Stolac

Die 26 vergeudeten Jahre von Muharem

Stolac in der Hercegovina gilt als gespaltene Stadt. Kroatische und bosnjakische Nationalisten machen einander das Leben schwer. Ausgerechnet der Tod eines Motorradrennfahrers könnte das ändern. Nicht der einzige Hoffnunggschimmer.

„Ja, sicher wäre ich hingegangen“, sagt der Kellner in einem der kroatischen Cafes an der Hauptkreuzung von Stolac. „Ich musste aber arbeiten.“

Gemeint ist die Beerdigung von Muharem Frenjo.

Der Motorradrennfahrer starb Ende August bei einem Verkehrsunfall in der Nähe von Sarajevo. Er wurde nur 26 Jahre alt.

Geboren wurde er in dieser hercegovinischen Kleinstadt. Als erfolgreicher Rennfahrer war er bei allen beliebt.

Und Muharem war das erste Kind, das in Stolac nach dem Krieg geboren wurde.

Ein Stolac, das seitdem wenig zusammengewachsen ist.

Wenn Lucija Samira hieße

Hinter dem Kellner, mit dem ich rede, steht ein großes Kreuz auf einem der Regale über der Theke.

Im zweiten Cafe auf diesem kleinen Platz gibt es eine kleine Familienfeier. Die Erwachsenen sitzen zusammen, ein Baby wird herumgereicht und liebkost.

Lucija ist sieben oder acht Jahre alt. Sie ist die große Schwester des Kleinen. Kaum jemand schenkt ihr Beachtung.

Sie geht zum leeren Kinderwagen und schlägt mit der Faust hinein. „Schluss“, ruft sie, „Schluss“.

Ich rede ein wenig mit ihr. Sie beruhigt sich ein wenig und beschließt, mich durch das Lokal zu jagen.

Als ich aus der Puste bin, nimmt ihre Mutter sie auf den Schoß. Lujia umarmt sie eng und schläft ein.

Würde sie nicht Lucija heißen sondern Samira, diese Szene hätte sich hier nie abgespielt. Samiras Eltern wären nie in dieses Lokal gegangen.

Das ist Alltag an der Kreuzung von Ruđera Boškovića und Hrvatskih branitelja.

In die Lokale auf der einen Seite gehen nur Kroaten.

In die Lokale auf der anderen Seite, am Platz bei der Moschee, alle anderen.

Gerade jenseits des Moschee-Platzes liegt die Grundschule. Sie ist in zwei Schulen aufgeteilt.

In die eine gehen die Kroaten, in die andere alle anderen.

Diese Segregation gibt es in der gesamten Federacija, dem bosnjakisch-kroatischen Teilstaat Bosniens.

Wie kroatische Nationalisten provozieren

Vor dem Schulpark steht ein kleines Denkmal für die Partisanen im Zweiten Weltkrieg.

Darauf stehen die Namen aller Gefallenen und einiger überlebender Freiheitskämpfer aus der Region.

Kroatische Neofaschisten hatten es vor einigen Jahren zertrümmert – so wie das große Partisanendenkmal von Mostar im Vorjahr.

Auf Initiative von Demir Mahmutćehajić haben es örtliche Antifaschisten wiedererrichtet, so gut es eben ging.

Keine hundert Meter weiter hat die Stadt Stolac Ivan Musić ein Denkmal errichtet, dem, wie es auf der Gedenktafel heißt, „Befreier von Stolac von der jahrhundertelangen osmanischen Sklaverei“.

Das ist eine interessante Interpretation der Geschichte.

Der Franziskaner Musić war einer der lokalen Anführer des Aufstandes gegen die Osmanen, der dazu führte, dass das Osmanische Reich die Verwaltung Bosniens 1878 an Österreich-Ungarn abtrat.

Nur, 1878, als alles vorbei war, schwang er sich ungebetener- wie bewaffneterweise mit seinen Freischärlern zum Herrscher von Stolac auf und errichtete eine Terrorherrschaft, bevor die kuk-Armee die Hercegovina erreichte.

Die österreichisch-ungarische Armee stellte einen Haftbefehl gegen den mittlerweile abtrünnig gewordenen Priester Musić aus.

Der floh mit seiner serbischen Frau nach Beograd, wo er zehn Jahre später starb.

Der einzige Zweck dieses Denkmals ist, dass kroatische Nationalisten die Muslime ärgern wollen.

Auch sonst lässt die Bürgermeisterpartei, die kroatische klerikalnationalistische HDZ, kaum eine Möglichkeit aus, um zu provozieren.

Im Vorjahr ließ sie im Stadtzentrum ausgerechnet am 25. November auslandskroatische Fahnen hissen. Das ist der Tag der bosnischen Staatlichkeit.

Auf dem Weg zur so genannten Altstadt, einer von den Osmanen errichteten und von den Österreichern ausgebauten Festung, hat sie einen Kreuzweg genehmigen lassen.

Der hat, soweit erkennbar, nur sechs Stationen statt der üblichen zwölf.

Verziert sind die Stationen interessanterweise mit Motiven, die teilweise an die Motive der Stećci erinnern, der mittelalterlichen Grabsteine, die es nur in Bosnien und einigen angrenzenden Gebieten gibt. (Mehr siehe HIER.)

Im Inneren der Festungsruine steht am zentralen Platz ein überdimensioniertes Steinkreuz.

„Wir haben nicht den Platz für Nationalismus“

Ein Pensionistenpaar pflückt vom Kreuz unbeeindruckt Kräuter. „Daraus machen wir Tee“, erzählt mir Mugdim. Der 84-Jährige ist wie seine Frau Amra (beide Namen geändert, Anm.) in Stolac geboren worden.

Seit Jahrzehnten leben sie etwas weiter nördlich in Jajce. Mugdim hat dort lange im Wasserkraftwerk gearbeitet. Das alte Haus in Stolac nutzen sie als Sommer- und Wochenendhaus.

Mich laden sie auf einen Kaffee ein.

„Ja, so wie früher ist es sicher nicht mehr. Vor dem Krieg, da war es egal, wer du bist“, sagt Mugdim. „Manchen geht’s heute nur mehr darum.“

„Manchmal kommt es einem vor, als ob die Zeit seit dem Krieg stillstehen würde“, sagt Amra. „Dabei ist das so eine kleine Stadt. Wir haben nicht den Platz oder die Zeit für Nationalismus.“

Büste des Dichters Mak Dizdar im Stadtzentrum von Stolac

Einige der alten Freunde aus der alten Zeit gibt es noch, sagen sie. Aber die werden immer weniger. Mit den Jüngeren haben sie als pensionierte Teilzeit-Stolacer wenig Kontakt. „Das mit den getrennten Schulen ist keine gute Idee“, sagt Mugdim.

Man kann auch nicht behaupten, nationalistische Kroaten seien die einzigen mit passiv-aggressivem Verhalten. In der Ulica Kralja Tomislava haben Unbekannte die Hausnummernschilder übermalt.

„Ich könnte jederzeit weg. Ich bleibe, weil ich will“

„Es ist hier sicher nicht alles in Ordnung“, schildert Aktivist Demir Mahmutćehajić. „Aber wir haben hier seit mehr als zehn Jahren keine gewalttätigen Auseinandersetzungen mehr gehabt. Das ist auch schon einmal etwas.“

Demir Mahmutćehajić

Es ist schwer, Demir in wenigen Sätzen zu beschreiben. Er ist Unternehmer, Biobauer, Antifaschist, mal mehr, mal weniger organisierter linker Sozialdemokrat, Menschenrechtsaktivist, Philanthrop und Tierfreund.

Zuletzt hat er ein Haus für eine ausgegrenzte Roma-Familie gekauft und den Straßenhunden von Stolac auf seinem Grundstück eine neue Heimat gegeben. In Sarajevo baut er gerade ein Kundennetz für seine Biolebensmittel auf. Jede Woche fährt er zweimal hin. Eine Fahrt dauert gut drei Stunden.

„Ich könnte es mir leicht machen und gehen“, sagt Demir. „Ich bin auch britischer Staatsbürger, ich könnte mit meiner Familie jederzeit weg. Ich bleibe, weil ich will.“

Das ist selten in Bosnien. Hier geht, wer kann.

Es gibt etwas Aufschwung in Stolac

„Klar, bei den größten Parteien im Ort bin ich nicht sonderlich beliebt, das macht es für viele Projekte schwer. Ich glaube aber, dass man auch hier etwas verbessern kann. Und es geht aufwärts in Stolac“, schildert Demir beinahe enthusiastisch.

Der Tourismus sei heuer in der Stadt an der Bregava so gut gewesen wie nie. Es gibt ein neues Hotel und ein Projekt für einen Solarpark in der Gemeinde.

Die Stadt hat auch einiges zu bieten.

Das Flüsschen Bregava mit seinen Wasserfällen, den vielen Kanälen und Fischteichen, die hercegovinischen Berge, eine der größten bekannten Stätten von Stećci, die den bekannten bosnischen Dichter Mak Dizdar zu einigen seiner Gedichte inspirierten, und ein Museum in seinem Geburtshaus.

In den vergangenen Jahren hat es ein wenig Fortschritt gegeben nach Jahrzehnten des Stillstandes.

Vielleicht wird sogar der Busbahnhof renoviert. Seine Ruine steht gegenüber dem neuen Hotel.

Seltsamerweise halten sich die Busfahrer bei den allzuseltenen Fahrten nach Mostar oder Trebinje immer noch an das alte System.

Ausgestiegen wird am Parkplatz, neue Passagiere dürfen nur auf den Busbahnsteigen einsteigen.

Ganz so, als hätte der Busbahnhof noch Schalter und eine Dispo.

Dieser Schandfleck sei aber nicht typisch, sagt Demir. „Man merkt, den Menschen geht es langsam etwas besser. Das verringert auch die Spannungen, die es hier im Ort gibt.“

Die Probleme beginnen, wenn Jugendliche einen Arbeitsplatz brauchen

An den getrennten Schulen könne man aktuell nichts ändern, aber die Kinder würden großteils gut miteinander auskommen.

„Sie spielen und lachen miteinander, und wenn sie Teenager sind, trinken und schlafen sie miteinander.“

Die Probleme würden erst anfangen, wenn die Jugendlichen 16 oder 18 sind.

„Dann brauchen sie eine Lehrstelle oder einen Arbeitsplatz. Beides kriegst du nur sehr schwer, wenn du nicht bei der richtigen Partei bist.“

Balkanische Realität, in Bosnien verdoppelt oder verdreifacht, je nachdem, wo man gerade ist.

„Die katholischen Jugendlichen hängen sich an die HDZ dran, die muslimischen an die SDA. Und dort erst lernen sie, dass „die Anderen“ irgendwie böse sind und man ihnen nicht vertrauen kann.“

Zusätzlich zu diesen beiden nationalistischen Parteien unterhält die SNSD ein kleines Büro, um ethnisch serbische Stimmen zu fischen. Die SNSD ist die nationalistische Regierungspartei der Republika Srpska, des zweiten bosnischen Teilstaates.

Deren Präsident und SNSD-Vorsitzender, Milorad Dodik, hat erst vor kurzem wieder in den Raum gestellt, dass sich die RS von Bosnien abspaltet.

In Stolac spielt die SNSD eine untergeordnete Rolle.

Für die Normalen jeglicher Religion oder Nicht-Religion gibt es hier die SDP, die Partei, für die auch Demir im Gemeinderat gesessen ist, und einige unabhängige Kandidaten und Splitterlisten.

Die Zersplitterung erschwert den Kampf gegen den Nationalismus, von dem vor allem HDZ und SDA gut leben. Nicht nur in Stolac, aber hier besonders gut.

Was der Propaganda der HDZ Auftrieb gibt, ist, dass in ganz Bosnien die Katholiken in Scharen auswandern. Sie bekommen praktisch automatisch auch die kroatische Staatsbürgerschaft und haben so eine Niederlassungs- und Arbeitsbewilligung in der EU.

In einigen bislang kroatischen Kleinstädten in der Federacija war die Auswanderung so stark, dass mittlerweile die Bosnjaken dort die Bevölkerungsmehrheit stellen.

Damit kann man Ängste schüren.

Migration begünstigt HDZ

Stolac ist hier eine Ausnahme.

Seitdem bosnisch-kroatische Truppen die Stadt im Krieg eroberten, ist die Zahl der hier ansässigen Katholiken von 5.600 auf 8.500 gestiegen. Die Zahl der Muslime in der ehemals mehrheitlich bosnjakischen Stadt sank von 7.400 auf 5.500. Ethnische Serben sind fast ganz aus Stolac verschwunden.

So zumindest die jüngste Volkszählung aus dem Jahr 2013.

Heute sehen die Zahlenverhältnisse vermutlich etwas anders aus. Wahrscheinlich haben sie sich nicht zuungunsten der HDZ entwickelt.

Auf einem Feld ein paar Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, ist eine neue Siedlung entstanden. Bewohnt wird sie fast ausschließlich von ethnischen Kroaten. Das erste segregierte Stadtviertel von Stolac.

„Sonst gibt es hier keine Stadtteile, wo nur eine Bevölkerungsgruppe wohnt. Dazu ist Stolac auch zu klein“, erklärt Demir.

Die Zuzügler sind vorwiegend ethnische Kroaten, die aus zentralbosnischen Gemeinden abwandern. Das sind die wenigen, die nicht in die EU ziehen.

Schwer abzuschätzen, wie das langfristig das Zusammenleben in Stolac beeinflussen wird.

Muharems Begräbnis schuf ein wenig Zusammenhalt

Demir zeigt sich zuversichtlich, dass die sanft positive Entwicklung in seiner Heimatstadt weitergeht. „Wenn Menschen Perspektiven sehen, sind sie nicht mehr daran interessiert, dem Nachbarn die Schuld zu geben.“

Ein wenig Zusammenhalt hat auch das Begräbnis von Muharem Frenjo geschaffen.

An der Trauerfeier nach muslimischem Ritus nahmen auch etliche katholische und orthodoxe Stolacer teil.

Spaltung hin oder her, als erstes Kind der Stadt nach dem Krieg war der beliebte Rennfahrer auch so etwas wie das Kind aller.

Sein Tod ging alle an.

Und mancher wird sich beim Begräbnis die Frage gestellt haben, warum man die 26 Jahre von Muharem mit gegenseitiger Angst und gegenseitigem Misstrauen verschwendet hat, und aus der gespaltenen Stadt nicht ein Stolac für alle gemacht hat.

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