Vor 20 Jahren begann die NATO, Rest-Jugoslawien zu bombardieren. Es war die Eskalation des Kosovo-Kriegs, in dem jugoslawische Truppen massive Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hatten. Die langjährige Journalistin Livia Klingl hat diesen Tag in Beograd erlebt.

Es ist ein kurzer, persönlicher Text, den die langjährige Reporterin, Korrespondentin und Leiterin des Außenpolitikressorts der österreichischen Tageszeitung Kurier, Livia Klingl, auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht.

Ohne Schnörkel fasst sie die Komplexität der weltpolitischen Lage zusammen und erinnert Leserinnen und Lesern, dass es auch handfeste politische Gründe ab, dass die NATO in den grausamen Bürgerkrieg um die damalige Provinz Kosovo der restjugoslawischen Teilrepublik Serbien eingriff.

Aber lassen wir sie hier selbst zu Wort kommen. Aus Authenzitätsgründen wurde die Groß- und Kleinschreibung im Original belassen.

„heute vor 20 jahren habe ich mich vor der panoramascheibe des belgrader hotels ins fauteuil gesetzt, die füße auf das beistelltischerl gelegt und versucht, die roten sonnen und die gleißenden beistriche zu zählen, die diese roten sonnen jagten.

aber es waren am ersten tag des völkerrechtswidrigen nato-kriegs zu viele bomben und zu viel luftabwehr, um den überblick zu behalten.

einen teil der story konnte man jedoch schon damals überblicken: dieser krieg kam, weil der westen – damals noch eine intakte allianz zwischen den nato-europäern und den usa und den entsprechenden politikern -, weil die zivilisten im westen, also die politiker, dem starrsinnigen Milošević so lange gedroht hatten, bis die nato vor der wahl stand: entweder zum zahnloser tiger zu verkommen oder eben aberhunderte bomben und raketen auf jugoslawien abregnen zu lassen.

an dieser entscheidung ist beinahe die italienische regierung zerbrochen, ja beinahe die eu und „Slobo“ war nach 78 tagen krieg, zerstörung, leid dann noch weitere eineinhalb jahre im amt. nur vom kosovo hat er die finger lassen müssen, jedenfalls vom mehrheitlich albanisch besiedelten teil, dem es im übrigen auch elend geht, politisch, ökonomisch, gesellschaftlich.

20 jahre später ist im nunmehrigen serbien ein politischer erbe Miloševićs und politischer kriegsgewinnler am ruder, zehntausende menschen demonstrieren seit wochen gegen die regierung, die supermarktpreise sind fast so hoch wie bei uns, die gehälter aber nicht.

und ich mag feuerwerke noch immer nicht. nicht die, die das neue jahr begrüßen und die der militärs erst recht nicht. und politiker ohne weitsicht kann ich auch nicht leiden.“

Der Text wird hier mit freundlicher Genehmigung von Livia Klingl wiedergegeben.

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Livia Klingl vor dem Hauptquartier der jugoslawischen Armee, das kurz zuvor von der NATO bombardiert wurde.

Natürlich gibt es noch sehr viel zu diesem Krieg zu sagen. Hier sei etwa auf die Neue Zürcher Zeitung verwiesen.

Aber Klingls Text ermöglicht den Blick auf das Wesentliche, sowohl was die Gründe für den NATO-Krieg betrifft, wie auch, was die desaströsen Folgen sowohl für das heutige Serbien und den Kosovo betrifft.

Zur Autorin

Livia Klingl war bis zu ihrer Pensionierung eine der führenden Außenpolitikjournalistinnen in Österreich und leitete unter anderem das Ressort Außenpolitik des Kurier. Sie berichtete aus zahlreichen Konflikt- und Kriegszonen, unter anderem (und vor allem) aus dem zerbrechenden und zerbrochenen Jugoslawien, etwa aus dem belagerten Sarajevo.

Heute engagiert sich Livia Klingl für humanitäre Angelegenheiten, etwa für eine menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen. Sie ist auch eine kritische öffentliche Stimme gegen den Rechtsruck in Österreich und die aktuelle Bundesregierung.

Livia Klingl ist auch Autorin mehrerer Bücher. Ihr neuestes Werk „Biedermeiern“ zur innenpolitischen Lage in Österreich ist vor Kurzem erschienen.

(Biedermeiern wird voraussichtlich Teil meiner Reiseleküre auf der nächsten Balkantour werden.)

Balkan Stories und die Folgen des Kosovo-Kriegs

Einige unerzählte Geschichten über die wahren Helden des Kosovo-Kriegs könnt ihr HIER nachlesen.

DIESE Reportage ermöglicht einen Blick, was die Unabhängigkeit den Kosovaren gebracht hat.

DIESER Text von Gastautor Max Bitter macht die Armut in Serbien sichtbar.

Titelbild: Die Ruinen des Hauptquartiers der damaligen jugoslawischen Armee, Mai 2018.