Das Historische Museum von Bosnien und der Hercegovina wirft mit einer interessanten Ausstellung Licht auf ein vergessenes Kapitel des jugoslawischen Befreiungskampfes gegen den Faschismus: Die Antifašistički front žena (AFŽ), die Antifaschistische Frauenfront. Sie organisierte zwischen 1942 und 1945 zwei Millionen Frauen.
Es gibt wohl wenige Ausstellungen, auf die man Internationalen Frauentag mehr hinweisen sollte als auf die kleine Dauerausstellung im Historischen Museum von Bosnien und der Hercegovina in Sarajevo.

Zahlreiche Dokumente, persönliche Gegenstände, Ausrüstungsgegenstände, Bücher und Plakate dokumentieren hier Geschichte und Selbstverständnis der größten antifaschistischen Frauenorganisation der Welt.
Ab 1942 bündelte die Antifašistički front žena (AFŽ), die antifaschistische Frauenfront, die Tätigkeiten aller Frauenorganisationen im antifaschistischen Widerstand in Jugoslawien seit dem Überfall der Wehrmacht im April 1941, von Ljubljana bis Skopje.
Im Lauf des Krieges traten zwei Millionen Frauen in die AFŽ ein. Etwa 100.000 kämpften sogar in bewaffneten Einheiten. Mehr Details gibt es HIER.

Die anderen Frauen übernahmen eine Reihe von Aufgaben. Sie sammelten Geld, Metall für Waffen, verteilten Informations- und Propagandamaterial für die Partisanen, versorgten Verwundete, sicherten die Nahrungsmittelversorgung. Bei mehr als einer Gelegenheit ernteten Frauen unter den Augen der faschistischen Besatzer Jugoslawiens nächtens ganze Felder ab – oft mit Scheren statt mit Sensen, um weniger Aufmerksamkeit zu erregen.
Kurz: Die AFŽ war für einen wesentlichen Teil der Logistik von Titos Partisanen verantwortlich. Ohne diese zwei Millionen Frauen hätte sich Jugoslawien nicht selbst vom Faschismus befreien können.
In der jugoslawischen Revolution spielten sie eine Schlüsselrolle.
Dieser Rolle wird die Ausstellung im Rahmen der leider finanziell sehr beschränkten Möglichkeiten des Historischen Museums in Sarajevo durchaus gerecht. Und es ist bezeichnend, dass die AFŽ aktuell die einzige Dauerausstellung des Museums ist.
Das Historische Museums Bosniens und der Hercegovina verfügt seit dem Vertrag von Dayton über kein regelmäßiges Budget. Der serbisch dominierte Teilstaat Republika Srpska hat es nicht als nationale bosnische Einrichtung anerkannt. Eine Folge ist, dass die bosnische Nationalregierung dem Museum keine Mittel zur Verfügung stellen darf.
Mehr über den Kampf des Historischen Museums um sein Bestehen erfahrt ihr HIER. Eine zentrale Rolle spielt Direktorin Elma Hašimbegović.
Während Frauen in allen Staaten im Zweiten Weltkrieg einen großen Teil der Kriegsbemühungen übernahmen, erhielten sie in keinem Land einen derartigen Stellenwert wie in Jugoslawien. Auch die Sowjetunion hatte keine Organisation, die mit der AFŽ vergleichbar gewesen wäre.
Deutlich wurde das auch in der zeitgenössischen Darstellung des antifaschistischen Befreiungskampfes. Mehr siehe HIER.




Und im Gegensatz zu vielen anderen Staaten waren die Mitglieder der AFŽ durchwegs Freiwillige.
Wie etwa Roza Papo aus Sarajevo. Die Ärztin wurde zur obersten Sanitätsoffizierin der 2. Partisanenarmee ernannt. 1973 wurde sie zur ersten Frau im Generalsrang in Jugoslawien – und weltweit zur ersten jüdischen Generalin überhaupt.
Mit ihrem Einsatz halfen die AFŽ-Mitglieder das vor dem Krieg reaktionäre Jugoslawien ab 1945 in die Moderne zu katapultieren – nicht nur, aber auch in der Beziehung der Geschlechter. Dass Frauen im Neuen Jugoslawien Titos gleichberechtigt waren, stand außer Frage.

Bis heute haben die Nachfolgestaaten Jugoslawiens trotz des machistischen Revivals während der kapitalistischen Restauration der 1990-er einen auffällig hohen Frauanteil in technischen Studien – auf beiden Seiten des Katheters – und in führenden Positionen im öffentlichen Dienst.
Das ist zu einem weiten Teil ein Erbe des sozialistischen Jugoslawien – in dem die Gleichberechtigung von Frauen nicht perfekt gewesen sein mag, aber wesentlich mehr Bereiche umfasste als das in westlichen Staaten im Allgemeinen der Fall war. Der Beitrag der AFŽ zu diesem Umstand ist im Nachhinein schwer zu bemessen, wird aber ein beträchtlicher gewesen sein.

Umso weniger verwundert es, dass diese Organisation seit den 1990-ern immer mehr in Vergessenheit geraten ist.
Ganz scheint den neuen Machthabern nicht gelungen zu sein, die Allgemeinheit vergessen zu machen, dass jugoslawische Frauen einen aktiven und wichtigen Teil bei der Befreiung im Kampf gegen Deutsche, Italiener und Ustaša hatten.
Die legendäre Band Zabranjeno pušenje etwa hat am Mittwoch das Video ihres neuen Songs Čovjek starog kova veröffentlicht. Darin kommt auch eine Partisanin vor.
Mehr über die AFŽ erfahrt ihr in dieser sehr interessanten englischsprachigen Broschüre und auf der Seite Arhiv AFŽ. Sehr lesenswert ist auch der Artikel im Jacobin. Einen Überblick findet auch ihr im Archiv von Balkan Stories.
Und HIER findet ihr, was auf Balkan Stories in den vergangenen Jahren zum 8. März, dem Internationalen Frauentag erschienen ist.
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Ein Gedanke zu “Ein Licht auf die vergessene Revolution”