Unbeantwortete Fragen

Vor sieben Jahren habe ich über ein Roma-Mädchen geschrieben, das auf der Knez Mihailova Geige spielt. Vor einigen Wochen habe ich die mittlerweile junge Frau wiedergesehen.

Ist sie das, frage ich mich?

Das namenlose Mädchen, das im Herbst 2017 auf der Knez Mihailova für einen Augenblick Kind sein durfte. Für diesen Augenblick nicht denken musste, dass es die Eltern mit seiner Geige auf die Straße schicken, um Geld zu verdienen.

Ich habe diesen Moment damals festgehalten. Ihr könnt ihn hier nachlesen- und sehen.

Im Jänner 2026 fällt mir auf der Fototour durch die Knez Mihailova die rötliche Geige wieder auf. Diesmal ohne Kinnstütze, etwas gealtert, und der Steg wurde ausgewechselt. Aber ein sehr ungewöhnlicher Farbton.

Und das Gesicht.

Das Roma-Mädchen von 2017 ist heute eine junge Frau. Vieles hat sich geändert im Aussehen. Manche Dinge bleiben ziemlich gleich. Die Nase und das Kinn etwa.

Aus diesem Blickwinkel sieht man die Ähnlichkeit etwas weniger.

Als ich zu ihr hin will, um ein wenig zu reden, kommt eine Nachbarin aus dem Haus hinter ihr. Die etwas ältere Dame beschwert sich, dass sie das Fenster nicht aufmachen kann. Die Musik ist ihr zu laut.

Das Gespräch dauert ein wenig, aber nicht lange genug, dass ich gute Fotos machen könnte.

Als die Nachbarin von dannen zieht, konzentriert sich die Geigenspielerin aufs Spielen.

So verdient sie ihren Lebensunterhalt. Geige spielen auf der Straße, in der Hoffnung, dass jemand ein paar kleine Scheine in die Kartonbox wirft.

Wenn meine Vermutung stimmt, macht sie das seit mindestens siebeneinhalb Jahren.

Ich beschließe, sie weiterspielen zu lassen und hoffe, sie auf dem Rückweg ansprechen zu können. Leider ist sie weg, als ich mehrere Stunden später wiederkomme.

(Ich habe damals Fotos für diese Reportage gemacht.)

Ich hätte viele Fragen gehabt. Die Art von Fragen, die man sich oft stellt, wenn man durch ex-jugoslawische Innenstädte geht. Speziell durch serbische, kosovarische oder mazedonische.

Was ich sie fragen will

Wie es ihr gegangen ist als Kind, als die Eltern sie auf die Straße schickten?

Ob sie in die Schule gehen konnte?

Ob sie bei jedem Wetter spielen musste, oder wenigstens im Winter in die Schule durfte?

Was haben die Geschwister gemacht??

Ob es jemals irgendwen interessiert hat, dass sie auf der Straße Geld verdienen musste? Das Jugendamt, die Polizei, eine NGO?

Was ihre schönsten Erlebnisse waren, was ihr schlimmsten?

Ob sie glaubt, dass es für sie anders war als für die Buben, die ebenfalls regelmäßig auf der Knez Mihailova Instrumente spielen, um Geld zu verdienen?

Ob sie heute für sich eine Möglichkeit sieht, zu studieren?

Ob sie eine Möglichkeit sieht, als Musikerin zu überleben, in einer Band, einem kleinen Orchester, in einem Theater, irgendwie jedenfalls und vor allem irgendwo als auf der Straße?

Ob sie ihre Eltern hasst, dass sie ihr als Roma-Kind keine Möglichkeit gegeben haben, irgendeinen anderen Weg einzuschlagen als den ewigen Kreislauf, in dem Teile der balkanischen Roma gefangen sind, diesen Kreislauf aus Diskriminierung und Resignation, wo man Gefangener ist und Sich-Selbst-Fangender oder Die-Eigenen-Kinder-Fangender?

Ob sie ihre Kinder auch auf die Straße schicken würde, um Geld zu verdienen?

Ich hab zu viele Kinder betteln sehen

Ich hab zu viele Roma-Kinder betteln oder arbeiten gesehen in den Jahren, in denen ich am Balkan reise.

Um übrig gebliebenes Essen, wie damals in Niš.

Ein kleines Mädchen in den Bars von Skardalija, nach Mitternacht.

Ein halbes Kind war noch die vielleicht 16-Jährige, die auf der Knez Mihailova mit Steinen beworfen wurde.

Irgendwo im Archiv muss ein Beitrag sein, in dem ich den Buben erwähne, der in der Nacht in der Baščaršija Taschentücher verkauft.

Es sind nicht nur Roma-Kinder, auf deren Rücken Geld verdient wird. Aber sie sind es überwiegend. Dort ist auch die Armut am drückendsten.

Ethnisch serbische Kinder, mit denen die Eltern Geld verdienen, sieht man deutlich seltener. Aber es gibt sie, wie dieses jüngere Beispiel zeigt.

Warum ich diese Fragen stellen will

Es ist ein komplexes Zusammenspiel aus der Erfahrung des Ausgegrenztseins und der Reaktion auf die Ausgrenzung. Zwischen den wenigen Nischen, die einem die Gesellschaften des Balkan lassen, und der Frage, ob man sich darin einrichten will, oder versuchen will, auszubrechen – wenn man eine Chance hat.

Oft endet dieser Versuch tragisch. Auch das sei nicht verschwiegen. Siehe dieses Beispiel.

An diesem Zusammenspiel sind Viele beteiligt: Breite Teile der balkanischen Gesellschaften stehen Roma gleichgültig bis feindselig gegenüber. Die Staatsapparate fühlen sich nicht zuständig oder beteiligen sich in Teilen selbst an der Ausgrenzung.

Nicht wenige Roma oder Angehörige anderer Minderheiten richten sich unter dem Druck so gut es geht in den Nischen ein, misstrauen Behörden und Gesellschaft und halten an alten und überholten Verhaltensweisen vergangener Jahrhunderte fest – so wie der Hass in breiten Teilen der Mehrheitsgesellschaft aus vergangenen Jahrhunderten stammt und lang überholt ist. Auch wenn sie Opfer der Umstände sind, haben sie gegenüber ihren Kindern Verantwortung und verfügen über ein gerüttelt Maß an Handlungsspielraum.

Ich habe das auf diesem Blog mehrfach ausführlicher seziert.

Viele Leute, die mir Antworten auf meine Fragen geben könnten, gibt es nicht.

Es gibt eine Handvoll von Vereinen und Organisationen, die sich mit der Situation von Roma auskennen. Deren Expertise ist wichtig, um Beobachtungen einordnen zu können. Sie können auch erklären, wie Ausgrenzungsmechanismen im Detail funktionieren. Was sich seit dem Zerfall Jugoslawiens verschlechtert hat. Was sich in den vergangenen Jahren gebessert hat.

Wie die Betroffenen ihre Situation erlebt haben, können sie einem nur selbst erzählen.

Wie jede andere Perspektive auch ist diese eine eingeschränkte.

Aber eine, die gehört werden sollte.

Ich hoffe, dass ich der jungen Frau beim nächsten Mal meine Fragen stellen kann.

So unterstützt ihr meine Arbeit

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