Zwei Irinnen im Bus haben keine Erfahrung mit Grenzübertritten. Ein Albaner hofft auf ein bisschen Geschäft. Die Behörden machen ihm einen Strich durch die Rechnung. Von Albanien nach Montenegro zu reisen, ist unterhaltsam.
Vielleicht 100 Meter vor dem Grenzübergang in Muriqan steht er auf der Straßenseite.
Einsam, kalt, und auf einem schmalen Streifen zwischen Fahrbahn und Leitschiene, der weder als Fußweg noch als Pannenstreifen durchgehen kann.
Ein tragbarer Griller.
Wenn du ein bisschen in Albanien warst, weißt du: Hier soll Mais gegrillt werden.
Das machen sie gern, die Albaner.
Ob an irgendeiner Straßenecke in einem Stadtzentrum oder am Strand.
Irgendein Typ, meist etwas älter, stellt einen kleinen Griller auf, heizt ein, legt Maiskolben drauf, und verkauft sie.
Dass er eine Konzession hat, muss man nicht zwingend vermuten.
Und warum nicht an einer Grenze am Ende der Tourismussaison?
Muriqan-Sukobin zwischen Shkodra und Ulcinj ist sogar eine der wichtigsten Grenzstationen zwischen Albanien und Montenegro.
Da muss es ja zu einem Stau kommen. Irgendwann zumindest.
Wenn die Leute im Stau stehen, werden sie hungrig.
Wenn sie hungrig sind, kaufen sie gegrillte Maiskolben.
War heute offensichtlich noch nicht der Fall.
Es ist später Vormittag, der Griller ist noch kalt.
Der Grillmeister, konzessioniert oder nicht, ist weit und breit nicht zu sehen.
Die Sache mit den zwei Irinnen
Unser Minibus steht in der Kolonne. Momentan.
Es geht einigermaßen zügig voran.
„Sag, hat der Busfahrer deinen Pass abgesammelt?“, fragt mich Emerald.
Die junge Irin ist mit einer irischen Freundin auf einem Balkantrip.
Von Tirana bis Dubrovnik, so der Plan.
„Klar“, sag ich.
„Meiner ist im Rucksack im Kofferraum“, sagt Emerald.
„Meiner auch“, sagt ihre Freundin, die einen dieser schwer zu merkenden irischen Namen hat.
Dass man einen Pass brauchen könnte, um eine Grenze zu überqueren, ist den jungen Irinnen nicht ganz geläufig.
Sie sind bisher nur in der EU gereist.
„Das ist nicht gut“, sage ich. „Habt ihr eine offizielle Identitätskarte, ausgestellt von einer Regierungsbehörde bei euch? Damit kommt ihr vielleicht über die Grenze.“
Emerald kramt in der Geldbörse und holt eine Sozialversicherungskarte raus.
„Damit wird’s wohl nix“.
Schafft es Emerald rechtzeitig?
Der Schaffner unseres Minibusses ist schon ausgestiegen und Richtung Grenze vorgegangen.
Mit unser aller Pässe.
Rätselhaft, wie ihm nicht aufgefallen ist, dass er von den zwei Irinnen keine Reisedokumente bekommen hat.
Zumal wir vielleicht 14 Leute in diesem Minibus sind.
Sonst sind sie da sehr gründlich.
Will ja keiner, dass der Bus wegen so was an der Grenze aufgehalten wird.
Die Irinnen werden etwas panisch.
„Ich red mit dem Fahrer, dass ich unsere Pässe aus dem Gepäck hole“, sagt Emerald.
Mit einem Schulterzucken fährt der Fahrer rechts ran, bleibt stehen und steigt aus.
Am maislosen Griller sind wir mittlerweile vorbei.
Ich schaue zurück.
Immer noch kein Grillmeister.
Es geht zu schnell voran für ihn.
Für die zwei Irinnen auch.
Der Fahrer macht den Kofferraum auf.
Emerald kramt kurz herum. Man hört es in der Kabine.
Eine Minute später sehe ich sie durchs linke Fenster Richtung Grenze laufen.
Wir haben vielleicht noch 40 Meter.
Wer weiß, ob der Schaffner unsere Papiere schon abgegeben hat.
Blöde Situation für ihn.
Wie sieht denn das aus, wenn die Grenzer mitkriegen, dass er nicht alle Papiere abgesammelt hat?
Der muss ja morgen wieder rüber.
Und wenn sie das heute mitkriegen, schauen sie morgen sicher genauer hin.
Emerald erwischt ihn.
Die Frontex nimmt ein albanisches Auto auseinander
Der Fahrer sieht’s und setzt den Bus wieder in Bewegung.
20 Meter vor der Grenze lässt er Emerald wieder einsteigen.
„Geschafft“, meint sie und seufzt erleichtert.
Ich schau durch das Rückfenster – oder den kleinen Raum, den der Kofferraum dort freigelassen hat – und seh immer noch keinen Grillmeister.
Wir sind an der Grenze.
Zu meiner Erleichterung stelle ich fest: Es ist ein integrierter Grenzübergang.
Albanische und montenegrinische Grenzpolizei haben ihre Hütterl unmittelbar nebenbeinander.
Das spart Zeit.
Der Minibus bleibt stehen.
Sehr kurz, und es wirkt eher pro forma.
Die Türe ist offen.
Keiner schaut rein.
Wir werden auch nicht aufgefordert, auszusteigen.
Der Bus rollt weiter.
Auf der rechten Straßenseite auf der montenegrinischen Seite nehmen ein paar Leute der Frontex ein Auto mit albanischem Kennzeichen auseinander.
Es ist natürlich ein Mercedes.
Unser Fahrer fährt rechts ran und bleibt stehen.
Der Schaffner hüpft rein.
Quasi Mini-Schengen. Inoffiziell.
Während der Bus anrollt, gibt er uns unsere Papiere wieder.
Die Leute von der Frontex sind immer noch mit dem albanischen Mercedes beschäftigt.
In unseren Bus hat immer noch kein Grenzpolizist geschaut.
Weder ein albanischer noch ein montenegrinischer.
Ich habe in meinem Pass nicht einmal einen montenegrinischen Einreisestempel bekommen.
Emerald und ihre Freundin mit dem irischen Namen auch nicht.
Quasi Mini-Schengen. Inoffiziell.
Kein Wunder, dass es so schnell geht.
Kein Wunder, dass sich heute kein Stau bildet.
Kein Wunder, dass der Grillmeister bislang kein Geschäft gemacht hat.
Nicht, dass einen Klein-Schengen am Balkan stören würde.
Mich als Viel-Balkanreisender am allerwenigsten.
Da nehm ich es gern in Kauf, dass ein Maisröster an einem Grenzübergang um sein Geschäft umfällt.
Nur, wenn’s nicht offiziell ist, ist das auch irgendwie bedenklich.
Wir sind von einem Land mit Grenzkontrolle in ein anderes Land mit Grenzkontrolle eingereist, ohne, dass es irgendwen interessiert hätte, wer in diesem Bus sitzt, und ob die Reisepässe auch von denen verwendet werden, deren Namen und Fotos drin sind.
Gleichzeitig nehmen Grenzpolizisten der EU unter erzwungener Duldung der montenegrinischen Behörden einen albanischen Mercedes auseinander.
Das stärkt nicht gerade mein Vertrauen in den Rechtsstaat. Weder in den montenegrinischen noch in den albanischen.
Und ich denk mir: Die Emerald hat sich da ganz umsonst den Stress angetan mit den Reisepässen.
Hätt sie nix gemacht, es wär niemandem aufgefallen.
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