Analyse: Weil uns die Jugos wurscht sind

Die Berichterstattung um den Mordprozess gegen Dinko P. am Donnerstag am Landesgericht Wien zeigt die ausgeprägte Ignoranz der heimischen Medienlandschaft gegenüber Wiens größer Migrantengruppe. Gerade die Austria Presse Agentur tut sich hier unrühmlich hervor.

Wie viele Identitäten Mirko Vereš aus Subotica hatte, ist erstaunlich. „Kroate erstach Landsmann“ titelt etwa das zeitungsähnliche Boulevardblatt Oe24 seine Online-Berichterstattung zum Mordprozess gegen Dinko P. am Donnerstag am Landesgericht Wien.

Dinko P. hatte Mirko in der Nacht vom 29. auf den 30. November in einer Wohnung im zweiten Wiener Gemeindebezirk mit einer 25 Zentimeter langen Messerklinge zweimal in den Rücken gestochen. Mirko starb, bevor die Rettung eintraf.

Die Geschworenen befanden Dinko wegen vorsätzlicher schwerer Körperverletzung mit Todesfolge schuldig und sprachen ihn für Beobachter überraschend vom Vorwurf des Mordes frei. Das Gericht verurteilte ihn nicht rechtskräftig zu 12 Jahren Haft.

Kroatischer Staatsbürger war Mirko nie. Das hatte auch in der Gerichtsverhandlung niemand behauptet.

Oe24 ist im Allgemeinen nicht für sonderlich zutreffende Berichterstattung bekannt.

Hier hat das Boulevardblatt das Kunststück geschafft, eine an sich sehr ungenaue und irreführende Meldung der Austria Presse Agentur APA noch irreführender zu machen. Hut ab.

Die meisten heimischen Medien übernahmen die irreführende APA-Meldung

Andere Medien arbeiteten etwas genauer. Sie kopierten die APA-Meldung 1:1 und versahen sie mit Titeln, die sich mehr oder weniger aus dieser ergaben.

Diskussion um Balkan-Krieg – dann sticht Mann (56) zu titelt etwa das Boulevardblatt heute.

Tödliche Messerstiche: Zwölf Jahre Haft schreibt ORF.at

Streit kostete 49-Jährigen das Leben: Zwölf Jahre Haft heißt es beim Kurier.

Zwölf Jahre Haft für im Streit um Politik erstochenen Mann geben sich die Niederösterreichischen Nachrichten zurückhaltender – wenngleich nicht notwendigerweise zutreffender.

Die Salzburger Nachrichten tun es ihnen gleich.

Bekannten in Wien bei Streit um Politik getötet: Zwölf Jahre Haft schreibt der an sich respektable Standard. Zu dessen Verteidigung muss man sagen, dass sein Gerichtsreporter Michael Möseneder nicht bei der Verhandlung war. Mit ihm wäre die Berichterstattung deutlich pointierter und zutreffender gewesen.

Schwer nachzuvollziehende Fehler

In der APA-Meldung hat Mirko eine weitere Identität, von der er zeitlebens nichts ahnte: „Der Angeklagte hatte als Kroate mehrere Jahre im Krieg gekämpft, beim späteren Opfer handelte es sich um einen bosnischen Kroaten“.

Das ist faktisch falsch. Im Prozess hatte das auch niemand behauptet. Im Zusammenhang mit der Bluttat von der Nacht vom 29. auf den 30. November 2025 ist das zusätzlich schwer irreführend.

Mirko war halb Ungar, halb Bunjevac aus Subotica in der Vojvodina. Man kann die Bunjevci theoretisch als bosnische Katholiken oder Kroaten in Serbien beschreiben, nur ergibt das wenig Sinn. Sie wanderten Ende des 17. Jahrhunderts in die heutige Vojvodina ein.

Bunjevci sind kulturell und politisch ganz anders als Katholiken oder meinetwegen Kroaten in Bosnien. Kroatischer Nationalismus ist dort weit weniger verbreitet und anders strukturiert als bei bosnischen Kroaten.

Bei weitem nicht alle bosnischen Kroaten sind kroatische Nationalisten. Aber dass in der Gruppe insgesamt ein Nationalismusproblem gibt, ist offensichtlich. Die Formulierung „beim späteren Opfer handelte es sich um einen bosnischen Kroaten“ legt nahe, dass sich das Opfer sehr viel wahrscheinlicher mit Dinkos nationalistischen Positionen gemeinmachte als man das bei einem Bunjevac vermuten würde.

Das legt eine ganz andere Dynamik für den Streit und das Geschehen der blutigen Nacht nahe als nach allgemeinem Kenntnisstand und auch nach den Ausführungen Dinko P.s der Fall war.

Mit der Formulierung „beim späteren Opfer handelte es sich um einen bosnischen Kroaten“ desinformiert die APA nicht nur ihre Leser aus Oberflächlichkeit, sie übernimmt auch unkritisch die Strategie von Verteidiger Zaid Rauf: Schuld am Streit war eigentlich Zeugin Dijana*. Die böse Serbin hat den einen Kroaten dazu gebracht, den anderen umzubringen, wenn auch unabsichtlich. So, etwas verkürzt, und auf den Punkt gebracht Raufs Argumentation. Sie beeindruckte die Geschworenen sichtlich.

Wie sehr die APA an den Lippen Raufs hing, zeigen ein paar andere Passagen in der APA-Meldung.

„Zu späterer Stunde prallten in der Küche der Frau die unterschiedlichen Ansichten der drei zu den Jugoslawien-Kriegen in den 1990er-Jahren aufeinander. Vor allem die 47-jährige Frau – angeblich eine serbische Nationalistin – dürfte nicht der Meinung der Männer gewesen sein.“

Und: „Dieser (Mirko) wurde schließlich handgreiflich und dürfte die Frau zu Boden geschlagen haben. „Er hat sie hingehaut. Ich hab’ gesagt: ‚Was machst du? Bist du deppert?‘ Er hat mir gedroht: ‚Halt die Papp’n, sonst passiert dir dasselbe wie ihr‘. Da habe ich leider Gottes die Kontrolle verloren“, schilderte der Angeklagte.“

Hier gibt die APA einzig und alleine die Schilderungen des Angeklagten und seines Strafverteidigers wieder.

Relevante Aussagen der Zeugin kommen einfach nicht vor

Mit keinem Wort erwähnt sie, dass Zeugin Dijana ausdrücklich bestritt, dass sie und Mirko miteinander in Streit geraten seien und dass Mirko sie angegriffen hätte. Und sie machte für den Streit einzig und alleine den Angeklagten verantwortlich. Dieser stänkere kroatisch-nationalistisch, wenn er ein paar Bier getrunken habe. Das sei auch an diesem Abend passiert.

Dijana bestritt auch, dass sie serbische Nationalistin ist.

Tatsächlich war bei der Verhandlung Dinko der Einzige, der eine nationalistische Äußerung von sich gab. Er erklärte Dijanas angeblichen serbischen Nationalismus als Selbsthass. „Sie will nicht sagen, was sie wirklich ist. Sie ist von ihrem Vor- und Nachnamen her eine Kroatin aus Bosnien“.

Das ist das einzige Mal, dass in der ganzen Verhandlung von Kroaten aus Bosnien die Rede war. Die Behauptung ist nebenbei offensichtlich falsch.

Indem die APA die Aussagen der Zeugin zu dem Streit einfach unter den Tisch fallen lässt, desinformiert sie aus Nachlässigkeit die Redakteure, die anhand dieser APA-Meldung ihre Artikel und Beiträge verfassen. Und diese desinformieren als selbst Desinformierte ihre Leser.

Es kommt hier nicht darauf an, wem man glaubt oder nicht. Aufgabe eines Journalisten, und in dem Fall eines Prozessreporters ist es, die relevanten Aussagen aller Seiten wiederzugeben. Nur so kann sich der Leser ein Bild machen.

Diese Aussagen zu gewichten und einzuordnen, ist zulässig.

Es ist schwer nachzuvollziehen, wie es zu dieser Fehlleistung der APA kam. Die Austria Presse Agentur ist zu Recht eine renommierte Nachrichtenagentur. Das gilt gerade für ihre in der Regel ausgewogene Prozessberichterstattung.

Böse Absicht sei hier ausdrücklich nicht unterstellt.

An den Artikel sieht man, wie uninformiert und desinteressiert heimische Medien an Migranten aus Ex-Jugoslawien sind

Nur zeigen die APA-Meldung und die oben verlinkten Artikel, wie völlig uninformiert österreichische Journalisten in der Regel sind, wenn es um das ehemalige Jugoslawien geht. Bunjevac, Kroate aus Bosnien oder Kroate – alles eins. Die Serben sind sowieso alles Nationalisten. Weil, überhaupt, die Jugos sind uns wurscht.

Eine polemische Zuspitzung? Sicher. Aber im Kern zutreffend.

Migranten erster und zweiter Generation aus dem ehemaligen Jugoslawien sind zehn Prozent der Wiener Bevölkerung. Das ist mit Abstand die größte Migrantengruppe der österreichischen Bundeshauptstadt. Mit wenigen Ausnahmen werden sie von den großen heimischen Medien kaum wahrgenommen. Interesse ist kaum vorhanden.

Es geht hier nicht darum, dass Reporter und Redakteure nicht alle Feinheiten ex-jugoslawischer Diskurse und Konflikte verstehen. Dafür braucht es Jahre. Aber wenn sogar der Strafverteidiger mit seiner emotionalisierenden und im Kern antiserbischen Strategie präziser ist als die meisten heimischen Medien sollte man sich seine Gedanken machen.

Wohltuend hebt sich hier ausgerechnet die Krone ab. Die ist im Allgemeinen wenig sensibel, wenn es um Migranten geht. Aber Gerichtsreporterin Sophie Pratschner liefert unter den großen Medien des Landes die einzige weitgehend zutreffende Reportage des Mordprozesses vom Donnerstag. Zu der geht es hier.

Zur Balkan Stories-Reportage vom Prozess gegen Dinko P. am Donnerstag am Landesgericht Wien geht es hier. Sie ist mit Abstand die ausführlichste zu dieser Gerichtsverhandlung und zum Urteil.

*Der Name der Zeugin wurde geändert, um ihre Anonymität zu wahren

*Disclaimer: Mirko Vereš war ein persönlicher Freund des Autors dieses Blogs

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