Kinder mit Behinderung erregen Mitleid. Manche Erwachsene bestreiten mit diesem Gefühl ihren Lebensunterhalt. Eine sommerliche Straßenszene aus Novi Sad.
Der Mann in seinen 40-ern am Trg Slobode in der Fußgängerzone von Novi Sad hat auf einem kleinen weißen Tisch Plastikspielzeuge ausgebreitet: Reiter, Tiere, Märchenfiguren.
50 Dinar kosten sie. Das sind ungefähr 40 Cents. Offiziell sind sie eine Spende für den Buben, der im Rollstuhl neben dem Mann sitzt.
Vielleicht zehn ist der Kleine, dunkelblond. Alle vier Gliedmaßen scheinen gelähmt zu sein, oder er hat schwere Spastik.
Erst später sehe ich, dass er den rechten Arm etwas heben kann. Die Hand wirkt verkrampft. In ihr hält er eine Rassel.
Ein paar Meter vor dem Tisch stehen zwei junge Frauen im Pseudo-Mittelalterkostüm. Sie machen Werbung für irgendeine Stadttour, und verkaufen Platsikschwerter, Rosen, Spielzeugkronen.
Ein junger Mann in einer Tarnhose der serbischen Armee, Springerstiefeln und schwarzem Longsdale T-Shirt spaziert vorbei. Er hat sich eine Glatze geschoren und trägt eine Kette mit einer „slawischen“ Swastika.
Ob der Bub im Rollstuhl das mitbekommt? Und wenn, er könnte es altersbedingt nicht einordnen.
Der Mann mit dem Plastikspielzug konzentriert sich darauf, Kinder anzusprechen, die am Tisch vorbeigehen. Der Trg Slobode ist ein sehr belebter Teil des Novi Sader Stadtzentrums. Familien mit Kindern spazieren hier minütlich vorbei.
Ein Bub im Volksschulatler bleibt stehen. Er liest das Schild, das um Spenden für den behinderten Buben bittet. Die Spielsachen schaut er mit Interesse an. Kurz blickt er auch auf den gelähmten Jungen, der etwas älter ist als er.
Welches Gefühl er wohl hat?
Im Schanigarten daneben weint sich ein wenige Monate altes Baby die Seele aus dem Leib. Die Ventilatoren der Schanigärten wirbeln Wassernebel in die Luft. Das kühlt ein wenig.
Der Bub im Rollstuhl erregt Aufmerksamkeit
Ein paar etwas ältere Kinder sind vor dem Stand stehen geblieben. Auch sie schauen sich die Plastikspielsachen an. Ihre Mutter ist dabei. Der Verkäufer unterhält sich mit ihnen, schildert die Lebensgeschichte des Buben im Rollstuhl, oder seine Version davon.
Kinder und Mutter hören interessiert zu.
Ob sie etwas kaufen, kann ich nicht erkennen.
In der ganzen Zeit hat der Mann das Kind im Rollstuhl kein einziges Mal berührt, ihm keine Beachtung geschenkt.
Eine Frau Mitte 50 mit blondiertem Haar wirft ein paar Scheine in die große Spendendose aus Plastik, die neben dem Spielzeug auf dem Tisch steht. Spielzeug nimmt sie keines. Ein Mann mit Herrenhandtasche und serbischem Kurzhaarschnitt wirft im Vorbeigehen ebenfalls ein paar Scheine in die Dose.
Es ist kein Vermögen, das bislang zustande gekommen ist. Aber mehr als die meisten Roma in der gleichen Zeit verdienen, die am Trg Slobode betteln.
Eine Mutter kauft ihrem Sohn ein kleines gelb-schwarzes Plastikauto beim Spielzeugverkäufer. Sie trägt es in der Hand. Ihr Sohn hat eine mittelgroße Box Popcorn und mapft vor sich hin.
Eine Mutter mit Zwillingstöchtern unterhält sich mit dem Verkäufer. Sie macht mit dem Telefon Fotos, wovon auch immer. Ein paar weitere Leute kommen dazu.
Der Bub im Rollstuhl sorgt für Aufmerksamkeit.
Er bewegt seinen Kopf unkoordiniert. Beobachtet er die Fremden, die ihn anstarren?
Nach einer halben Stunde beschäft sich der Mann das erste Mal mit dem Kind
Ein Straßenverkäufer hält mir ungefragt ein Etui mit einer gefälschten Markensonnenbrille ins Gesicht.
Der Bub lässt den Kopf schief hängen. Es ist heiß. Das ist für ihn sicher erschöpfend.
Wieder eine Mutter mit Kind. Sie kauft ein Spielzeug. Ich kann nicht erkennen, was es ist.
Der Verkäufer legt den Arm auf die Kopflehne des Rollstuhls. Er redet kurz mit dem Buben. Der Kleine reagiert auf ihn, sieht ihn an, als er angesprochen wird. Der Verkäufer streichelt den Kleinen. Das erste Mal in gut einer halben Stunde, dass er ihn berührt. Wenigstens ein paar Moment Zuneigung.
Die Sonne geht unter.
Der Verkäufer packt die verbliebenen Plastikspielzeuge in eine Box und klappt den Tisch zusammen. Er schiebt den Buben aus der Fußgängerzone heraus, wahrscheinlich in sein Auto. Nach ein paar Minuten ist er wieder da und räumt Tisch und Box weg.
Ein weiterer Tag ist vorbei, an dem er mit dem Bub seinen Lebensunterhalt bestritten hat.
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