Die deutsche Schauspielerin Nermina Kukić war eine der ersten Unterzeichnerinnen von #jersmoljudi. Bei der Kampagne fordern ehemalige Flüchtlinge des Bosnienkriegs und Mitglieder der bosnischen Dijaspora in der westlichen Welt die bosnische Regierung auf, Flüchtlinge in Bosnien menschenwürdig zu behandeln und protestieren gegen die Hetze gegen Flüchtlinge in ihrer alten Heimat. In einem persönlichen Text erklärt Nermina, warum sie #jermsoljudi unterstützt.

Ich besuche die Schwester meines Vaters in ihrer „Vikendica“ (Ferienhaus) in Gusinje, Montenegro, die in Kriegszeiten aus dem kosovarischen Mitrovica fliehen musste, weil sich ihr Haus samt Restaurant leider auf der „falschen“, in dem Fall auf der serbischen Seite, der mittlerweile geteilten Stadt befunden hatte. Sie selber ist zwar gebürtige Albanerin, ihr Mann aber ist Montenegriner, Moslem, die beiden Söhne waren damals im wehrpflichtigen Alter und die Familie hatte Angst, man würde sie in die serbische Armee rekrutieren, wo sie dann auf ihre albanischen Vettern, die andere Schwester meines Vaters lebte nämlich auf der anderen Seite der Brücke, wo sie mit einem Kosovaren verheiratet war und ebenfalls wehrpflichtige Söhne hatte, hätten schießen müssen. Wer das bis hierhin verstanden hat, kann weiterlesen, die anderen können sich eine Suppe kochen. Also: die Tante von der serbischen Seite flüchtete mit der Familie zu Verwandten nach Sarajevo, wo FUNFACT! ihr meine bosnischen Cousins, welche man nach jahrelangem Aufenthalt und Asyl in Deutschland nach Sarajevo zurückgeschickt hatte, ihr die warme Suppe für Flüchtlinge aus dem Kosovo zu essen gaben. The one eyed leading the blind.

Meanwhile war die albanische Familie meiner Tante von der anderen albanischen Brückenseite aus Mitrovica nach Belgien geflohen, wo sie ebenfalls kurzzeitig Asyl bekamen und uns in dem Wuppertaler Wohnzimmer meiner Eltern vom Krieg und ihrer Flucht berichtet hatten. Wie übrigens Jahre zuvor die eben kurz erwähnte Familie aus Sarajevo ebenfalls, der Vater, der Cousin meiner Mutter mit Details von der Operation ohne Narkose, in der man ihm Granatensplitter aus der Lunge entfernt hatte, aber das führt jetzt zu weit. Wer bis hierhin klargekommen ist – weitermachen! Die anderen –  Suppe langsam löffeln.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, ich besuche also die Tante aus Sarajevo in Montenegro und auf ihrer Terrasse in Montenegro sitzt ein Vetter dritten Grades aus Sarajevo, der Sohn des Cousins meines Vaters und ebenso natürlich meiner Tante, und er entschuldigt sich, dafür die Sonnenbrille nicht abzunehmen, da er fast erblindet sei. „Äh, okay, macht nix, Mann! Und sonst so?“ In dem nachfolgenden Gespräch erfahre ich, dass der mit mir gleichaltrige Mann gemeinsam mit seinen zwei Brüdern und seinem Vater Sarajevo im Krieg gegen die Serben verteidigt hat, und dass die zwei Narben auf seinem Hinterkopf (ich hatte mich nicht getraut zu fragen) von dem Granatsplitter stammten, der ihm in den Kopf gefahren war. Die eine Narbe markierte den Einschuss, links, die Andere, auf der rechten Seite, die Stelle, durch welche die Ärzte den Splitter aus dem Schädel herausgezogen hatten. Der Schädel selber existierte am Hinterkopf so gut wie gar nicht mehr, vielmehr wurde der Kopf von einer Kunststoffplatte (er sagte „Plastik“) zusammengehalten. Daher auch die zunächst totale Erblindung, nun zu partieller Erblindung gemildert.  Er rauchte Kette. Er erzählte von Gefechten. Er zeigte mir ein Interview mit seinem älteren Bruder, der im Krieg irgendeinen wichtigen serbischen Kommandanten erschossen hatte. Er erzählte von seinem mittleren Bruder, welcher wohl kurzzeitig bei meinen Eltern in Wuppertal war, während des Krieges, ich erinnerte mich nicht daran. Ebensowenig wie ich damals mitgekriegt hatte, dass ein anderer Cousin von mir aus Tuzla auch kurzzeitig bei meinen Eltern untergekommen war. Ich musste die ganze Zeit weinen, schämte mich aber und versuchte es zu unterdrücken. Der Grund, warum ich so wenig mitgekriegt hatte war, dass ich zur Zeit der Jugoslawienkriege auf der Schauspielschule in Bochum war , wo ich lernte, Menschen darzustellen.  Ein Mensch zu sein lernte man zu jener Zeit, wie zu allen Zeiten, aber woanders. Die Suppe auslöffeln müssen ja auch immer die Anderen.

Text: Nermina Kukić

Nermina Kukić, Jahrgang 1971, ist als Gastarbeiterkind mit vier Jahren nach Deutschland gekommen. Der Vater ist Albaner aus Montenegro, die Mutter muslimische Montenegrinerin. Die Familie hat enge Verbindungen nach Bosnien. Nermina hat Anglistik und Amerikanistik studiert, sowie Literatur und Philosophie. Danach machte sie eine Ausbildung zur Schauspielerin. Nermina arbeitet als Schauspielerin, Regisseurin, Dozentin und Autorin. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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Titelfoto: castforward.de