Die Schande von Stolac

Kroatische Nationalisten stören in Stolac in der Hercegovina die Feiern des bosnischen Tags der Staatlichkeit am 25. November. Mit dem Tag gedenkt das Land der Ausrufung Bosniens als eigenständiges politisches Gebilde am 25. 11. 1943. Das scheint die Stadt Stolac zu stören, die von der klerikalnationalistischen HDZ dominiert wird.

Man traut seinen Augen nicht.

An einem der höchsten Feiertage Bosniens ein Fahnenwald im Zentrum von Stolac in der Hercegovina.

Und nicht nur keine einzige bosnische Fahne. Sondern nur leicht abgewandelte kroatische Fahnen.

Dokumentiert hat das Gorčin Dizdar, Leiter der Mak Dizdar-Stiftung mit Sitz in der Kleinstadt.

Foto: Gorčin Dizdar

„Ich danke der Stadtverwaltung, dass sie uns an den heutigen Tag der Staatlichkeit erinnert und daran, wessen Stadt das ist“, kommentiert Gorčin sarkastisch.

Offiziell rechtfertigt die Stadtverwaltung die Fahnen mit der Fußball-WM in Qatar. Dort tritt auch das kroatische Team an.

Das erklärt freilich nicht, warum es am 25. November, dem bosnischen Tag der Staatlichkeit, keine einzige bosnische Fahne auf der Brücke hängt.

Oder warum überhaupt die Brücke beflaggt ist.

Normalerweise hängen dort überhaupt keine Fahnen.

Und WM hin oder her – unschuldig ist dieser Fahnenwald in mehrfacher Hinsicht nicht.

Das Spiel mit den Fahnen

Seit jeher markieren Nationalisten jeglichen Fahrwassers in Bosnien „ihre“ Dörfer und Städte mit Fahnen.

Im serbisch dominierten Teilstaat Republika Srpska sind es vertikal gehängte serbische Fahnen ohne Adler, die gern auch mehr oder weniger unmotiviert in der Gegend herumstehen. Offiziell ist das die Fahne der RS.

Bosnjakische Nationalisten verwenden gerne die „alte“ bosnische Fahne mit der bosnischen Lilie.

Kroatische Nationalisten hissen vor allem in mehrheitlich katholischen Dörfern in Zentralbosnien und Teilen der Hercegovina entweder die kroatische Fahne oder eine entschärfte Variante der „Republik Herceg Bosna“.

Das ist die kroatische Fahne ohne die stilisierten Zacken der Königskrone.

Herceg Bosna nannten kroatische Nationalisten das Territorium, das sie im Bosnien-Krieg in den 90-ern von Bosnien abspalten wollten.

Diese Fahnen sind es, die in Stolac hängen. Am Tag, den man getrost als bosnischen Tag der Einheit bezeichnen könnte.

Auch das eher kein Zufall.

Was am Dan državnosti gefeiert wird

Der 25. November ist der Jahrestag der Ausrufung Bosniens als eigenständiges politisches Gebilde durch den Antifaschistischen Rates zur Befreiung Bosniens (AVNOBiH) im Jahr 1943.

Dieser Beschluss war eine Vorleistung auf die Neugründung Jugoslawiens als demokratischer und vor allem förderativer Staat durch die AVNOJ vier Tage später in Jajce.

Bosnien hatte schon im Königreich Jugoslawien jegliche Autonomie verloren. Es war unter den Teilstaaten Kroatien und Serbien aufgeteilt worden.

Kroatische und serbische Nationalisten reklamierten und reklamieren Bosnjaken seit dem 19. Jahrhundert als muslimische Kroaten bzw. Serben, viele leiten daraus territoriale Ansprüche ab.

Nach der Kapitulation Jugoslawiens schlugen die deutschen Besatzer Bosnien dem „Unabhängigen“ Staat Kroatien (NDH) zu. Der war ein Marionettenstaat des Deutschen Reichs und stand unter Kontrolle der kroatischen Faschisten, der Ustaša.

Mit der Ausrufung Bosniens als eigenständiges politisches Gebilde ermöglichte die AVNOBiH, dass bosnische Delegierte gleichberechtigt an der AVNOJ-Konferenz in Jajce teilnehmen konnten.

Seitdem wird der 25. 11. als Dan državnosti begangen, wörtlich Tag der Staatlichkeit.

Das wird die Spaltung nicht überwinden

Dass die Stadtverwaltung von Stolac unter Kontrolle der klerikalnationalistischen kroatischen Partei HDZ ausschließlich kroatische Fahnen hisst, ist im Licht der historischen Rahmenbedingungen mehr als ein Boykott des Gedenkens an die bosnische Einheit und Unabhängigkeit.

Es kann nur als Versuch gesehen werden, dieses Gedenken auszulöschen.

Und das in einer Gemeinde, in der der Nationalismus auch das Alltagsleben vieler Menschen prägt.

Auf der zentralen Kreuzung im Stadtzentrum etwa stehen kroatische Cafes auf der einen und bosnjakische Cafes auf der anderen Straßenseite. Katholiken gehen nur in „ihre“ Cafes, Muslime nur in „ihre“. Mini-Mostar, sozusagen.

Dass ausgerechnet am 25. November kroatische Fahnen flattern, wird diese Spaltung nicht überwinden.

Genausowenig wie die Tatsache, dass die Behörden des serbisch dominierten Teilstaats RS den 25. November seit jeher ganz boykottieren.

Titelfoto: MaGa, wikimedia commons, verwendet unter Creative Commons Attribution 3.0 Unported

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