Die Debatte um den Beitrag einer Schweizer Autorin für einen Sammelband des Österreichischen Integrationsfonds eröffnet ganz neue Perspektiven auf die Schweiz. Wer die Eidgenossenschaft einmal durchschaut hat, kann den ganzen Balkan überblicken.

Die Schweiz ist nicht das klassische Balkanland schlechthin? Sagt wer?

Zumindest nicht die Schweizer Romanistin Saïda Keller-Messahli.

Die hat das Buch „Islamistische Drehscheibe Schweiz“ geschrieben. Der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) gab ihr nach der Veröffentlichung den Auftrag, doch ein Kapitel in einem Sammelband über den europäischen Islam zu schreiben.

Keller-Messahli nahm ein Kapitel aus ihrem Buch, redigierte es ein wenig und schwupp war es im unter dem Titel „Islam auf dem Balkan – ein historischer Überblick bis hin zur Gegenwart“ im Sammelband.

Ist auch naheliegend.

Die Schweiz hat Berge, am Balkan sind viele Berge.

Da hat man schon eine gewisse Expertise für die wesentlichen Dinge. Und sieht: Die Schweiz ist neue Herz des Balkan.

Außerdem bezeichnet sich Keller-Messahli selbst als Islamexpertin. Und wer bitte würde sich selbst Expertin nennen, wenn man keine ist? Kommt ja nie vor, sowas.

Kennst du ein Bergvolk, kennst du alle

In der Schweiz sind Männer mit langen Bärten.

Alpenbarttreffen_Verena Zimmermann
Foto: (c) Verena Zimmermann

In Bosnien leben auch Männer mit langen Bärten.

In Bosnien heißen sie Salafisten und nicht Almöhis. Und weil es in Bosnien nicht so viele Vollbartträger gibt wie in der Schweiz, müssen wir das mit einem Foto illustrieren, das in Kairo aufgenommen wurde.

Salafi_US Institute of Peace
Foto: (c) US Institute for Peace

Wen stört das schon? Der einzige Unterschied ist der Hut.

Außerdem, in beiden Staaten gibt’s viele Kantone und die Leut essen viel Käse.

Und wurde nicht mal Bosnien als die Schweiz des Balkan gedacht? Was soll es da noch für Fragen geben?

Und wenn man die Nachbarn fragt, haben Bosnier wie Schweizer den Ruf ein bisschen, naja, halt anders zu sein.

Woher sie sind, hört man auch, sobald sie den Mund aufmachen.

Also, wo liegt denn da der Unterschied? Kennst du ein Bergvolk, kennst du alle. Das gilt besonders für die Balkanesen, zu denen eben auch die Schweizer gehören.

Da musst du nicht mal extra das andere Bergvolk besuchen.

Die paar Unterschiede kannst du in Wikipedia nachschlagen. Da muss man nicht so kleinlich sein wie ein paar Balkanexperten und Journalisten und gleich einen Offenen Brief schreiben.

Man muss den Blick fürs Wesentliche behalten. Unwichtige Details wie das, was man gemeinhin als Wirklichkeit bezeichnet, stören da nur.

Und weil die Schweiz das Herz des Balkan ist, stammt das Titelfoto aus Višegrad.