Die Vertreibung aus dem Paradies

Die Ergebnisse der Volkszählung lassen die Wogen in Kroatien hochgehen. Das Land hat nur mehr 3,9 Millionen Einwohner – so wenige wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Verantwortlich ist die massive Auswanderung seit dem EU-Beitritt.

Statistiken gelten im Allgemeinen nicht als Inbegriff des Aufregenden schlechthin.

Die kroatische Volkszählung 2021 erweist diese Auffassung als irrenführendes Klischee.

Kaum etwas wird so diskutiert wie die in Zahlen gegossene Gewissheit dessen, was jeder sehen konnte, der wollte.

Um die 400.000 Menschen haben in den vergangenen 10 Jahren das Land verlassen. Netto.

Kroatien hat heute nur mehr knapp als 3,9 Millionen Einwohner, ergibt die vorläufige Auswertung des Statistischen Zentralamts. So wenige waren es zuletzt unmittelbar nach dem Zweiten Welkrieg.

Zahlreiche Dörfer sterben aus

Die Bevölkerung in Zagreb ist auf 760.000 Menschen geschrumpt – das sind um 2,6 Prozent oder 20.000 weniger als vor zehn Jahren. Unter den großen Städten ist das noch der geringste Bevölkerungsrückgang.

Danach haben nur Split und Rijeka mehr als 100.000 Einwohner. Osijek ist auch mit seinen Umlandgemeinden unter die symbolträchtige Grenze gesunken.

Zahlreiche Dörfer und Katastralgemeinden sterben aus – oder sind es mittlerweile.

In Dutzenden Siedlungen weist das Statistische Zentralamt Kroatiens gar keine Einwohner mehr aus. Da wäre etwa Humac bei Jelsa auf Hvar, Jurići bei Poreč, Šušelj Brijeg bei Krapina an der Grenze zu Slowenien.

Etliche weitere Weiler werden von einem einzelnen Menschen bewohnt wie Tihočaj bei Jastrebarsko im Umland von Zagreb. Von den fünf Häusern dort stehen vier leer.

Es hätte noch viel schlimmer kommen können

In kroatischen Medien herrscht weitgehende Einigkeit, dass das erst der Beginn der großen Schrumpfung ist.

Etwas mehr als 3,8 Millionen Einwohner habe Kroatien auch 1948 gab. Damals gab es 95.000 Geburten. Heute seien es 35.000, weist die Zeitung Novi List in einem Kommentar hin.

Vermutlich wäre es noch um einen Hauch schlimmer, hätte man bei dieser Volkszählung nicht erstmals Menschen ohne Papiere mitgezählt.

Das schließt wahrscheinlich auch nicht wenige jener Flüchtlinge mit ein, die die kroatische Regierung mit aller Gewalt im wahrsten Sinn des Wortes draußen halten will.

Noch bedeutend schlimmer wäre es ohne den demographischen Aderlass im benachbaren Bosnien. Zehntausende ethnische Kroaten sind in den vergangenen Jahren von dort ausgewandert. Die meisten haben einen kroatischen Pass.

Während viele dank des mittlerweile EU-Passes weiter nach Österreich und Deutschland zogen, ließen sich Abertausende auch in Kroatien nieder.

Der kroatische Sonderweg ist gescheitert

Niemanden, der die Situation am Balkan beobachtet, dürfte die Situation sonderlich überraschen.

Die Reallöhne sind auch in den vergangenen Jahren bei weitem nicht stark genug gestiegen, um die Menschen im Land zu halten.

Der EU-Beitritt Kroatiens und die Arbeitsmarktöffnung für kroatische Staatsbürger einige Jahre später machten es für Hunderttausende realistisch, ein besseres Leben zu suchen.

Natürlich, Kroatien steht demographisch besser da als Bosnien. Das ist nur nicht sonderlich schwer.

Was die Bevölkerungsentwicklung betrifft, ist die Situation nur nicht mehr so viel besser als in Serbien.

Das zeigt diese Volkszählung deutlich.

Sie zeigt in einem Detail auch, dass es dieses Instrument weiter brauchen wird und sich die Politik in der Region nicht auf offizielle Meldestatistiken verlassen sollte.

So gibt es in Kroatien etwa offiziell 200.000 mehr Krankenversicherte als das Land Einwohner hat.

Das ist eine Abweichung von fünf Prozent.

Wenn man bedenkt, wie sehr die Wogen seit Bekanntgabe der Rohdaten vor wenigen Tagen hochgehen, kann man sich auf die Veröffentlichungen der Detailergebnisse in einigen Monaten freuen.

Dann wird sich auch die ethnische Verteilung der Bevölkerung zeigen. Spannend wird vor allem die Frage, wie viele ethnische Serben noch in Kroatien leben.

Das Thema sorgt mit einer gewissen Regelmäßigkeit für Spannungen zwischen den Regierungen der Nachbarländer Kroatien und Serbien.

Dieser Punkt hatte schon während der Datenerhebung für Aufregung gesorgt.

Statt des demonstrativen Hickhacks stünde es beiden Regierungen besser an, gemeinsam über einen Ausweg aus der Misere nachzudenken.

Nach den Ergebnissen des Zensus von 2021 gilt das auch für die HDZ-Politiker, die aktuell an der Macht sind.

Der kroatische Sonderweg ist gescheitert. Geprägt hat ihn seit der Unabhängigkeit von Jugoslawien fast durchgehend die klerikal-nationalistische Partei HDZ.

Dieser Artikel ist auch bei KOSMO erschienen.

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