Warum der Misthaufen in der Ulica Pehlivanuša in Sarajevo kein Beispiel für die regionsübliche Umweltverschmutzung ist. Sondern eine politische Botschaft hat.

Da liegen sie wieder die Sackerl, gefüllt mit ungetrenntem Müll, leere Dosen und andere Packungen kullern und liegen auf der Straße, ein Pizzakarton.

Am Strommast lehnt eine Rolle.

Die Katzen sind geflüchtet, als sie mich kommen gehört haben.

Man weiß ja nicht, ob ein Fremder neue Essensreste bringt oder Probleme.

Bei Einheimischen sind sie unaufgeregter.

Wer die Pehlivanuša entlang geht, muss hier vom schmalen Gehsteig auf die Straße ausweichen.

Es ist ein Haufen Müll, wie man ihn in der Region häufig sieht – aber nur am Stadtrand, nicht in der Stadt selbst.

Es sei denn, die Mülltonne geht gerade über.

Nur, an dieser Stelle stehen in der Pehlivanuša keine Mülltonnen.

Auch in der Quergasse nicht.

Geld vor Mensch

Dass der Mist der Bewohner hier liegt, hat nichts damit zu tun, dass die Leute zu faul wären, ihn zur nächsten Mülltonne zu tragen, erklärt mir Adi.

Ihm gehört das Guest House Bujrum. Ich wohne gerne dort, wenn ich in Sarajevo bin.

„An dieser Ecke gab es früher Mülltonnen“, klärt mich Adi auf.

Nur, die sind einem Neureichen und seinem Bauwahn zum Opfer gefallen.

Er hat das alte Haus an der Ecke abreißen und dort ein Minianwesen bauen lassen.

Samt Mauer.

Die Mauer lässt keinen Platz mehr für Mülltonnen. Die Gassen sind hier sehr eng und abschüssig. Wahnsinnig viele Stellen, die für Tonnen geeignet wären, gibt es nicht.

Sämtliche Einsprüche der Bewohner gegen die Pläne waren gescheitert. Das ist üblich im ehemaligen Jugoslawien.

Öffentliche Infrastruktur wird privatisiert, oder, sollte sie im Weg stehen, entfernt.

Geld vor Mensch. Siehe die Querelen um die Belgrade Waterfront.

Der kleine Widerstand gegen die neue Ordnung

Die kapitalistische Restauration nach dem Ende des Sozialismus hat alle Gesellschaftsbereiche durchdrungen. Legal und, wenn das unbequem sein sollte, illegal.

Regeln gelten, wenn überhaupt, nur für die, die sich nicht freikaufen können.

„Aus Protest laden die Leute aus der Gegend ihren Abfall bis heute an der Ecke ab“, klärt mich Adi auf.

Die Leute können die Mauer nicht zum Verschwinden bringen. Aber sie können ihr Missfallen ausdrücken, dass die ihnen die Mülltonnen weggenommen wurden.

Das tun sie jeden Tag.

Der kleine Widerstand gegen die neue kapitalistische Ordnung.

Kritisieren könnte man allenfalls, dass dieser kleine Widerstand den Mitarbeitern der städtischen Müllabfuhr mehr Arbeit verursacht.

Aber die beschweren sich nicht.

Kritisieren kann man auch, dass es nur die Anrainer dieser Ecke sind, die dem Prinzip Geld regiert die Welt den Stinkefinger beziehungsweise den Stinkesack zeigen.

Wären solche kleinen Widerstände alltäglich, würde das die zermürben, die für die Zustände verantwortlich sind.

Und vielleicht verhindern, dass in der Region öffentliche Infrastruktur Stück um Stück privatisiert wird oder verschwindet.