Igor hat heuer Weihnachten nicht gefeiert. Sein Chef hat ihm den Lohn nicht bezahlt. Eine Geschichte, wie in Wien Menschen daraus Geld machen, dass andere keins haben. Betroffen sind vor allem Migranten.
„Ich war heuer das erste Mal überhaupt alleine zu Weihnachten“, seufzt Igor über einem Bier in meiner Wohnung.
„Ich hab zwei Einladungen gehabt. Bei einem Freund in Oberösterreich und bei meinem Bruder in Krems. Aber ich hab kein Geld für die Fahrtkarte gehabt“.
Erst am 25. hat ihn der Bruder in Wien abgeholt. Dem hatte er das vorher nicht gesagt.
„Wie, kein Geld? Hat dir der Chef den Lohn wieder nicht ausbezahlt?“
„Von den 800 Euro, die er mir schuldet, hat er mir nur 400 gegeben“, sagt Igor. „Und die hab ich sofort meiner Vermieterin gegeben“.
Igor schaut mich an. „Weißt du, wenn du kein Haus hast, musst du zuerst immer die Miete zahlen. Weil, wenn du die Miete nicht zahlen kannst, bist du obdachlos. Und dann kannst du auch nicht arbeiten. So hab ich gelernt.“
Balkan Stories-Leser werden es ahnen. Es ist Igor aus Sombor. Der Igor, der mich vor ein paar Wochen vergeblich auf die Prasetina eingeladen hat, die seine Bauarbeiter-Kollegen gegrillt haben.
Bei der Baufirma läuft einiges nicht so rund, hab ich seitdem erfahren. Selbst nach den Maßstäben des Baugewerbes. Dass Igor in den Strudel hineingezogen wurde, hat auch mit persönlichen Rückschlägen in den vergangenen Monaten zu tun.
Wenn du unten bist, kommen die Haie
Wenn du mal unten bist, gibt es immer Menschen, die dafür sorgen, dass du es bleibst. Sie profitieren davon.
Igors Lebensgefährtin hat ihn vor ein paar Monaten auf die Straße gesetzt. Er hatte nicht einmal einen Euro in der Tasche. Das Ersparte war für die Einrichtung der gemeinsamen Wohnung draufgegangen.
„Ich hab sofort Geld gebraucht. Ich hatte ja nicht einmal etwas, um Essen zu kaufen“, erzählt Igor. „Also ging nur eine Arbeit, bei der ich sofort gezahlt werde. Dass das schwarz sein wird, war mir klar.“
Migranten wissen sehr häufig nicht um die Anlaufstellen der Stadt Wien und einiger gemeinnütziger Organisationen Bescheid. Das schließt sie aus dem an sich dichten Netz in Österreichs Hauptstadt aus, das auch in solchen Notfällen aushilft.
Mangels Wissens um die formellen Netze greifen Migranten auf die informellen zurück.
Man kennt wen, der keine Fragen stellt
Ein Bauarbeiter oder eine Kellnerin aus dem ehemaligen Jugoslawien haben ein Dutzend Nummern von Chefs kleiner Baufirmen oder kleiner Cafes, wo sicher einer gerade dringend Arbeitskräfte sucht. Der wird keine Fragen stellen. Und sich nicht zwingend an Arbeits- und Gewerberecht halten.
Igor fand am gleichen Tag einen Landsmann, der für seine Baustelle zu wenige Arbeiter hatte. Und zu wenig Arbeitskräfte fürs Büro, das die Leute hätte anmelden können. Letzteres durchaus als Teil des Geschäftsmodells.
Man bedient private Baustellen. Da fallen keine großartigen Überprüfungen an. Die Kunden kriegen meist nicht mit, dass einige oder alle Arbeiter nicht angemeldet sind.
Ähnlich ist es in der Gastronomie. Nicht nur ein Cafe lebt davon, dass seine Kellnerinnen und Kellner nicht vollständig oder gar nicht angemeldet sind. Solche groben Verstöße mögen die Ausnahme in der Branche sein, sie sind aber keinesfalls selten.
Wie die Bundesregierung die Ausbeutung rechtlich unterstützt
Die schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene hat solche Geschäftsmodelle vor drei Jahren deutlich attraktiver gemacht. Selbst wenn eine Kontrolle ergibt, dass alle Arbeiter auf der Baustelle schwarz arbeiten, oder weniger Lohn kriegen als ihnen im Kollektivvertrag zusteht, muss der Unternehmer nur für einen Verstoß Strafe zahlen.
Bis vor drei Jahren musste er für jeden einzelnen Fall zahlen. Kumulationsprinzip nannte man das. Auf Drängen der ÖVP wurde das aus dem Verwaltungsrecht gestrichen. Seitdem ist das Risiko für Ausbeuter deutlich gesunken.
Bei den Wohnungen geht die Ausbeutung weiter
120 Euro am Tag waren ausgemacht. Das klappte bestenfalls am Anfang. „Da waren das dann mal 50 Euro, dann 80, dann wieder nur 20“, sagt Igor.
Für eine reguläre Wohnung reichte das nicht. Da braucht man einen Einkommensnachweis. Den hat man als Schwarzarbeiter nicht. Geld für eine Kaution kriegt man auch nicht zusammen, wenn der Chef einem ständig schuldig ist.
Igor ging informelle Arrangements ein. Mal hier ein Monat zur Untermiete, mal dort. Für ein Zimmer in einer kleinen Wohnung sind gleich mal 4- bis 600 Euro im Monat fällig. Nicht selten sind es Massenquartiere, mit schlecht funktionierender Heizung und so gut wie keiner Privatsphäre. Der Vermieter verdient nicht schlecht daran, dass die Mieter kein Geld für eine Wohnung mit regulärem Mietvertrag haben.
Der eine odere andere hat keine Skrupel, Mieter mit Wochenfrist zu kündigen, wenn jemand kommt, der 50 Euro mehr im Monat zahlen kann. Das ist illegal. Ohne schriftlichen Mietvertrag ist es freilich mühsam, gegen die Kündigung vorzugehen. Igor ging es in den vergangenen Monaten zweimal so.
Was er sich in den mehr als zehn Jahren in Österreich erarbeitet hat, ist auf eine Reihe von Wohnungen aufgeteilt. Er hofft, dass er irgendwann dazu kommt, das alles einzusammeln und in eine Wohnung zu bringen, in der er dauerhaft bleiben kann.
So wie Igor leben in Wien tausende Menschen. Meist sind es Migranten. Mitunter sind sie illegal da, mitunter arbeiten sie nur illegal, manche sind auch österreichische Staatsbürger.
Warum es Migranten häufiger und härter trifft
Es ist eine vielfach dokumentierte Tatsache, dass in Österreich und in Wien Migranten überproportional häufig körperlich anstrengende, schlecht bezahlte und besonders unsichere Arbeitsplätze haben.
Das ist zum Teil offene Diskriminierung. Zum anderen ist es auch Ergebnis der informellen Netzwerke, die Migranten bevorzugt bei der Arbeitssuche nutzen. So wie es auch Ergebnis von Parallelwelten ist, die sich diverse Gruppen aufgebaut haben.
In Wien ist jeder Zehnte im ehemaligen Jugoslawien geboren oder hat Eltern, die von dort kommen. In Arbeiter- und Migrantenbezirken sind vor allem Gastronomie- und Baubetriebe Legion, wo einzig und allein diese Leute arbeiten. Meist unter einwandfreien Bedingungen.
Aber die Geier, die die eigenen Landsleute ausbeuten, die gibt es auch. So wie Igors Chef nach seinem Rauswurf aus der Wohnung. So wie der Chef danach. Da half auch Igors zweite Staatsbürgerschaft aus der EU wenig.
Gewerkschaften und Arbeiterkammern kämpfen auch für illegal Beschäftigte. Aus gutem Grund
Der erste Chef schuldet ihm seit zwei Monaten auch mehr als 400 Euro. Urlaubs- und Weihnachtsgeld nicht miteingerechnet – das er selbstredend nicht an die Bauarbeiterurlaubskasse abgeführt hat.
„Den hab ich zu Weihnachten angerufen, und ihn gebeten, mir das Geld zu geben“, sagt Igor. „Da hat er mir gesagt: Schau, ich sitz jetzt mit meiner Familie, das Essen war teuer, und ein neues Auto hab ich mir auch gekauft. Ich hab das Geld jetzt nicht, da musst du warten.“
„Und was ist mit mir?“, sagt Igor und zieht an seiner Zigarette. „Ich hab meine Arbeit gemacht. Mit meiner Arbeit hat er die Baustelle fertig gemacht, für die ihn der Kunde bezahlt hat. Und der Kunde hat alles bezahlt.“
Das Gespräch beendete Igor mit einer Flut Beschimpfungen.
Theoretisch hat er noch Anspruch auf Arbeitslosengeld, erinnere ich ihn.
„Ich weiß. Aber ich will arbeiten. Ich will niemandem auf der Tasche liegen“.
Wenigstens ist die Wohnung für das nächste Monat gesichert. Die neue Vermieterin ist ehemalige Gastarbeiterin, die froh ist über Gesellschaft und darüber, dass ihr jemand mit den Kosten hilft. Aus Igors Sicht ein Glücksfall.
Nächstes Jahr wird er zur Arbeiterkammer gehen, verspricht er mir. Die wird das ausstehende Geld für ihn einfordern oder notfalls einklagen.
In Österreich haben undokumentierte Arbeiter die gleichen Rechte wie allen anderen. Kollektivvertrag und Arbeitsrecht gelten auch für sie. Gewerkschaften und Arbeiterkammer vertreten sie gerne, sofern sie sich melden.
Das schützt nicht nur die unmittelbar Ausgebeuteten. Es hält auch die Ausbeutung im Zaum. Das schützt alle anderen.
Woran der umfassende Schutz scheitern kann, sind die Ausgebeuteten selbst. Sie wissen häufig nicht, dass auch sie das Recht auf eine Entlohnung nach Kollektivvertrag, auf Sozialversicherung, Lohnzettel etc. haben. Dazu kommt, dass manche Betroffene keine Arbeitsbewilligung haben. Sie riskieren selbst, dass ihnen die Fremdenbehörden Probleme machen, wenn sie klagen. Das schreckt viele ab – und begünstigt Ausbeuter.
Auf Igor trifft das nicht zu. Bleibt zu hoffen, dass er auf meinen Rat hört. Und sein zweites Versprechen einhält: Sich im Jänner eine Firma zu suchen, die seine Grundrechte einhält.
Die Namen in dieser Geschichte sind verfälscht. Das Titelbild ist ein Symbolbild. Die Baustelle im Bild hat nichts mit diesen Geschehnissen zu tun.
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