Zwei bosnische Studentinnen bekommen Stipendien in Serbien, nachdem sie den Völkermord in Srebrenica geleugnet haben sollen. Der Fall zeigt, wie wenig sich serbische Nationalisten noch genieren. Sie sind nicht die einzigen, die sich in der Affäre fragwürdig verhalten haben.
Ein Foto von Ratko Mladić auf dem Instragram-Profil, die drei ausgestreckten Finger, die Tri Prsta, auf Social Media zum Jahrestag von Srebrenica.
Sehr subtil scheinen sich zwei Studentinnen der Kriminologie an der Uni Sarajevo nicht verhalten zu haben.
Das hat ihnen unter anderem eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen Leugnung bzw. Verherrlichung des Völkermords von Srebrenica eingebracht.
Und Studienplätze an der Uni Beograd samt einem Stipendium, vermittelt vom serbischen Geheimdienstchef Aleksandar Vulin und der Firma Sarajevo Gas aus der Republika Srpska (RS), dem serbisch dominierten bosnischen Teilstaat.
Die RS ist größter Aktionär des Unternehmens.
Verkündet in einer Pressekonferenz, die aus den mutmaßlichen Täterinnen unschuldige Opfer macht.
Auch einen Platz in einem Beograder Studentenheim kriegen die beiden zugewiesen.
Dass der Fall in Bosnien die Gemüter hochgehen lässt, sollte wenig überraschen.
Ganz nach dem Geschmack von Milorad Dodik
Ungeachtet der Tatsache, was die beiden Studentinnen tatsächlich getan haben, die nationalistische Regierung der Republika Srpska nützt die Gelegenheit, um die gesamtbosnischen Behörden bloßzustellen und gegen das Gesetz zu agitieren, das es unter Strafe stellt, den Völkermord von Srebrenica zu leugnen oder zu verherrlichen.
Unterstützt von Aleksandar Vulin, dem Chef der nationalistischen Splitterpartei „Sozialistische Bewegung“ in Serbien, ehemaliger Innenminister des Landes und Geheimdienstchef, seitdem seine Partei bei den Parlamentswahlen im Vorjahr aus dem Parlament flog.
Und, nebenbei, offenbar immer dabei, wenn es darum geht, das Andenken von Völkermörder Ratko Mladić hochzuhalten.
Suspendierung wirft Fragen auf
Auf der anderen Seite steht die Aufregungsmaschinerie der sozialen Medien und eine Entscheidung der Universität Sarajevo gegen die zwei Studentinnen.
Die Disziplinarkommission hat die beiden drei Jahre lang für das weitere Studium auf der Uni gesperrt.
Das ist voreilig.
Polizei und Staatsanwaltschaft haben erst ihre Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Völkermordverherrlicherinnen -bzw. leugnerinnen aufgenommen.
Der Fall passierte laut Medienberichten erst vor zweieinhalb Wochen.
Das erscheint reichlich kurz, um ein ordentliches Verfahren durchzuführen, in dem die Rechte der Verdächtigen gewahrt bleiben.
Zumal eines, an dessen Ende die härteste Sanktion steht, die die Universität Sarajevo laut ihren Statuten treffen kann.
Eine der beiden führt zu ihrer Verteidigung an, das Foto mit den tri prsta habe sie im Jahr 2021 auf Instagram gepostet.
Warum das jetzt zum Thema werde, wisse sie nicht.
Die tri prsta sind nie ein unschuldiges Symbol.
Sie sind eine eindeutig serbisch-nationalistische Geste.
Sie sind aber auch kein Hitler-Gruß und keine faschistische Parole wie „Za Dom Spremni“, das bei Neo-Ustaša so beliebt ist.
Die Geste ist an sich in Bosnien nicht strafbar, auch nicht im bosnjakisch-kroatisch dominierten Teilstaat Federacija.
Ein Foto mit den tri prsta zeugt nicht nur von einem offenkundigen Maß an Nationalismus sondern auch von sagenhafter Blödheit, wenn man gleichzeitig Studentin der Uni Sarajevo ist.
Die Betroffene nur wegen eines Fotos mit dieser Geste auszuschließen, erscheint an sich als überzogene Maßnahme – es sei denn, man kann nachweisen, dass es eine Reaktion etwa auf den Jahrestag des Völkermords von Srebrenica am 11. Juli war.
Das sollten sorgfältige Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft klären.
Das Mladić-Foto wird nicht geleugnet
Die Kollegin kann sich nicht so einfach aus der Sache herausreden.
Sie bestreitet nicht, dass sie ein Foto von Völkermörder Ratko Mladić auf ihrer Instagram-Seite geteilt hat.
Die Bosnjaken würden auch ihre Anführer hochhalten, da sei es nicht verwerflich, wenn sie als Serbin das auch mit einem serbischen Anführer tue, lautet ihre Rechtfertigung.
Das spätestens ist der Zeitpunkt, wo man sich als geistig gesunder Mensch fragt, wo man da gelandet ist.
Ein Foto von Ratko Mladić verherrlicht einen Kriegsverbrecher. Da muss man nicht mehr diskutieren.
Serbisch-nationalistische Medien wie Glas Srpske greifen die Rechtfertigung der Verdächtigen begierig auf – und skandalisieren, dass sich irgendjemand am Konterfei Ratko Mladićs stören könnte.
Der wird als „General der Armee der Republika Srpska“ bezeichnet.
Dass Mladić als Hauptverantwortlicher für den Völkermord von Srebrenica in Den Haag zu lebenslanger Haft verureilt wurde und seine Strafe absitzt, wird nicht erwähnt.
Eine nicht nur in diesem Zusammenhang möglicherweise nicht ganz unwichtige Information.
Die verdächtigen Studentinnen werden zu Opfern stilisiert
Milorad Dodik, Präsident der Republika Srpska, glänzt ebenfalls mit seiner gelinde gesagt einseitigen Interpretation der Ereignisse.
Die Studentinnen hätten sich, so die Zusammenfassung seines Arguments, einfach wie patriotische Serbinnen verhalten und seien Anfeindungen und Morddrohungen ausgesetzt gewesen.
Das zeige, dass die Multiethnizität Sarajevos nur eine falsche sei.
Tatsächlich hatte sich eine Protestbewegung an der Uni Sarajevo formiert, nachdem die Postings der beiden Studentinnen bekannt wurden.
Jemand, der Fotos von Ratko Mladić postet, gewinnt in Sarajevo keinen Blumenstrauß.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich die Disziplinarkommission der Uni Sarajevo in ihrer Entscheidung mehr von den Protesten hat leiten lassen als von sorgfältigen Ermittlungen.
Sollten die verdächtigen Studentinnen Morddrohungen erhalten haben, ist das vor allem der Empörungsmaschinerie sozialer Medien anzulasten als allfälligen antiserbischen Ressentiments.
Das passiert bedauerlicherweise seit geraumer Zeit etwa auch Frauen, die öffentlich darauf hinweisen, dass das Wort Frau eine sehr präzise Beschreibung für erwachsene Weibchen der Spezies homo sapiens ist.
Gut möglich, dass die Polizei in der Federacija nichts gegen diese Morddrohungen unternommen hat.
Das wäre im Fall des Falles auch anzuprangern.
Worum es Dodik geht.
Der serbische Geheimdienst scheint dennoch nicht wirklich zuständig zu sein in dieser an sich innerbosnischen Angelegenheit.
Welche Kreise diese Affäre zieht, zeigt vor allem, wie weit sich die nationalistische Führung der RS mittlerweile mit offenem Separatismus aus dem Fenster zu lehnen traut.
Milorad Dodik geht es nicht um die beiden Studentinnen.
Es geht ihm darum, zu zeigen, dass er machen kann, was er will.
Gleichzeitig wird offenkundig, dass trotz regelmäßiger Orgien an Ratko Mladić-Graffiti in Serbien die Unterstützung für die Umtriebe Dodiks in Beograd enden wollend ist.
Es ist bezeichnend, dass Aleksandar Vulin in der Affäre ausrückte und nicht Serbiens Präsident Aleksandar Vučić.
Inmitten der anhaltenden Massenproteste gegen seine Regierung inszeniert sich Vučić seit Monaten verstärkt als Beschützer aller ethnischen Serben in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens.
Die Affäre hätte ihm erlaubt, billig Punkte bei serbischen Nationalisten zu sammeln.
Dass er das nicht tut, mag viele Gründe haben, auffällig ist es allemal.
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