Titelfoto: Petar Rosandić, Jürgen Czernohorsky, Elvedin Sedić (vlnr) Votava/Stadt Wien

Freunde schauen nicht weg

Die Stadt Wien greift der Stadt Bihać unter die Arme. Ein Wiener Müllabfuhrwagen soll den Kollegen in Nordbosnien die Abfallentsorgung erleichtern. Eingefädelt hat diese Geste der praktischen Solidarität der Wiener Musiker und Flüchtlingshelfer Petar Rosandić von SOS Balkanroute.

Bihać ist mehr als tausende Flüchtlinge, die von dort über die kroatische Grenze in die EU wollen.

Bihać ist mehr als der Versuch, die Bewegungen entlang der Balkanroute zu regulieren.

Bihać ist mehr als ein exterritoriales Flüchtlingslager, mit dem die EU die Probleme weit von sich wegschieben will.

Bihać ist vor allem die Heimatstadt von etwa 50.000 Menschen.

Die brauchen, wie in jeder anderen Stadt dieser Welt funktionierende Infrastruktur, um dort leben zu können.

Um die ist es in Bosnien generell schlecht bestellt. Die Gemeinden in dem armen Land haben in der Regel wenig bis kein Geld etwa für funktionierende städtische Fuhrparks.

Grundlegende Dienstleistungen wie die Müllabfuhr leiden unter diesem Mangel. Bihać ist hier keine Ausnahme.

Ein Fahrzeug der Wiener Magistratsabteilung 48 soll Abhilfe schaffen. Der Wiener Umweltstadtrat Jürgen Czernohorsky hat es vor wenigen Tagen in Wien an Elvedin Sedić, den Bürgermeister von Bihać übergeben.

„Wien hat sich schon 2020 als verlässlicher Partner erwiesen Damals, als das Camp Lipa niederbrannte und Menschen ums Überleben kämpften, kamen drei Tonnen Hilfsgüter aus Wien. Auch das Müllauto wird uns jetzt sehr helfen“, zeigt sich Sedić erfreut bei der Übergabe.

Für den Wiener Stadtrat Czernohorsky ist diese praktische Unterstützung eine logische Fortsetzung des bisherigen Engagements der Stadt. „Unsere 48er sammeln regelmäßig Hilfsgüter, um der SOS Balkanroute beim Helfen zu helfen. Mit dem Müllauto unterstützen wir die Gemeinde Bihać ganz konkret bei ihrer wichtigen Arbeit, Wien schaut nicht weg.“

Womit er auch einen wichtigen Aspekt anspricht: Humanitäres Engagement hat immer viele Ebenen, wenn es echtes Engagement sein soll und nicht nur moralische Selbstüberhöhung.

Gerade die Solidarität auf vielen Ebenen hat die Flüchtlingshilfsorganisation SOS Balkanroute in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt. Vor allem in Bihać, das zum Schwerpunkt der Aktivitäten der NGO geworden ist.

Auch wenn sich eine Flüchtlingsorganisation vorrangig der Flüchtlinge annimmt, die entlang der Balkanroute unter oft menschenunwürdigen Bedingungen leben, war für SOS Balkanroute-Gründer Petar Rosandić immer wichtig, auf die Bedingungen der Menschen hinzuweisen, die etwa in Bihać leben, und die Situation für alle Beteiligten zu verbessern.

Indem er und sein Team an Freiwilligen bei allen Konflikten Menschen, Behörden und der Politik in der Stadt immer mit Respekt begegneten, und immer auch versuchten, Verbesserungen für die Einwohner der Stadt zu erreichen, gelang es der Organisation, ein tragfähiges Netzwerk aufzubauen. Spannungen zwischen Flüchtlingen und Bewohnern abzubauen, und bei vielen ein Bewusstsein für Solidarität aufrechtzuerhalten, das seit der kapitalistischen Restauration arg gelitten hatte.

So war es auch Petar, der bei der Stadt Wien diese Spende erreichte. „Dass Wien gerade jetzt nicht wegschaut – in einer Zeit, in der Europas Außengrenzen entmenschlicht und die dort gestrandeten Menschen vergessen werden – ist ein starkes Zeichen“, sagt er bei der Übergabe des Fahrzeugs. „Solidarität endet nicht an der Außengrenze – sie beginnt dort.“

Auch Zeit für ein bisschen Wiener Gastfreundlichkeit blieb. Petar führte gemeinsam mit Czernohorsky Bürgermeister Sedić über den Brunnenmarkt und lud ihn auf ein paar Spezialitäten ein, die syrische und afghanische Marktstandler anbieten.

Vielleicht auch eine kleine psychologische Intervention. Sedić kennt Flüchtlinge aus eigener Ansicht praktisch nur als Menschen in stark entwürdigenden Situationen, in Notlagen, als Menschen, die auf die Hilfe Anderer angewiesen sind.

Am Brunnenmarkt konnte er auch erleben, dass diese Menschen bereit und willens sind, etwas auf die Beine zu stellen, wenn sie die Möglichkeit haben.

Auch ein Wiedersehen mit einem alten Freund gab es. SPÖ-Bundesvorsitzender und Vizekanzler Andi Babler empfing die Delegation, um sich über die aktuellen Entwicklungen auszutauschen.

Andreas Babler, Elvedin Sedić und Petar Rosandić im Vizekanzleramt. Foto: BMWKMS/ Fuhrer
Andreas Babler, Elvedin Sedić und Petar Rosandić im Vizekanzleramt. Foto: BMWKMS/ Fuhrer

Als Traiskirchner Bürgermeister unterstützte er nicht nur die Aktivitäten von SOS Balkanroute in Bihać sondern auch die Gemeinde selbst. Der Samariterbund Traiskirchen spendete der Rettung der nordbosnischen Stadt 2022 ein Einsatzfahrzeug.

Andi fuhr es damals selbst nach Bihać.

Titelfoto: Petar Rosandić, Jürgen Czernohorsky, Elvedin Sedić (vlnr) Votava/Stadt Wien

Mehr über die Aktivitäten von SOS Balkanroute könnt ihr hier lesen.

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