt unsere Museumsführerin in Richtung des älteren Ehepaars.

Der Gatte, dem man Chicago weniger anhört als ihr, hat sich in der Unterhaltung in den vergangenen zehn Minuten mit viel Detailwissen hervorgetan.

Die Museumsangestellte schlägt ein Faksimile der Haggadah auf und deutet auf eine Illustration.

Sie zeigt die Schöpfung der Welt. Mit einem Bild mehr als üblich.

Auf diesem Bild sieht man Adam und Eva. Mit einer rätselhaften, verblichenen, dritten Gestalt.

„Es gibt Interpretationen, dass dieses Bild Gott zeigt. Das wäre ja im Judentum schwer verboten.“

Der Besucher – wir kommen leider nie dazu, uns einander vorzustellen – betrachtet die Illustration lange und sorgfältig.

„Ja, ich weiß nicht, was dieses Bild genau zeigt. Ich würde es nicht ausschließen, dass es Gott zeigt. Das wäre dann der einzige jüdische Text dieser Welt, der das tut.“

Ein weiteres Mysterium um dieses Buch.

Ein Symbol Bosniens. Im Guten wie im Schlechten

Nur, es ist nicht nur ein Schatz des Judentums.

Vielleicht ist es das bosnischste Buch überhaupt.

Es waren Museumsdirektor Jozo Petrović und Kurator Derviš Korkut, die dieses Buch 1941 unter Lebensgefahr aus dem Museum geschmuggelt haben.

Der Katholik und der Muslim, der Kroate und der Albaner, verschworen sich spontan gegen einen SS-Offizier, der die Haggadah beschlagnahmen wollte.

Vermutlich sollte sie im Museum über das ausgelöschte Judentum ausgestellt werden, das die Nazis in Prag planten.

Korkut übergab das Manuskript einem bosnjakischem Imam. Der versteckte die Haggadah bis zum Ende des Krieges.

Auf dass sie Zeugnis liefere, wie sehr die Juden Sarajevos diese Stadt geprägt haben.

Etwa 2.000 jüdische Einwohner Sarajevos überlebten die Shoah. Viele wurden von muslimischen oder katholischen Bewohnern der Stadt versteckt.

Die orthodoxen Bewohner, Serben nach gängiger Lesart, hätten vermutlich gerne mitgeholfen, sahen sich aber selbst einem Völkermord ausgesetzt.

Unter anderem rettete auch Derviš Korkut auf diese Art Mira Papos das Leben. Yad Vashem ehrt ihn als Gerechten unter den Völkern. (Siehe HIER)

Als serbische Truppen Sarajevo belagerten und das Nationalmuseum de facto an der Front lag, war die Haggadah eines der ersten Artefakte, das in Sicherheit gebracht wurde.

Sie überstand den Bosnienkrieg im Tresor der bosnischen Nationalbank.

Und wurde eines der Symbole des Widerstandes.

Heute ist sie eine der wenigen einigenden kulturellen Klammern Bosniens.

Und steht zugleich für das Verschwinden von Kulturen.

Ladino, die Sprache der Juden, die sie einst geschrieben haben, ist praktisch ausgestorben auf den Straßen Sarajevos.

Vor dem Zweiten Weltkrieg soll jeder dritte Einwohner die Sprache beherrscht haben.

Heute ist es eine Handvoll der 700 meist älteren Juden, die noch in der Stadt leben. (Reportage siehe HIER.)

Auch Bosnien blutet aus.

Nicht nur, dass das Land seit dem Krieg mit wenigen Ausnahmen ethnisch getrennt ist.

Seine Einwohner wandern in Scharen aus.

3,8 Millionen Bosnier gibt es offiziell. Inoffiziell soll es deutlich weniger sein.

Viele Bosnier, die ausgewandert sind, sind nach wie vor in ihren Heimatgemeinden gemeldet.

Wenn es so weitergeht, wird man in 30 oder 40 Jahren für die Sarajevo Haggadah ein neues Zuhause finden müssen.

In ihrer Heimat wird es niemanden mehr geben, dem man sie zeigen kann.

Eine aufwändige Reproduktion der Sarajevo Haggadah mit wissenschaftlichem Kommentar ist im Webshop des bosnischen Nationalmuseums (HIER) erhältlich.