Das Geheimnis des Kugelschreibers In der Baščaršija der bosnischen Hauptstadt Sarajevo kaufe ich einen Kugelschreiber. Der ist offensichtlich mehr als ein Schreibgerät. Er deutet auf möglicherweise improvisationsfreudige Geschäftspraktiken hin. Und verweist mich auf eine Gruppe kämpferischer albanischer Aktivisten.

Der Kioskverkäufer greift in ein Fach knapp unterhalb des Sichtfensters seines Standes.

Er zieht einen Kugelschreiber hervor, bläulich-metallen, und offenbar kein Wegwerfstift.

„Mark i pol“, sagt er. Eineinhalb bosnische Mark bzw. 75 Eurocents.

Wir sind auf der Ferhadija, in der Baščaršija, der osmanischen Altstadt von Sarajevo. Es nieselt.

Kioske haben in diesem Teil der Welt praktisch alles. Zigaretten und Zeitungen, Süßigkeiten, Kaltgetränke, Instantkaffee, Taschentücher, Bücher und eben auch Kugelschreiber.

Ich zahle und stecke das wohlfeile Schreibgerät in meine Tasche.

Ich bin auf dem Weg zur Ćevabdžinica Željo.

Um halb neun treffe ich dort Freunde. Glaube ich.

Vorerst denke ich nicht an den Stift.

Erst am Ende des turbulenten Abendessens werde ich ihn für meine Notizen brauchen.

Bei dieser Gelegenheit fällt mir etwas auf, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Ein Schriftzug und ein Logo. SPASH steht für Sindikata e Pavarur e Arsimit te Shqiperise, die Unabhängige Bildungsgewerkschaft Albaniens.

Fragen über ungelösten Fragen

Wie kommt ein Kugelschreiber mit dem Logo einer albanischen Gewerkschaft in einen Kiosk in Sarajevo?

Wie kommt ein bosnischer Kioskverkäufer dazu, diesen Stift zu verkaufen?

Vom Lastwagen gefallen?

Überproduktion?

Konkursmasse?

Ein Einzelstück wird er wohl nicht gewesen. Nicht zu dem Preis.

Offenbar ist eine Charge albanischer Kugelschreiber nach Bosnien gelangt.

Vielleicht etwas aufwändig. Es ist ja nicht so, dass Albaner keine Kugelschreiber bräuchten. Viel billiger werden Kulis in Albanien nicht sein als in Bosnien.

Balkanische Geschäftspraktiken

Andererseits: Geschäftsbeziehungen in diesem Teil der Welt sind, nun ja, improvisationsfreudig und informell.

Irgendwer hat irgendetwas zu viel oder meinetwegen auch nur gefunden, und verkauft en gros und en detail auf irgendeinem der Märkte, offiziell oder inoffiziell.

Irgendein Zwischenhändler übernimmt’s und schlägt’s bei erstbester Gelegenheit wieder los.

So kommt auch Edo zu seinen Kugelschreibern.

Man kann‘s den Leuten nicht verdenken.

Am Balkan sind Millionen Menschen auf jeden Euro angewiesen, den sie irgendwie verdienen können.

Am nächsten Tag will ich den Kioskbesitzer fragen.

Hinter dem Verkaufsfenster steht ein Kollege.

Vielleicht kommt der Verkäufer am Abend wieder, denke ich mir. Und vergesse die Sache.

Kämpferische Gewerkschaft

Auch wenn es mir bisher nicht gelungen ist, das Geheimnis des Kugelschreibers zu lösen – immerhin habe ich durch ihn erfahren, dass es in Albanien eine unabhängige Bildungsgewerkschaft gibt.

Die scheint ziemlich aktiv zu sein, wie ein Bericht auf der Seite der deutschen GWE (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) belegt.

Bei den politisch Verantwortlichen ist sie nicht sonderlich beliebt.

Wer mag schon eine Gewerkschaft, die darauf hinweist, dass viele Lehrerinnen und Lehrer einen zweiten oder dritten Job neben ihren niedrigen Lehrergehältern brauchen, um über die Runden zu kommen?

(Ob Kugelschreiberhandel darunterfällt?)

Die Homepage dürfte länger nicht aktualisiert worden sein. Sie dokumentiert aber einen regen Einsatz gegen Kinderarbeit in Albanien.

Als alter Gewerkschafter und als Mensch kann ich das nur gutheißen und darauf aufmerksam machen.

Man kann den Kolleginnen und Kollegen von der SPASH auch auf Twitter folgen, ebenso auf Facebook.

Aufmerksamkeit und Unterstützung brauchen sie auf jeden Fall.