Seit Tagen ist der kritische Deutsche Welle-Journalist Nemanja Rujević wegen eines griffigen Titels einem Shitstorm in sozialen Medien und der Hetze durch bosnjakisch-nationalistische Nachrichtenseiten ausgesetzt. Eine Verbindung zu regierungsnahen türkischen Kreisen erscheint wahrscheinlich. Balkan Stories hat ihn zu dem Vorfall interviewt. Und Einblick erhalten in die ständigen Anfeindungen, denen kritische Journalisten am Balkan ständig ausgesetzt sind.

„Die türkische Lira stürzt ab – und Allah hilft nicht“. Dieser pointierte Titel brachte Nemanja Rujević von der Deutschen Welle (DW) einen Shitstorm ein.

Er sei islamfeindlich, behaupteten User, bedrohten ihn und seine Familie. Bosnjakisch-nationalistische Medien hetzen seit Tagen fröhlich mit.

Eine Verbindung zu regierunsnahen Kreisen in der Türkei erscheint wahrscheinlich.

Im Interview mit Balkan Stories zeigt sich Nemanja Rujević kämpferisch. Er will sich nicht einschüchtern lassen.

Balkan Stories: Hast du mit Beschwerden gerechnet, als du den ja durchaus griffigen Titel der Presseschau formuliert hast?

Nein. Der Titel ist vor allem pointiert, weil er die Kritik der deutschen Presse an der islamischen Autokratie, die unter Erdogan entsteht, zusammenfast. Und natürlich ist der Titel stark – aber auf keinem Fall beleidigend für Muslime. Leider findet sich unter hunderten unappetitlichen und drohenden Kommentaren keine vernünftige Erklärungen, was genau hier verletzend sein soll: die Erwähnung von Allah? Das hat Erdogan vorgemacht. Oder dass ich die Tatsache benenne, dass Götter normalerweise in Währungsfragen nicht helfen?

Hat dich der Artikel auf bosnjacki.com überrascht?

Nach so einem Shitstorm war es vorhersehbar, dass die quasi-journalistischen Portale aufspringen werden. Aber die waren nicht besonders kreativ: jemand hat ein kleines Pamphlet zusammengebastelt, wo ich zum Islamophoben und großserbischen Nationalisten stilisiert wurde, die anderen haben das dann mit der bewährten copy/paste Methode übernommen. Das passierte auf Albanisch und teilweise auf Serbisch, wobei die bedeutenden serbische Portale zwar in Boulevardmanier aber neutral berichteten. Ob die Seite bosnjacki.com die erste war, weiß ich nicht.

Hat dich die Redaktion von dort überhaupt kontaktiert?

Nicht persönlich. Ich bezweifle übrigens, dass es dort eine „Redaktion“ gibt.

Wie haben deine Vorgesetzten auf die offizielle Beschwerde reagiert?

Die Pressestelle der DW bekam zwar die Anfrage eines gewissen Herrn Mirsad (Mujezinović -wie ich über Facebook herausfand) im Namen von bosnjacki.com. Die Frage war, wann die DW diesen Islamophoben endlich rausschmeiße. Die Antwort hat sich aber erübrigt, als Herr Mujezinović auf FB die DW mit der Redaktion von Charlie Hebdo verglichen hat – und du weißt, was das bedeutet.

Wie geht es dir mit all den persönlichen Angriffen gegen dich?

Ach ordentlich, ich bin aber immer wieder von zwei Sachen aufs Neue fasziniert: erstens, viele Leute lesen die Texte nicht, die sie kommentieren. Zweitens, die Menschen, die mir mit der Allahs Macht drohen und meinen Kindern Tod wünschen – Extremisten also – stellen sich als unglaublich zart und verletzlich dar, und nutzen teilweise falsch verstandene politische Korrektheit, um ihre Empfindlichkeit als Zensurgrund hochhalten zu können. Und ich denke, man darf Allah, Gott oder Buddha erwähnen, genauso wie die Kommunistische Partei in China, Putin, Feminismus, Nationalismus oder Partizan Belgrad – alles, was vielleicht jemandem wichtig oder gar heilig ist. Gewiss, Journalisten sollen etwas dickere Haut haben. Etwas völlig anderes sind aber direkte Drohungen an meine Familie und mich. Das ist ein Fall für die Justiz.

Was sagst du zu den Unterstellungen, du seist islamfeindlich und hättest FPÖ-Chef Heinz Christian Strache verteidigt?

Vor zwei Wochen war ich wegen eines Artikel noch der „Kroatenfresser“, dazwischen wie üblich der „Serbenhasser“ und der „Fremdagent“, der im Sinne Deutschlands gegen serbischen Interessen schreibe. Man muss sein Image unter allen Nationalisten in Ex-Jugoslawien ja pflegen. Die „Strache-Sache“ ist natürlich Unsinn, braucht aber eine längere Erklärung: Am 18. Januar berichteten der Standard und Ö1 parallel über einen Besuch von Strache in Banja Luka, der noch im September 2017 stattgefunden hatte, also bevor er Vizekanzler wurde. Die beiden Medien haben eigentlich Mist gebaut, und nach meinen Anfragen ihre Berichterstattung korrigiert. Sie hatten behauptet, Strache hätte umstrittene Aussagen zu einem Recht der Abspaltung der Republika Srpska gemacht. Das hatte nur die Moderatorin des Staatsfernsehens der RS, RTRS, behauptet. Im Interview mit dem Sender, wo er auf Deutsch geantwortet hatte, hat er das so nicht gesagt. Besonders problematisch daran war aus meiner Sicht, dass die Berichte vier Monate nach den umstrittenen Aussagen erfolgten. Andere österreichische Medien, die damals zeitnahe berichteten, haben korrekte Zitate verwendet. Außerdem hat der Standard berichtet, Strache sei Gast beim umstrittenen Tag der Republika Srpska gewesen. Das stimmte nicht. Ich hab in einem Text diese schlechte Berichterstattung zum Thema – und ein bosnisches Portal machte ein Pamphlet gegen mich daraus. So wurde ich zum „Strache-Versteher“ obwohl es um ihn gar nicht ging.

Hast du schon einmal eine ähnliche Kampagne erlebt – gegen dich persönlich oder gegen Kollegen?

Ja, einmal, als ich vor zwei Jahren in einem lokalen Archiv in den USA einen öffentlich zugänglichen Bescheid der amerikanischen Steuerbehörde entdeckt habe, der besagt, dass ein serbischer Oppositionspolitker dort eine Million Dollar Steuerschulden angehäuft und dann die USA verlassen hat. Das war eine regelrechte Kampagne gegen mich. Er und seine Partei haben mir mit Klage gedroht, aber die Klage nie angereicht, denn sie wussten, dass ich Recht habe. Er witterte eine Verschwörung von Hillary Clinton und Angela Merkel gegen ihn, weil er der einzige sei, der gegen den serbischen Machthaber Vučić gewinnen könne und die zwei brauchten Vučić, um die Kosovo-Frage zu lösen. Total verrückt!

Kleinere Sachen gibt es immer wieder, auch bei der DW. Viel schlimmer ist es aber für  kritische Journalisten in Serbien. Dort werden sie jeden Tag auf den Titelseiten der regimetreuen Presse zur Zielscheibe gemacht, müssen um Sicherheit und Jobs fürchten. Die Arbeit für die DW hat sich so zum unglaublichen Vorteil entwickelt. Wir haben keinen Druck so oder so zu schreiben und sind von den Verhältnissen in Serbien (Bosnien, Kroatien, usw…) völlig unabhängig.

Was denkst du, dass wirklich dahintersteckt?

Ich sehe dort keine Verschwörung, bin also lieber naiv als paranoid. Es waren auch ein paar Kollegen, die in Bosnien halbwegs prominent sind, unter „Beleidigten“ vertreten. Etwa ein früherer DW-Korrespondent, der heute für Al Jazeera Balkans arbeitet. Da spielt sicher auch Eitelkeit mit. Und da ist natürlich der Algorithmus der sozialen Netzwerke. Dort machen 10+10 nicht 20, sondern gleich 100, wenn es um die Reaktionen geht.

Ausgegangen ist diese Kampagne eindeutig von bosnjakisch-nationalistischen Medien. Aufgegriffen haben sie aber auch andere Seiten wie Blic oder KOSMO. Was sagst du zu diesen Kollegen, die völlig unkritisch bei persönlichen Angriffen auf einen Journalisten mitmachen?

Über die zwei erwähnten Medien kann ich nicht sagen, dass sie in diesem Fall „mitgemacht“ haben. Die haben bloß berichtet, knapp und oberflächlich – man ist ja heute immer in Eile – aber nicht negativ. Die Kollegen aus Kosmo haben auf meine E-Mail reagiert und zwei kleinere Fehler in ihrem Text korrigiert. Die Kollegen aus Blic reagierten hingegen nicht.

Wird diese Kampagne einen Einfluss auf deine künftige Arbeit als Journalist haben?

So dünnhäutig bin ich nicht. Und die volle Unterstützung meiner Redaktion hat mir viel bedeutet.

Nemanja arbeitet seit 2009 für die DW. Außerdem schreibt er regelmäßig für die kritische Beograder Wochenzeitung Vreme. Berichtet hat er unter anderem über den 20. Jahrestag des Völkermords von Srebrenica, deutschen Lobbyismus in Serbien, die miserable Lage von Flüchtlingen in Serbien, die Inszenierung von Aleksandar Vučić als Schaffer von Arbeitsplätzen und die Ausbeutung von Arbeitskräften vom Balkan in Deutschland.