Christoph Baumgarten mit einer Canon 6D, Mark II in Belgrad.

Zehn Jahre Ungewöhnliches

Der größte Balkan-Blog des deutschsprachigen Raums hat Geburtstag. Seit zehn Jahren erzählt Balkan Stories meist ungewöhnliche Geschichten aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Es war so etwas wie ein doppelter Anfang. Das bosnische Nationalmuseum in Sarajevo eröffnete nach drei Jahren finanziell bedingter Sperre wieder. Mit dieser Reportage begann Balkan Stories.

Kaum jemand außerhalb des ehemaligen Jugoslawien wollte über dieses bedeutende Ereignis schreiben – die Wiedereröffnung des Museums, nicht die Geburt von Balkan Stories -, und meine Angebote an mehrere Plattformen stießen auf mehr oder oder weniger ausgeprägtes Desinteresse. Blieb, etwas Eigenes zu machen, um diese Geschichte zu erzählen.

Diesem Eigenen ist Balkan Stories die vergangenen zehn Jahre treu geblieben. Hier findet ihr Geschichten vom Balkan, die ihr sonst nirgendwo lesen könnt – zumindest nicht außerhalb der Region, und oft nicht einmal dort.

(Mehr über das journalistische Selbstverständnis von Balkan Stories findet ihr hier.)

Luey Maktouf in seinem Friseursalon in Travnik

Diese Geschichte von Luey aus Basra etwa ist eine meiner Lieblingsgeschichten – bis heute. Ein Flüchtling aus dem Irak landet in Travnik, macht einen Friseursalon auf und wird zum vielleicht wichtigsten Bildhauer seiner neuen Heimat. Was kann man daran nicht mögen?

Oder die Geschichte vom albanische Hiphopper Vagabondi. Der ist der vielleicht größte Bijelo Dugme-Fan Albaniens – wo kaum jemand Jugoslawiens größte Band kennt. Aus Bewunderung für die Band hat er sein Leben riskiert. Mehr lest ihr hier.

Florim Beqiri auf seinem Bücherstand in Prishtina

Oder der Traum von Florim Beqiri, einmal nach Paris zu fahren. Balkan Stories hat den Buchhändler aus Prishtina über die Jahre begleitet in seinem Kampf gegen die Willkür der städtischen Behörden, dem Überlebenskampf seines Bücherstandes im Stadtzentrum der kosovarischen Hauptstadt. Nur nicht nach Paris. Warum das so ist, lest ihr hier.

Flüchtlingshelferin Azra aus Sarajevo

Oder die Geschichte von Azra. Sie ist eine unermüdliche Flüchtlingshelferin in Sarajevo. Welche Widerstände sie zu überwinden hat, wie sie ihre Hilfe organisiert, welche Unterstützung sie von SOS Balkanroute erhält, und warum sie nicht aufgegeben hat, das könnt ihr hier lesen.

Was fürs Herz – für mich jedes Jahr – ist, wie eine kleine Gruppe von Freiwilligen jedes Jahr das größte Comics-Festival im ehemaligen Jugoslawien organisiert. Balkan Stories war mittlerweile drei Mal beim Hercegnovski Strip Festival. Hier findet ihr die Reportagen und Fotoreportagen.

A pro pos Herceg Novi: Dort steht die kleinste Buchhandlung der Welt. Eigentümer ist Rade, ein liebenswerter wie leicht kautziger graphischer Künstler. Balkan Stories hat die bislang einzige Reportage über ihn veröffentlicht.

Der Kontext macht die Geschichte

Es waren und sind diese Geschichten über den alltäglichen Kampf der Menschen der Region um ein besseres Leben oder eine gerechtere Gesellschaft, die Balkan Stories seit Beginn prägen.

Das geht nicht, ohne, dass man auf die Rahmenbedingungen eingeht.

So ist Balkan Stories die einzige Seite außerhalb des ehemaligen Jugoslawien, die einen genauen Blick auf die demographischen Entwicklungen der Region behält. Das betrifft besonders Bosnien. Das Land hat seit dem Krieg 40 Prozent seiner Einwohner verloren. Die bosnische Politik geht lieber mit Einwohnerzahlen hausieren, von denen jeder weiß, dass sie viel zu hoch gegriffen sind. Wie das zustande kommt, könnt ihr hier nachlesen.

Auch ein Thema, bei dem lokale Politik und diesmal auch lokale Medien den Kopf in den Sand stecken, ist das Glücksspiel. Im ehemaligen Jugoslawien scheint sich niemand zu interessieren, welche Dimension Glücksspiel und Wetten haben. In Bosnien etwa machen sie zusammen bis zu fünf Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Das ist Irrsinn. Mehr über die Geißel des Balkan könnt ihr hier lesen.

Das nur eine kleine Auswahl aus den beinahe 900 Geschichten, die in den vergangenen zehn Jahren hier veröffentlich worden sind.

Wer hinter Balkan Stories steht. Und wer mithilft.

Foto: (c) Kramar

Manchmal werde ich gefragt, wie groß das Team von Balkan Stories sei.

Das besteht aus mir.

Ich betreibe diesen Blog in meiner Freizeit.

Ich bezahle das Equipment und die Balkanreisen aus meinem Einkommen aus meinem Brotberuf als Journalist.

Freilich, ohne Mithilfe wäre das nicht möglich.

Besonderer Dank gilt meinen regelmäßigen Unterstützern auf BuyMeACoffee: Kramar, Dagmar Schulz, Renato Čiča, Dalibor Bošnjak und Sabina Dizdarević.

Ebenfalls großzügige Unterstützung bekomme ich von Fatima Dolić-Fromm, Karmen Jerbić, Johannes Denk, Wolfgang Bürger, Sandra und Georg Klein. Ihre Spenden waren und sind eine große Hilfe, die Kosten dieses Blogs zu bestreiten.

So kann ich mittlerweile immerhin die Domain-Kosten bestreiten.

Eine große Hilfe über die vergangenen Jahre waren auch die Menschen, die immer wieder Feedback beigesteuert oder mir ihre Arbeit kostenlos zur Verfügung gestellt haben.

Robert Rigney etwa hat mich sehr früh mit seinen Reportagen unterstützt. Die findet ihr hier im Seitenmenü. Robert hat mit Robert Šoko vor Kurzem übrigens ein sehr wichtiges Buch über ein wichtiges Kapitel jugoslawischer Dijaspora-Musik veröffentlicht.

Mehrere Texte hat auch Katharina Hrvacanin beigesteuert. Katharina ist Gesellschaftswissenschaftlerin und Expertin für die Bewegung der Blockfreien.

Prominent zu nennen ist einmal mehr Kramar vom Fotografenkollektiv Fischka. Ebenso bedanken möchte ich mich bei Lazar Novaković, Nikola Radić-Lucati, Filippo Cadili, Miloš Vučković, Majda Turkić, Almir Panjeta, Feđa Kiselički, Jugoslav Krminac und Nikola Zdravković. Sie alle haben mir im Lauf der Jahre kostenlos Fotos zur Verfügung gestellt.

Ein besonderes Dankeschön auch an den Künstler Midhat Kapetanović, der mir immer wieder seine wunderbaren Cartoons zur Verfügung stellt. Mit ihnen kondensiert er verlässlich auf liebevolle Weise komplexe aktuelle Geschehnisse in einzelne Comics.

Das Wissen vieler Menschen hat mir in den vergangenen Jahren sehr geholfen, Balkan Stories weiterzuentwickeln, auf neue Geschichten zu stoßen und bei wichtigen Themen dranzubleiben.

Das sind etwa Petar Janjatović, Lazar Musur, Ivan Fece Firči, Ana Benačić, Lily Lynch und Selma Asotić, Rüdiger Rossig, Hrvoje Klasić, Elma Hašimbegović und Jugoslav Krminac. Jede Aufzählung ist hier unvollständig.

Eine besondere Erwähnung verdient Ivor Fuka vom Portal Lupiga in Zagreb. Lupiga und Balkan Stories haben seit mittlerweile einigen Jahren eine sehr angenehme und anregende Kooperation.

So hat Balkan Stories mittlerweile eine monatliche Foto-Kolumne auf Lupiga. Hier findet ihr den ersten Teil. In den Links unten geht es zu den weiteren Ausgaben von Zašto sam snimio ovu fotografiju?

Mehr über die Unterstützer von Balkan Stories lest ihr in dieser Geschichte vom April.

Was ist in nächster Zeit zu erwarten?

Zugegeben, die vergangenen Monate waren etwas schwierig. Für Balkan Stories ist viel Arbeit liegengeblieben.

Bald sollte es wieder eine größere Geschichte über jemanden geben, der nicht aufgibt: Der bosnische Schauspieler Feđa Štukan feiert mit seinem ersten Theaterstück Blank balkanweite Erfolge. Es basiert auf seiner gleichnamigen Autobiografie. Die hat es in sich. Balkan Stories hat Feđa in Sarajevo getroffen.

In wenigen Tagen ist auch der erste Jahrestag der Katastrophe von Novi Sad. Sie hat die Massenproteste ausgelöst, die seit einem Jahr die serbische Politik und das öffentliche Leben im Land dominieren.

Balkan Stories hat in der Vergangenheit ausführlich über die Proteste berichtet (siehe etwa hier) und wird zum Jahrestag der Katastrophe den Stand der Dinge analysieren.

Am Plan steht auch die eine oder andere Fotoreportage – etwa über die Innenhöfe von Novi Sad und großalbanischen Alltagsnationalismus in Peja im Kosovo.

Geplant ist auch ein neuerlicher Ausflug in die Welt der Alltagskunst. Film- und Kulturkritikerin Pia Nikolič aus Lubljana ist ausgewiesene Expertin für die Geschichte von Comics und Animationsfilmen in Jugoslawien, und hat Balkan Stories an ihrem Wissen teilhaben lassen.

Ebenso im Hinterkopf habe ich ein Portrait der bosnisch-deutschen Journalistin Mirella Sidro. Mirella – auch sie eine frühe Unterstützerin von Balkan Stories – ist ja zurück nach Sarajevo gezogen. Wie es ihr dort geht, und wie sie mithilft, Bosnien zu einem besseren Ort zu machen, werdet ihr hoffentlich bald hier lesen können. Die Fotos zur Geschichte hab ich bei unserem Treffen in Sarajevo gemacht. Da kann fast nichts mehr schiefgehen.

Es wird ungewöhnlich bleiben. So viel sei versprochen.

Titelfoto: Nikola Radić-Lucati

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5 Gedanken zu “Zehn Jahre Ungewöhnliches

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