Punk Is Not Dead

Ein neues e-Zine in Sarajevo soll Subkulturen und kulturelle Nischen der bosnischen Hauptstadt sichtbar machen – und die widerständigen Künstlerinnen und Künstler des Landes einander näherbringen. Und vor allem: Den öffentlichen Raum zurückerobern. Die erste Ausgabe von Punkura* ist soeben erschienen.

Kleine Lichtpunkte im Dunkel von Nicht-Zeit und Nicht-Ort.

Inseln der Kreativität und des Widerstands im öffentlichen Raum, der in Bosnien wie anderswo öffentlicher Nicht-Raum durch Kommerzialisierung ist.

„Sarajevo wird zu einem Ort, den nicht nur die Vergangenheit heimsucht sondern auch die verlorenen Zukunften“, schreiben Nardina Zubanović and Adrian Pecotić im Editorial der ersten Ausgabe ihrer gemeinsamen Zeitschrift Punkura*.

Nardina Zubanović and Adrian Pecotić. (c) balkanartscence.com

54 Seiten stark ist das e-Zine geworden, und die leuchten die jüngere Vergangenheit der Stadt ebenso aus wie ihre verlorenen Zukunften – in möglichst vielen Aspekten und aus möglichst vielen Perspektiven.

Da nimmt uns Sam Sabourin auf einen urbex-Ausflug auf den Trebević mit, und Adis KutKut aka Billain erklärt den Lesern in einem Interview mit Nardina, die ihre Freunde Nina nennen, die bosnische DnB-Szene und warum Kultur ohne Subkultur nicht auskommt.

Breite Themenpalette in abwechslungsreichem Layout

Mit Dino Pepić gibt Bosniens erfolgreichster Skater Auskunft, was er an seinem Sport mag und warum es Skater nicht leicht haben in Sarajevo – zum Interview haben Nina und Adrian auch ein Video über die Skater-Szene Sarajevos erstellt.

Allround-Künstler Saša Džino steuert eine Kurzgeschichte bei, Musiker- und Organisatorenlegende Arnel Šarić schreibt auch für die erste Ausgabe von Punkura*.

Es ist eine breite und bunte Themenpalette, mit der das neue e-Zine seine Leser anspricht, und dazu gehören auch zahlreiche Bildbeiträge von Künstlerinnen und Künstlern mit Wurzeln in Sarajevo wie Mirza Čizmić – und nicht zuletzt auch Ninas Collagen. Sie sind der ästhetische Rahmen von Punkura*.

Sie war es auch, die neben der gemeinsamen Redaktion mit Adrian das Layout dieser Ausgabe übernommen hat.

Einige Seiten hab ich wirklich händisch als Bild-Collagen gemacht, aus Zeitungen ausgeschnitten, aufgeklebt und so weiter – so wie ich eben als Künstlerin arbeite. Auf Dauer wäre das aber zu teuer gekommen.“

Die Lücken der kapitalistischen Restauration

Ein Jahr Arbeit steckt in dieser ersten Ausgabe, erklären mir Nina und Adrian. Man sieht es Punkura* auch an.

(c) Nardina Zubanović

Ein Jahr kostenlose Arbeit, um genau zu sein. Nina und Adrian haben das neben ihren sonstigen Verpflichtungen gemacht, mit denen sie sonst die Rechnungen zahlen. Für beide ist es ein zentrales Projekt.

„Wir haben in Sarajevo kein wirkliches Kulturzentrum mehr“, erklärt mir Nina.

In Jugoslawien gab es in jedem Grätzel kleine Kulturzentren. In Bosnien sind sie mit wenigen Ausnahmen der kapitalistischen Restauration zum Opfer gefallen. Deren Landnahme durch architektonische Neuordnung war hier besonders brutal.

Auch in Sarajevo, das früher als kulturelles Zentrum Jugoslawiens galt.

Diese Lücke soll Punkura* ersetzen, sagt Nina. „Damit wollen wir nicht nur die Subkultur der Stadt sichtbar machen sondern auch die Künstlerinnen und Künstler einander näherbringen – und natürlich auch Kulturinteressierte jeden Alters zuammenbringen.“

Großen Wert legen Nina und Adrian auch darauf, dass nicht nur im eigenen Saft gekocht wird. Zu Wort kommen sollen auch Künstler und Intellektuelle, die im Krieg oder der Dauer-Misere danach anderswo ihr Glück gesucht und gelegentlich gefunden haben.

Wenn Kommerzialisierung den öffentlichen Raum in Sarajevo schon zum Nicht-Ort gemacht hat, hat das auch Vorteile: Nicht-Räume haben keine Grenzen.

Was Punkura* in seiner ersten Ausgabe erst andeutet, ist die spannende Frage, wo die Grenze zwischen Kultur und Subkultur zu ziehen ist. Also wann die Subkultur zur Kultur wird.

Skaten etwa ist praktisch überall Jugend- und Subkultur. Und gleichzeitig olympische Disziplin. Und als Mainstreamsport eben auch schon wieder Kultur.

Die Frage ist nicht nur für Kultur- und Politikwissenschaftler interessant. Immerhin geht es auch um das Selbstverständnis der Betroffenen selbst, um gesellschaftliche Anerkennung, und natürlich auch darum, ob Verlage oder Galerien genauer hinschauen, kurz: Ob man mit seinem Beitrag zur Kultur und zum Zusammenleben einer Stadt einmal seine Rechnungen bezahlen kann. Oder wenigstens Teile davon.

Auch in reichen Ländern ist das schwierig genug, im ehemaligen Jugoslawien ist es auch für die meisten etablierten Künstlerinnen und Künstler ein großer Traum.

Geld ist keines da, außer für korruptionsanfälle Prestigeprojekte – die einen Sinn haben mögen oder auch nicht. Da braucht man niemanden, der, wie Künstlerinnen und Künstler das eben definitionsgemäß tun, sich Gedanken über Gesellschaft und öffentlichen Raum macht.

Was andererseits erklärt, warum Künstler hier besonders verbissen um jeden Quadratmeter öffentlichen Raumes kämpfen und Korruption und die Gängelung der Gesellschaft durch die politische Klasse anprangern.

Man denke etwa an Sergej Trifunovićs leidenschaftlichen Kampf gegen Aleksandar Vučić.

Auch wenn Punkura* kein e-Zine gegen einen bestimmten Politiker oder eine bestimmte Partei ist – in einem gewissen Sinn ist es Sergejs Kampf gegen das System im Kleinen.

Spendenaktion soll langfristiges Erscheinen des Blattes sichern

In den nächsten Ausgaben wird der alltägliche Kampf der Bewohner Sarajevos um Parks und andere öffentliche Plätze eine größere Rolle spielen als dafür in dieser Ausgabe Platz gewesen wäre. Und ebenfalls, wie sich Menschen in unterschiedlichsten Positionen ein kleines Stücken dieses Raumes zurückholen.

(c) Nardina Zubanović

Dafür muss freilich auch langfristig die finanzielle Zukunft von Punkura* gesichert sein.

Als Macher eines widerständigen Blattes haben Nina und Adrian wenig Illusionen, dass ihnen Subventionen oder Werbegelder zufließen werden.

Einzig die Druckerei PRINTMANIA sponsert das ehrgeizige und notwendige Projekt bislang.

Die beiden haben auf der Spendenplattform IndieGoGo Leser und Kulturinteressierte zum Spenden aufgerufen.

Für besonders großzügige Spender gibt es auch ein paar coole Gimmicks. Und eine Printausgabe von Punkura*.

Aus finanziellen Gründen ist die erste Ausgabe noch hinter einer Paywall. Ausschnitte und künftige Ausgaben findet ihr am Instagram-Kanal von Punkura*.

Dieser Beitrag ist zuerst bei KOSMO erschienen.

Titelfoto: (c) Nardina Zubanović


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