Lasst sie reisen!

Dass Kosovaren Visa für die EU benötigen, ist schikanös. Gründe gibt es längst keine mehr. Schafft die Visumspflicht ab.

Florin war noch nie in der EU. Um seinen Lebenstraum von einer Buchmesse in Paris zu erfüllen, müsste er einen bürokratischen Eiertanz aufführen.

Er braucht: Einkommensbestätigung, Meldebestätigung, Versicherungsbestätigung, eine Bestätigung, dass er die Kosten der Reise selbst bezahlen kann, im Zweifelsfall eine Quartierbestätigung, eine plausible Erklärung, warum er in die EU will und 80 Euro als Gebühr für die Bearbeitung. Das ist im Kosovo eine Menge Geld.

Weiters braucht der Buchhändler aus Prishtina Glück. Es besteht kein Rechtsanspruch auf ein Schengenvisum, wie etwa das österreichische Außenministerium mitteilt.

Eine Freundin von mir ist Journalistin aus dem Kosovo. Sie hat den Eiertanz mehrere Male durchgemacht, wenn sie aus dem Ausland für kosovarische Medien berichten wollte. Auch für sie heißt es jedes Mal zittern, ob sie ein Visum bekommt.

Ähnlich geht es den abertausenden Kosovaren und Kosovo-Serben, die Verwandte im EU-Ausland haben. Es gibt keine Garantie, dass sie ihre Verwandten besuchen dürfen.

Menschen mit geringem Einkommen haben von vornherein keine Chance, Freunde oder Verwandte in der EU besuchen zu dürfen.

Muss man uns vor den Kosovaren schützen?

Was soll das bringen, fragt man sich als empfindungs- und vernunftbegabter Mensch.

Sind die Menschen im Kosovo so gefährlich, dass man uns vor ihnen schützen muss? Und selbst wenn, sind Visa das geeignete Instrument?

Oder will man mit dem Visumsregime illegaler Migration vorbeugen? Und wenn ja, welcher naive Volltrottel betrachtet das als geeignetes Instrument?

2015 ließen sich tausende Kosovaren von der Visumspflicht nicht abhalten, in Deutschland eine neue Heimat zu suchen. Irgendwer hatte ihnen gesagt, in Deutschland könnten sie Asyl beantragen. (Es kursieren abenteuerliche Theorien, wer die Gerüchte verbreitet hat und warum.)

Das war Monate vor der großen Flüchtlingsbewegung nach Österreich und Deutschland im Herbst.

Die Leute sind heute alle wieder zuhause. Die Asylanträge wurden rundweg abgelehnt. Ob die Betroffenen ein Visum hatten oder nicht, spielte für die deutschen Behörden eine untergeordnete Rolle, wenn überhaupt.

Ohne Visumspflicht wären damals auch nicht mehr Leute gekommen. Sie loszuwerden, wäre ohne Visaregime auch nicht schwieriger gewesen.

Als die Bosnier und Serben keine Visa mehr brauchten, nutzten sie das auch nicht, um illegal einzuwandern. Jahr für Jahr verlässt bis zu ein Prozent der Bevölkerung diese Länder – auf legalem Weg.

Warum brauchen Montenegriner kein Visum?

Hier könnte man einwenden, dass es viel organisierte Kriminalität gibt im Kosovo und dass das es ratsam erscheinen lässt, zu kontrollieren, wer in die EU einreist und wer nicht.

Es gibt mehr organisierte Kriminalität im Kosovo als vielen anderen Ländern Südosteuropas. Das stimmt.

Über den Kosovo kommt ein großer Teil illegaler Drogen nach Westeuropa. Wohlgemerkt bei bestehender Visumspflicht.

Man sieht: Für organisierte Kriminalität ist das kein Hindernis.

Zumal vor allem Kriminelle die Tricks nützen können, mit denen man die Visumspflicht umgehen kann.

Außerdem ist das Nachbarland Montenegro nicht gerade als Hort der Rechtsstaatlichkeit bekannt. Manche bezeichnen das Land gar als Piratenrepublik.

Montenegriner brauchen kein Visum, wenn sie in die EU reisen wollen.

Logisch erscheint das nicht.

Keine IS-Hochburg

Dass der Kosovo eine Hochburg des Islamismus und voller potentieller IS-Terroristen sei, wird gern behauptet. Und stimmt nicht, wie mir wohlinformierte Kosovarinnen und Kosovaren versichern.

Auch wenn es etwas mehr Sympathisanten mit radikalislamischen Positionen geben mag als früher, sie sind eine winzige Minderheit.

Einen wie auch immer gearteten Nutzen bringen die verpflichtenden Visa für Kosovaren den Einwohnern der EU nicht.

Weg mit der Schikane

Die Visumspflicht ist und bleibt eine Schikane für die Bewohner des Kosovo, egal, welcher Ethnie sie angehören. Sie ist und bleibt nur das.

Wenn eine Regel Schikane ist und keinen Nutzen bringt, gehört sie abgeschafft.

Schafft die Visumspflicht ab. Lasst die Bewohner des Kosovo reisen. Das öffnet Horizonte. Ihnen und uns.

6 Gedanken zu “Lasst sie reisen!

  1. Wenn Wikipedia und ich nicht irren, erkennen die 4 EU-Staaten Spanien, Griechenland, die Slowakei und Rumänien das Kosovo nicht als unabhängigen Staat an. Drei davon sind Schengen-Staaten.

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  2. Ich habe keine Ahnung, ob sie das tatsächlich werden, das muss ich gleich sagen. Wenn man schon im Schengenraum drinnen ist, vermutlich schon, und das setzt derzeit bereits ein Visum voraus. Bei der Einreise werden sie aber offensichtlich nicht anerkannt, sonst gäb’s ja keine Visumpflicht, oder bin ich da jetzt ganz daneben?

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    1. Da bist du wirklich ganz daneben. Ein Visum kann es nur für einen Pass geben, der schon anerkannt ist. Mit einem nicht anerkannten könnte man das nicht einmal beantragen. So braucht man auch als Österreicher für eine Reihe von Ländern ein Visum. Das sind aber durchwegs Länder, mit denen die Republik Österreich diplomatische Beziehungen pflegt. Das sind etwa Russland, China, Vietnam und rund 40 andere Staaten. Theoretisch gilt sogar das, was man in der Türkei bekommt, als Touristenvisum, weil dort eine Bearbeitungsgebühr bei Einreise fällig wird, auch wenn vorher kein Antrag gestellt werden muss. Bei den USA ist es eine seltsame Zwischenlösung, bei der nicht ganz klar ist, warum das Ganze nicht Visum heißt. Man muss nämlich vorher eine elektronische Reisegenehmigung bei US-Behörden einholen.

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      1. Eben deshalb bin ich konfus: Die Frage, ob ein Pass anerkannt wird, ist doch eine bilaterale? Also – weder der Schengenraum, noch die EU können mangels Eigenstaatlichkeit Pässe anerkennen. Z.B. Spanien wird das nicht können bzw. wollen, wenn es das Kosovo nicht als eigenständigen Staat anerkennt. Oder doch? Falls nicht, könnte man für einen nicht anerkannten Pass nach Deinen Worten auch kein Visum beantragen. Ich glaube, da liegt der Knoten in meinen Schlussfolgerungen.

        PS: Mein „Auftritt“ als leohartlin war ein Bedienfehler meinerseits, sorry. Ich bin identisch mit Leopold Linhart, und habe unter blog.lopsh.net einen Blog mit einem entsprechenden Impressum.

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  3. Die EU hat als Gemeinschaft den Kosovo ebenfalls nicht anerkannt. Dennoch gibt es für den Schengen-Raum gemeinsame Visa-Regeln für Kosovaren. Wozu allerdings der Kosovo gar nicht als Staat anerkannt sein muss. Es gab ja immer wieder auch z.B. Protektorate und Kolonien mit eigenen Reisepässen. Serbien hat ja den Kosovo auch nicht anerkannt, hat aber eine streng kontrollierte Grenze zum Kosovo, die halt nicht internationale Grenze heißt… Es scheint bei diesen Dingen eine Menge Kleingedrucktes zu geben, das wie in diesem Fall von Kosovaren zumindest die schlimmsten Folgen fernhalten können, also z.B. einen Pass, den überhaupt nur 60 oder 65 Staaten anerkennen, mit dem man also kaum wohin reisen könnte.

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