An der Zeit gemessen

Zeit messen ist langweilig. Auf den ersten Blick. Immerhin tun das ja die Uhr und der Kalendar ganz prima. Wenn man sich mit den Details beschäftigt, kann es sehr schnell sehr interessant werden. Etwa, wenn man die Entwicklung im deutschen Sprachraum mit der Entwicklung im ehemaligen Jugoslawien vergleicht. Leider fördert der Vergleich auch reichlich Bizarres zutage.

Jänner beziehungsweise Januar, Februar, März, Montag, Dienstag, Mittwoch – das ist selbstverständlich für uns.

In anderen Sprachen heißen die Tage manchmal anders, in seltenen Fällen auch die Monate, zumindest innerhalb Europas.

Das lernt man mit, wenn man eine fremde Sprache lernt, und denkt sich: Das war schon immer so. Eigennamen eben.

War es nicht.

Tages- und Monatsnamen haben sich im Lauf der Zeit erheblich verändert.

Wenn man das im Kopf hat, denkt man auch darüber nach, warum manche Namen für Zeiteinheiten in anderen Sprachen grundsätzlich anders sind als etwa im Deutschen oder im Englischen.

Ich etwa habe nach diesem Video des Youtube-Kanals Geschichtsfenster angefangen, nachzudenken, warum die Wochentage in der Sprache ohne Name so ganz anders sind als im Deutschen.

In Bosnien, Serbien, Kroatien und Montenegro heißen die Wochentage überhaupt nicht nach heidnischen Göttern.

Sie zeigen Spuren der Zeitrechnung, als der Sonntag der erste Tag der Woche war, auch wenn die Zählung selbst mit dem Montag beginnt.

Überhaupt steht hier die Zählung im Vordergrund, anders als auf Deutsch, Englisch oder Französisch.

Montag – Ponedjeljak. Tag nach dem Sonntag.

Dienstag – Utorak. Der Zweite. Leitet sich vom protoslawischen Wort vtori ab.

Mittwoch – Srijeda/Sreda: Die Mitte.

Donnerstag – Četvrtak. Der Vierte.

Freitag – Petak. Der Fünfte.

Samstag – Subota. Leitet sich von Sabbath ab.

Sonntag – Nedjelja. Leitet sich angeblich von ne dela ab (keine Arbeit). Wie man am Wort Ponedjeljak sieht, galt er früher als erster Tag der Woche. Auf serbischen Kalendern gibt es diese Einteilung teilweise bis heute, wie man es auch gelegentlich in Großbritannien und in Staaten mit protestantischer Bevölkerungsmehrheit sieht, vor allem in den USA.

Woher kommen die kroatischen Monatsnamen?

Sehr interessant sind auch die Monatsnamen.

Siehe auch Andrejs Video: Auch auf Deutsch haben die Kalendermonate nicht immer so geheißen, wie sie heute heißen.

Im Mittelalter gab es Bestrebungen, die als heidnisch geltenden Namen wie etwa Jänner/Januar und März auszutilgen.

Die Monate wurden nach Umständen benannt, die mit der jeweiligen Witterung zusammenhängen.

Das ist in slawischen Sprachen teilweise bis heute der Fall.

Der offizielle kroatische Kalender etwa verwendet bis heute die alten slawischen Namen. Dokumentiert ist das seit dem so genannten venezianischen Kalender aus dem Jahr 1611 von Matija Divković – dem ersten gedruckten Kalender im kroatischen Idiom.

Siječanj: Jänner/Januar.
Veljača: Februar.
Ožujak: März.
Travanj: April.
Svibanj: Mai.
Lipanj: Juni.
Srpanj: Juli.
Kolovoz: August.
Rujan: September.
Listopad: Oktober.
Studeni: November.
Prosinac: Dezember.

In den verwandten Idiomen in Serbien, Bosnien und Montenegro waren teils die gleichen Namen üblich, teils unterschieden sie sich etwas.

Grundsätzlich waren regionale Unterschiede größer als die – retrospektiven – nationalen. Siehe etwa hier.

In Bosnien unterschied sich zudem die offizielle Zeitrechnung der Osmanen nach dem islamischen Mondkalender von der Zeitrechnung beim Großteil der Bevölkerung, die nicht muslimisch war.

Üblich waren diese Namen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts in all diesen Gesellschaften.

Zurückgehen dürften die Namen auf früh- oder protoslawische Bezeichnungen. Was an sich eine sehr spannende Sache ist.

Auch wenn der Sinn der Namen ein ähnlicher ist wie etwa im deutschsprachigen Mittelalter, unterscheidet sich demnach die Entstehungsgeschichte offenbar erheblich.

Keine nationalistischen Umtriebe

Auf Bestrebung und unter großem Einfluss von Sprachreformer Vuk Karadžić wurde die Sprache ohne Namen je nach Interpretation modernisiert und standardisiert oder neu geschaffen.

Das gipfelte im Wiener Abkommen von 1850, an dem einige führende serbische und kroatische Intellektuelle und Sprachwissenschaftler mitwirken.

Die Reform von Vuk betraf teilweise auch die Zeitrechnung. Er führte die lateinischen Monatsnamen ein.

Im damals zum Habsburgerreich gehörenden Kroatien machte man diesen Teil der Reform nicht mit sondern standardisierte auf Basis der alten Namen.

Das unterscheidet sich erheblich von den nationalistischen Umtrieben, die es bei der Sprache in Kroatien unter den Ustaša gab und seit der Unabhängigkeit in den 90-ern wieder gibt.

Auch im sozialistischen Jugoslawien wurden in Kroatien die alten Namen verwendet.

Kroatische Antifaschisten haben in der Regel ebenfalls kein Problem, nach dem traditionellen Kalender zu datieren. Sie vermeiden sonst die zahlreichen nationalistischen sprachlichen Neuschöpfungen oder Wiederbelebungen.

Gleichwohl halten sich serbische Kroaten eher an die lateinischen und international gebräuchlichen Namen. Siehe etwa die übrigens explizit antinationalistische Zeitschrift Novosti, das von der offiziellen Vertretung der serbischen Kroaten betrieben wird.

Wie serbische Nationalisten einen eigenen Kalender erfinden

In Serbien sieht die Sache etwas anders aus.

Wer hier Details sucht, wann, wie und warum etwa die Monatsnamen im Kalender geändert wurden, landet schnell im nationalistischen Sumpf.

Siehe etwa diese Seite.

Die alten Monatsnamen werden hier mit Verschwörungstheorien verknüpft, die – wie üblich – belegen sollen, dass die Welt das serbische Volk unterdrückt, wenn sie sie nicht gar ausrotten will.

Demnach schreiben wir eigentlich das Jahr 7531 – nach dem angeblichen serbischen Volkskalender.

Dieser sei der älteste Kalender der Welt.

Seine Existenz belege auch, dass die kyrillische Schrift deutlich älter sei als die Schöpfung von Kyrill und Method aus dem 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung.

Die Kirche – in diesem Fall die orthodoxe – versuche, das zu unterdrücken. Sagt Milan T. Stevančević.

Gelegentlich sieht er auch den Vatikan verantwortlich. Wie der freilich Einfluss auf den explizit orthodoxen traditionellen Kalender genommen haben will, ist auf den ersten Blick nicht allen so klar wie Stevančević.

Stevančević gilt als „Entdecker“ dieses angeblichen angeblich unterdrückten alten Wissens und geht mit seiner Theorie seit beinahe 20 Jahren hausieren.

Er ist Diplomingenieur für Telekommunikation und Elektronik.

Inwiefern ihn das befähigt, angebliche historische Kalender zu entdecken und zu interpretieren, bleibt ungeklärt.

Stevančević verbindet seine Überlegungen über den serbischen Volkskalender gerne mit seinem zweiten Hobby, der Klimaforschung.

Beweise im engeren wie im weiteren Sinn des Wortes blieb er bislang schuldig.

Was nicht verhindert, dass der angebliche serbische Volkskalender eine halbe Subkultur serbisch-nationalistischer Verschwörungstheoretiker praktisch am Leben erhält.

Freilich scheint sie sich nicht der großen Beliebtheit zu erfreuen wie dieser bosnische Beitrag zur phantastischen Geschichtsschreibung in der Kategorie „Wer hat die älteste Kultur?“ Der hat es teilweise in den Mainstream geschafft.

Das macht den nationalistischen Unsinn vom uralten serbischen Kalender keinesfalls harmloser.

Wenn man nur ein wenig sucht, findet man auch seriöse Quellen zum serbischen Kalender. Etwa die Buchhandelksette Delfi.

Und wie immer sieht die Sache mit historischen Belegen etwas anders aus, als es Nationalisten darstellen.

Eine Empfehlung

Herzlichen Dank an Andrej von Geschichtsfenster, dass ich sein Video hier einbetten darf.

Auch sonst kann ich Geschichtsfenster besten Gewissens empfehlen. Andrej Pfeiffer-Perkuhn betreibt mit seinem Kanal lebendige und verständliche Wissenschaftsvermittlung.

Ich bin aus gutem Grund Abonnent und kann es nur jedem anraten, der sich für europäische Geschichte und vor allem für das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit in Mitteleuropa interessiert, oder dem ein sorgsamer Umgang mit Quellen ein Anliegen ist.

Gute historische Grundbildung, da sind sich Andrej und ich einig, sind das beste Mittel, um Nationalismus und anderen ähnlich gefährliche Strömungen zu bekämpfen.

Übrigens: Wenn man Glück hat, kann man dort gelegentlich auch historische Sachbücher gewinnen.

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