Mirko, moj Mirko

Der gewaltsame Tod von Mirko Vereš aus Subotica in Wien belastet seine Familie und die einzige Zeugin nach wie vor schwer. Sie hoffen, dass ihnen der Prozess gegen den Mann, der ihn getötet hat, hilft, mit dem Mord abzuschließen.

Der Stachelbeerstrauch ist zur wichtigsten Pflanze im Garten von Stana Vereš in Subotica geworden. „Mirko hat einen Setzling aus Österreich gebracht“, zeigt sie ihn mir stolz. Auch ein halbes Jahr nach dem Mord an ihrem Sohn trägt sie Trauer, ganz nach regionaler Tradition.

„Was soll ich dir sagen? Der Schmerz ist immer noch da, und er wird immer bleiben. Jetzt geht’s mir besser als an dem Tag, als ich den Telefonanruf bekam, dass er ermordet wurde. Aber es wird nie wieder, wie es war“.

Mirko und Stana standen einander sehr nahe. Er rief sie jeden Tag ab – auch Jahre, nachdem er nach Österreich gegangen war. Mirko war Baufacharbeiter, unter anderem hatte er ein Diplom als Stuckateur. Er hatte gehofft, dass er im Ausland mehr Geld verdienen könnte als zuhause.

„Es war schwierig für ihn“, erinnert sich Stana. Mirko war der Einzige in seiner Familie, der keine ungarische Staatsbürgerschaft hatte. Wie seine Mutter und Geschwister war er das, was man am Balkan „aus einer gemischten Familie“ nennt: Er war halb ethnischer Ungar, halb Bunjevac. Das ist eine kroatische Minderheit in der Vojvodina.

Seine Muttersprache war Ungarisch, er war katholisch getauft. Die Sprache ohne Namen sprach er Zeit seines Lebens mit einem leichten Akzent.

Solche Zugehörigkeiten sind typisch für die Vojvođani, die Einwohner Serbiens nördlichster und autonomer Provinz. Das gilt besonders für Subotica. Die Stadt liegt nahe an der ungarischen Grenze. Ethnische Ungarn sind hier die Bevölkerungsmehrheit.

Mirkos Zugehörigkeit, oder das, was man heutzutage „Identität“ nennt, spielt eine große Rolle in Bezug auf das, was der Mann, der ihn getötet hat, vor der Polizei und der Staatsanwaltschaft ausgesagt hat.

Mirkos Stiefvater zündet sich eine Zigarette auf der Veranda des kleinen Hauses am Rand von Subotica an, wo er und Stana seit einigen Jahren wohnen. Stana nennt ihn Dedo. Auch für ihn ist es schwer, Mirkos Tod zu verarbeiten. Sie waren einander ebenfalls nahegestanden.

Ein älterer Mann sitzt in einem Raum, raucht eine Zigarette und schaut nachdenklich aus dem Fenster. Auf dem Tisch neben ihm stehen eine Wasserflasche und einige Utensilien.

Mirko hatte mir mehrmals erzählt, wie er sich gefreut hatte, dass seine Mutter einen neuen Mann gefunden hatte – vor allem einen, der sie besser behandelte als sein biologischer Vater das getan hatte.

Stana und Dedo haben mir einen sehr warmen Empfang bereitet. Mirko und ich waren Freunde. Sie zu besuchen, ihnen so meine Wertschätzung zu zeigen, und mich auf diese Weise auch von Mirko zu verabschieden, war mir menschlich wichtig. Gleichzeitig sah und sehe ich dieses Gespräch auch als Teil einer beruflichen Verpflichtung als Journalist: Falschbehauptungen über Mirkos Tod richtigzustellen.

Der Mord an Mirko – und was an den Zeitungsberichten nicht stimmte

Mirko wurde in der Nacht vom 29. auf den 30. November erstochen, in der Wohnung einer Freundin im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Der Mann, der ihn tötete, sagte der Polizei, dass man über die Politik am Balkan gestritten hätte, dass der Streit zu Handgreiflichkeiten geführt habe. Mirko habe ihn angegriffen, woraufhin er zugestochen habe.

Österreichische Zeitungen schrieben, dass ein politischer Streit zwischen einem Kroaten – dem Mann, der Mirko tötete – und einem Serben tödlich geendet hatte. Zwischen den Zeilen las man sehr deutlich: Jugo-Nationalismus eskaliert in Wien, Ustaša tötet Četnik..

Ich wusste immer, dass das nicht stimmte.

(Mehr siehe auch hier.)

„Mirko war kein serbischer Nationalist“, sagt Stana. „Keiner von uns ist das, und ich hab ihn sicher nicht so erzogen. Er war nicht mal ethnischer Serbe, und er hatte gegen niemanden etwas“.

Das Gespräch mit der einzigen Zeugin

Dijana* sagt mir in unserem Telefonat ein paar Wochen später das Gleiche. Sie ist die einzige Zeugin dieser blutigen Nacht. Dinko, der Mann, der Mirko tötete, und Mirko hatten sich in ihrer Wohnung getroffen.

„Ich hab Abendessen gekocht, und wir haben ein paar Biere getrunken“, sagt Dijana. „Mirko hat an diesem Abend nicht viel getrunken. Ich hab für uns drei sechs Biere gekauft, Mirko hat noch vier mitgebracht. Das war alles. Er hatte zwei Biere und einen Jägermeister“.

Dinko muss mehr zu trinken gehabt haben. Als ihn die Polizei festnahm, hatte er mehr als zwei Promille Alkohol im Blut.

„Nach fünf, sechs Bieren hat er wie üblich gestänkert. Dann redet er immer so kroatischen nationalistischen Scheiß“, sagt Dijana. „Er hat gesagt, dass er die Serben hasst. Mirko hat ihm gesagt: Wie kannst du das sagen, unsere Schwester, die uns eingeladen hat, ist auch Serbin. Lass sie in Ruhe“.

Sie forderte beide auf, zu gehen, sagt sie. „Ich war müde, ich wollte keinen Streit in meiner Wohnung, auch wenn Mirko eigentlich ruhig war und mich verteidigte“. Dinko ging aus dem Zimmer, schildert sie. „Ich hab geglaubt, er geht auf die Toilette“.

Dann setzt ihre Erinnerung für einen Moment aus. „Ich kann mich nur erinnern, wie ich auf einmal am Boden lag, und wie Mirko auf mich gefallen ist. Da war Blut, überall Blut. Mirko hat nur gesagt: Schwester, meine Schwester. Ich hatte keine Ahnung, was passierte“.

Das Blut kam aus den vier Stichwunden in Mirkos Rücken.

Dino verließ die Wohnung und rief die Rettung. Als ihn die Polizei fand, rauchte er eine Zigarette.

„Mirko war überhaupt nie gewalttätig oder aggressiv, auch wenn er betrunken war, und das war er damals nicht einmal“, sagt Dijana. „Der einzige, der in dieser Nacht aggressiv war, war Dinko“.

Das wird sie auch vor dem Landesgericht Wien aussagen. Dinko muss sich dort am Donnerstag nächste Woche wegen Mordes verantworten.

Und: „Dinko wusste, ich welcher Lade mein Besteck und meine Messer lagen. Er war schon oft in meiner Wohnung. Mirko wusste das nicht. Er war erst das zweite Mal bei mir“.

Die Suche nach Gerechtigkeit

Dijana ist seit dieser Nacht in Psychotherapie und braucht Medikamente für ihre Panikattacken und Depression. Monatelang habe sie ihre Wohnung nicht verlassen können, nicht einmal zum Einkaufen, erzählt sie. „Jedes Mal, wenn ich schlafen gehe, sehe ich Mirko, und wie er starb“.

Seit ein paar Wochen geht es ihr ein wenig besser – großteils dank der Therapie und dank der Unterstützung ihrer Familie. „Ich war sechs Wochen lang zuhause in Serbien, bei meinem Vater. Er hat mir sehr geholfen“.

Donnerstag nächste Woche will sie „sagen, was wirklich passiert. Dinko lügt, und ich werde im Gericht sagen, was war“.

Stana wird versuchen, zur Verhandlung zu kommen. Sie wird sich dem Prozess nicht als Nebenklägerin anschließen können, um Trauerschmerzensgeld von Dinko zu bekommen. Nach österreichischem Recht steht ihr das. „Das serbische Konsulat in Wien hat mir gesagt, dass ein Anwalt und die Gerichtsgebühren 10- oder 12.000 Euro kosten würden. Ich bekomme 250 Euro Pension. Das kann ich mir nie leisten“.

Eine ältere Frau steht in einem Gartenbereich, umgeben von Pflanzen und einem Zaun.

Ihr Mann würde helfen. Der ehemalige Lkw-Fahrer bekommt aber selbst nur 500 Euro Pension. Auch, wenn sie zusammenlegen, würde das nicht einmal für die Anzahlung reichen.

„Was mir hilft, ist, dass ich immer noch Mirkos Tochter habe, meine Enkelin. Sie hat gerade in Österreich in der Gastronomie auf Saison gearbeitet. Seit ein paar Wochen ist sie wieder zurück“. Mirkos Tochter hat sein kleines Haus in Subotica geerbt. Mit dem Geld, das sie im Norden auf Saison verdient, will sie es herrichten.

Mirkos Traum von Grünburg

„Mirko wollte für sich ein Haus in den Bergen kaufen, wie in Grünburg in Oberösterreich“, erinnert sich Stana. Grünburg war der erste Ort, in dem er in Österreich lebte, wo er dauerhaft Arbeit hatte. Dort hatte es ihm sehr gut gefallen, wie er mir fast jedes Mal erzählte, wenn wir uns sahen.

Grünburg war auch Mannis Heimatsort. Manni war Mirkos bester Freund.

Was Mirko an Grünburg noch gefiel: Er war praktisch der einzige Einwanderer dort.

In Wien fühlte er sich nie richtig wohl. Für ihn waren hier zu viele Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Viele Jugos fühlen aus irgendeinem Grund ähnlich. In Wien sind etwa zehn Prozent der Bevölkerung im ehemaligen Jugoslawien geboren worden, oder haben Eltern, die von dort stammen.

In Wien hatte er es auch schwer. Irgendwie verlor er irgendwann seine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, die er mal gehabt haben muss. Von da an lebte er schwarz in Österreich, weit über die drei Monate seines Touristenvisums hinaus.

Das Geld für sein Haus in den Bergen wollte er als Bauarbeiter bei Baufirmen verdienen, die es nicht so genau nehmen mit den Papieren ihrer Arbeiter. Einige der Firmeninhaber kommen selbst aus dem ehemaligen Jugoslawien. Manche beschäftigten ausschließlich Schwarzarbeiter – oder undokumentiere Arbeiter, wie es politisch korrekt heißt.

Mehr als einer seiner Jugo-Chefs bezahlte ihn gar nicht oder blieb einen großen Teil des Lohns schuldig.

Dieser Erfahrung machen viele illegale Migranten. (Mehr siehe auch hier.)

Während des letzten Jahrs seines Lebens hatte Mirko nicht das Geld für eine eigene Wohnung. Seinen Schlafplatz wechselte er oft alle paar Wochen, nahm sich ein Zimmer in Untermiete, meist bei Leuten aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die verlangten oft weit überhöhte Preise.

Vielleicht liegt es daran, dass das gesamte Vermögen, das man bei ihm fand, nur wenige hundert Euro in bar waren.

Diese Frage wird die Verhandlung am Landesgericht Wien nächste Woche wohl nicht beantworten.

Donnerstag nächste Woche soll es ein Urteil geben

Acht Geschworene werden urteilen, ob Dinko schuldig des Mordes ist, wie es in der Anklage steht, und wie ihn das österreichische Strafgesetzbuch definiert: „Wer einen anderen tötet, ist mit Freiheitsstrafe von zehn bis zu zwanzig Jahren oder mit lebenslanger Freiheitsstrafe zu bestrafen.“

„Das wird meinen Sohn nicht zurückbringen“, sagt Stana über eine mögliche Verurteilung. „Aber es wird mir helfen, meinen Frieden zu machen“. Stana sagt, dass sie versucht, Mirkos Mörder zu vergeben. Sie hasse ihn nicht, sagt sie. „Aber ich kann nicht vergessen, was passiert ist.“

Eine ältere Frau mit kurzen grauen Haaren, die eine schwarze Bluse trägt. Sie sitzt vor einer gelben Wand und lächelt.

Dijana sagt, dass sie hofft, dass die Verhandlung ihr im Heilungsprozess hilft. „Seit dieser Nacht bin ich innerlich tot. Ich will nicht tot sein, ich will leben. Beim Prozess will ich Dinko in die Augen sehen und ihn fragen: Warum hast du meinen Freund getötet? Warum?“

Vielleicht wird eine ehrliche Antwort Dijana helfen, die schreckliche Nacht von 29. auf 30. November zu vergessen. Vielleicht wird Dijana einmal einschlafen können, ohne Mirkos Gesicht zu sehen. Vorausgesetzt, Dinko ist imstande, ehrlich auf ihre Frage zu antworten.

*Der Name der Zeugin wurde geändert, um ihre Anonymität zu wahren

*Mirko war unter anderem Namen Protagonist mehrerer Beiträge auf diesem Blog. Unter anderem auch in einem Artikel, in dem es um die Ausbeutung illegaler Arbeitskräfte geht. Sowohl, dass die Geschichten hier erschienen wie, dass sein Name in der Öffentlichkeit geändert wurde, war mit ihm abgesprochen. Hier stand im Vordergrund, ihn zu schützen.

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