Taxi, Taxi: Der Beute-Montenegriner

Eine Zugfahrt von Novi Sad nach Beograd ist mittlerweile so etwas wie eine Leistungsschau der Korruption. Dass sie von einem betrügerischen Hauptstadttaxler gekrönt wird, überrascht allenfalls den unbedarftesten aller Touristen.

Im Novi Sad Taxi kann ich meine Augen kaum offen halten. Es geht nach Petrovaradin raus, zum Regionalbahnhof.

Der ist seit dem 1. November der Ausweichbahnhof für die Zugverbindungen aus der Hauptstadt der Vojvodina in die Hauptstadt Serbiens.

Am 1. November 2024 ist das frisch renovierte Vordach des frisch renovierten Hauptbahnhofs von Novi Sad eingestürzt. Die Trümmer erschlugen 16 Menschen.

Seitdem ist der Bahnhof gesperrt. Niemand traut sich, ihn für sicher zu erklären. Oder, offenbar, auch nur die Statik des Gebäudes zu untersuchen.

Die Katastrophe von Novi Sad wird landesweit als Zeichen der Korruption gesehen. An den Sanierungsarbeiten waren Baufirmen mit Nähe zur serbischen Regierungspartei SNS beteiligt.

(Mehr über die Hintergründe und die Stimmung in Novi Sad könnt ihr hier nachlesen.)

Dass ich im Taxi nach Petrovaradin sitze, ist so gesehen für sich schon eine Folge der Korruption.

Ich schaffe es nicht, den kleinen Bahnhof zu fotografieren. Ich hab keine fünf Stunden geschlafen und bin etwas verkatert. In der Nacht war ich ausgiebig feiern – was sich durchaus mit der Recherche für die oben verlinkte Reportage verschränkte.

Der Tarif macht aus, was er ausmacht. 700 Dinar fix. Das sind sechs Euro. Alles in Ordnung. Die letzte Taxifahrt des Tages, über die ich das sagen kann.

Die Katastrophe überschattet das Prestigeprojekt der Regierungspartei SNS

Den Soko hab ich verpasst. Das ist der Schnellzug von Novi Sad nach Beograd oder umgekehrt. Bald soll er auch nach Budapest fahren, hat mir die Taxifahrerin stolz erzählt. Zwei Stunden von Novi Sad in die ungarische Hauptstadt.

Der Soko ist ein sehr bequemer und schneller Zug. Eine Hochgeschwindigkeitsstrecke hoffentlich nicht nur in den Westen ist für Serbien auch eine sehr notwendige Angelegenheit. Nur wird auch das alles von der Katastrophe von Novi Sad überschattet.

Die neue Strecke, der Soko und der frisch renovierte Bahnhof von Novi Sad waren und sind eben auch Prestigeprojekte von Serbiens Regierungspartei SNS. Den Bahnhof haben sie nach der verpfuschten Renovierung gleich zweimal neu eröffnet. So einfach kann man die Sachen emotional nicht trennen.

Und dann kommst du in Prokop an.

Viel mehr an Pfusch und Korruption kann einen nichts erinnern als dieser Bahnhof. Noch dazu, wenn er bis heute irreführenderweise Beograd Central heißt. Manchmal heißt er auch Beograd Centar. Sie können sich da nicht ganz entscheiden.

Vor sieben Jahren haben sie den damals halb fertigen Bahnhof als Ersatz für den alten Beograder Hauptbahnhof in Betrieb genommen. Überhastet bis zum geht nicht mehr.

Den alten Hauptbahnhof haben sie wegen des Immobilienprojekts Beograd na vodi/Belgrade Waterfront geschlossen, und alle Gleisverbindungen abgerissen. Das Projekt gilt gelinde gesagt als so korruptionsumwittert wie die Renovierung des Novi Sader Bahnhofs.

(Mehr über die Hintergründe siehe hier.)

Ich weiß: Ich brauch ein Taxi. Ich weiß: Der Taxifahrer will mich betrügen

Verkatert hin oder her, nach mittlerweile um die 30 Balkan-Reisen in dutzende Städte bin ich nicht mehr ganz so unbedarft.

Ich weiß zwei Dinge: Ich brauch für die Fahrt in mein Quartier in Zvezdara ein Taxi. Immerhin hab ich einen schweren Koffer. Der Taxifahrer hat vor, mich zu betrügen. Das machen die Taxler am Beograder Bahnhof und am Beograder Busbahnhof immer.

(Siehe etwa hier.)

In Zagreb machen sie das am Bahnhof auch, fairerweise gesagt.

(Siehe hier.)

Die Taxis, die du an der Straße anhältst, sind in Beograd mit wenigen Ausnahmen ehrlich. Funktaxis sowieso. Nur der Bahnhof und der Hauptbahnhof gehören der Taximafia.

Als Balkanier ehrenhalber bin ich halbwegs vorbereitet. Ich hab einen 1.000 Dinar-Schein in der Tasche meiner Weste. Das sind etwa acht Euro. Die Fahrt würde regulär etwa sieben Euro kosten, vielleicht siebeneinhalb.

Freundlich ist er, der etwas ältere Betrüger nicht nur in spe. Er zieht allerlei Show ab. Fragt den Kollegen nach der Adresse, die ich ihm nenne. Hätte er ganz einfach im Navi nachschauen können.

Wir quatschen ein ganz klein wenig. In der Sprache ohne Namen, selbstredend. Manchmal hält das die Taxler auf den Standorten der örtlichen Taximafia ab, etwas zu probieren. Sie wissen dann nicht, wie gut du dich auskennst.

Andererseits: In Beograd versuchen die Betrügertaxler sogar die Beograder übers Ohr zu hauen.

Vorbei an einem anderen Mahnmal der Korruption

Wir fahren einen leichten Umweg von allenfalls ein paar hundert Metern. Es geht am Generalštab vorbei.

Das Taxometer hat der Taxler ganz unten montiert. Der Schaltknüppel versperrt in der Regel die Sicht. Außer, man verrenkt sich. Das Taxometer sieht nicht aus wie das amtlich geeichte Taxometer, das sonst in der Stadt im Einsatz ist.

Beim Generalštab steht es auf 1.500 Dinar. Das sind um die 13 Euro.

Wir sind 2,5 Kilometer gefahren.

Auch der Generalštab ist ein Symbol der Korruption. Den hat im Vorjahr die serbische Regierung an einen gewissen Jared Kushner verschenkt.

Kushner ist der Schwiegersohn eines gewissen Donald Trump.

Kushner will am Gelände des ausgebombten und denkmalgeschützten Gebäudes um 800 Millionen Dollar ein Luxushotel errichten lassen.

Dass das Gebäude verschenkt wurde, hat die serbische Regierung Monate nach der Vertragsunterzeichnung bekanntgegeben.

Ich werde gewissermaßen Beute-Montenegriner

Bis zu meinem Quartier etwas oberhalb von Vukov Spomenik sind es noch einmal ungefähr 2,5 Kilometer. Insgesamt fünf Kilometer.

Bei guter Verkehrslage wie an einem Sonntag sind das inklusive Grundtarif bei regulärem Tarif in Beograd ziemlich genau 800 Dinar.

„Da sind wir“, sagt mein Taxler. „Dann würd ich dich mal um die Bezahlung bitten.“

Bevor er mit dem Satz fertig ist, steige ich mit möglichst unbedarftem und fröhlichen Blick aus und schultere meinen Rucksack.

Er seufzt und steigt aus, um meinen Koffer aus dem Kofferraum zu heben. Ich helfe ihm. Wenn ich und mein Koffer aus dem Auto sind, hat er kein Druckmittel mehr gegen mich.

„Sag mal, bist du Montenegriner?“, fragt mich der Taxler.

„Nein, ich bin aus Wien. Warum?“

„Du redest wie ein Montenegriner“.

Wenn mir die Leute den Švabo nicht ansehen, glauben sie sonst fast immer, ich bin Slowene. Manchmal halten sie mich für einen Tschechen. Für einen Montenegriner hat mich noch nie jemand gehalten. Trotz meiner Arbeitsethik.

Der Taxler beißt sich die Zähne aus

„3.500 Dinar macht das“, sagt der Taxler. Das wären ziemlich genau 30 Euro. Für fünf Kilometer Fahrt.

In Wien würde die gleiche Fahrt ungefähr zwölf bis 14 Euro kosten, je nach Verkehrslage.

Ich gebe ihm den 1.000 Dinar-Schein mit einem Lächeln.

„3.500“, sagt der Taxler, immer noch freundlich. Er glaubt vielleicht, ich hab ihn nicht verstanden.

„Das passt schon so“, sag ich.

„Na was, die Fahrt kostet 3.500 Dinar, und du gibst mir 1.000? Was glaubst du eigentlich?“

„Du hast den Taxometer manipuliert“.

„Was hab ich?“

„Du hast den Taxometer manipuliert“.

„Hör mal, die Dinge hier sind eben teurer, und du zahlst mir jetzt das Geld“.

„30 Euro für was, vier, fünf Kilometer Fahrt? Geht’s dir gut? In Wien kostet das die Hälfte.“

„30 Euro? Wie kommst du auf 30 Euro? Und nur, weil du aus Wien bist, glaubst du, du musst nicht zahlen?“

„Ich weiß, dass du versucht hast, mich zu bescheißen. Du weißt, dass ich es weiß. Ich weiß, dass du weißt, dass ich es weiß. Was soll das noch?“

Der Taxler wirft den 1.000 Dinar-Schein wütend in den Kofferraum und schnalzt den Deckel zu.

Er setzt sich ans Steuer, wendet und ruft mir noch einmal zu. „Und nur, weil du aus Wien bist, glaubst du, du musst nichts zahlen bei uns! Dein Apartment wirst du sicher auch nicht bezahlen“.

Mich wundert, dass ich ihn nicht beschimpft habe. Manchmal, scheint es, hat bei mir der Švabo Oberhand über den Balkanier. Offenbar eher bei den unpassenderen Gelegenheiten.

Leistungsschau der Korruption

Dass die Taximafia ankommende Passagiere am Beograder Bahnhof und am Beograder Busbahnhof ausnimmt wie Weihnachtsgänse, ist seit Jahren bekannt. Niemand unternimmt etwas. Dabei wäre dieser Missstand leicht zu beseitigen.

Auch das riecht nach Korruption.

Diese ganze Fahrt von Novi Sad nach Beograd ist für den Balkankenner bei aller Liebe für diese beiden Städte auch und vielleicht vor allem eine Leistungsschau der Korruption.

Expo Belgrade 2025, quasi.

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