Ex-YU Rock Centar in Skenderija in Sarajevo. Das Museum ist mittlerweile geschlossen.

Ein schwerer Rückschlag

Ein schwerer Rückschlag nicht nur für die Musikszene in Sarajevo wurde Montagabend bekanntgegeben: Das Ex-YU Rock Centar schließt mit 1. November. Das Museum war die einzige Einrichtung seiner Art im ehemaligen Jugoslawien. Geplant ist eine Wiedereröffnung nächstes Jahr an einem anderen Standort.

Die Kulturszene in Sarajevo ist stets hochschwanger mit Gerüchten. Dass das Ex-YU Rock Centar im Dom Mladih in der Skenderija einem Investor im Weg stünde, der dort großes Geld machen wolle, hieß es seit längerem.

Das Museum müsse bald raus, raunte man.

Am Montagabend gab das Ex-YU Rock Centar via Instagram bekannt, dass es am 1. November schließen werde.

Aus verschiedenen Gründen müsse man aus dem derzeitigen Standort ausziehen. Es ist geplant, das Museum nächstes Jahr an einem Standort in Sarajevo wiederzueröffnen.

Man kann nur hoffen, dass diese Pläne hinhauen.

Die Schließung kommt wenige Wochen vor dem dritten Geburtstag der im ehemaligen Jugoslawien einzigartigen Einrichtungen.

Am 29. November 2022, am Dan Republike, hatte das Museum feierlich eröffnet und seitdem seinen Besuchern einen Einblick in die reichhaltige und kreative Rockszene im ehemaligen Jugoslawien gegeben.

Die Welt des YU Rock sichtbar gemacht

Gut 500 Exponate, von Eintrittskarten, Requisiten über Alben und Presseclippings zu Originalinstrumenten und dem Anzug von Indexi-Star Davorin Popović machten die Welt des YU Rock lebendig.

Ein guter Teil der Ausstellungsstücke kam von Sarajlije selbst. Erinnerungsstücke an legendäre Konzerte in einer Zeit, in der Jugoslawien eine der wahrscheinlich dynamischsten Rockszenen des Kontinents hatte – weitgehend unbeachtet vom Westen.

„Was viele Leute außerhalb des ehemaligen Jugoslawiens und auch in der Region nicht wissen, ist, wie irre hoch der Marktanteil der Bands war“, erzählt Freddy. „Von zahlreichen Alben wurden hunderttausende Stück verkauft, und das bei einer Bevölkerung von nur 20 Millionen Menschen. In der Hinsicht war das wesentlich erfolgreicher als die allermeisten legendären Bands im Westen“, sagte mir Freddy Lindsay bei einem Besuch im Museum vor zwei Jahren. (Eine ausführliche Reportage könnt ihr hier nachlesen.)

Einzelne Alben erreichten sogar mehr als eine Million Verkäufe.

Freddy ist Teil des Freiwilligenteams, das das Museum aufgebaut hat. Der kleinen Ekpia gehören auch Igor und Sabina Pašić-Šutalo und Expats rund um Will Richard und Valery Perry an. Ohne ihre private Initiative hätte es das Ex-YU Rock Centar nie gegeben.

Das offizielle Sarajevo war am YU Rock immer bemerkenswert desinteressiert

Weder der Stadt Sarajevo noch einer der nicht wenigen mehr oder weniger zuständigen politischen Ebenen in Bosnien war es ein Anliegen gewesen, diesen wichtigen Teil der Musikgeschichte aufzuarbeiten und zu präsentieren. Das verwundert vor allem angesichts der Tatsache, dass gerade Sarajevo als musikalische Hauptstadt Jugoslawiens gegolten hatte.

Keine andere Stadt brachte so viele erfolgreiche und nachhaltig prägende Bands hervor wie Sarajevo. Zuerst ist da Bijelo Dugme zu nennen, DIE jugoslawische Band schlechthin.

(Mehr über die legendäre Band könnt ihr hier nachlesen. Wie wirkmächtig Bijelo Dugme bis heute, zeigt auch diese musikalisch interessante Episode von Ende Dezember auf. Und diese Balkan Stories Exklusiv-Geschichte zeigt eine gelinde gesagt unerwartete Facette der Popularität der Band auf.)

Oder Crvena Jabuka. Oder das Plavi Orkestar.

Oder Zabranjeno pušenje. (Siehe diese Reportage.)

Fans beim Jubiläumskonzert des Albums Das ist Walter von Zabranjeno pušenje im Mai 2024. Das Museum fand im Skenderija-Komplex statt, in dem auch das EX-YU Rock Centar beheimatet war.

Erstaunlich auch, dass sich auch sonst im ehemaligen Jugoslawien niemand fand, der dem jugoslawischen Rock eine institutionelle Plattform bieten wollte. Bis heute ist YU Rock relevant – sowohl als historisches Phänomen – die großen Bands von damals sind bis heute geradezu grotesk populär – wie auch als zeitgenössisches. Bis heute verstehen sich die meisten Rockmusiker in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens als Teil einer gemeinsamen Musikrichtung.

Man kann nur hoffen, dass es ein Weiter gibt

Weder Politik, noch kulturelle Einrichtungen noch Privatinitiativen fanden und finden sich, die den YU Rock in einem Museum erforschen und präsentieren wollen. Einzig eine kleine Ekipa in Sarajevo.

Und der hat man offenbar kurzfristig den Teppich unter den Füßen weggezogen – so die Gerüchte stimmen, die man sich in der Stadt seit geraumer Zeit erzählt. Freilich, es wäre nicht das erste Mal, dass kulturelles Erbe den Interessen gut vernetzter Investoren geopfert würde. Gleichzeitig: Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand in Sarajevo etwas kurzerhand erfindet.

Für eine Stellungnahme war das Ex-YU Rock Centar Sarajevo kurzfristig nicht zu erreichen.

Für Kurzentschlossene gibt es Mittwochabendabend Open House.

Am Samstag schließt Ex-Jugoslawiens einziges Museum des YU Rock. Vorläufig, wie es heißt.

Man kann nur hoffen, dass es nächstes Jahr ein Weiterleben gibt.

Mehr über die faszinierende Welt des YU Rock findet ihr im Archiv von Balkan Stories.

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