Eine Vereinigung und eine Trennung

Am Dienstag ist die wohl umstrittenste Brücke Kroatiens für den Verkehr freigegeben worden: Die Pelješac-Brücke. Sie verbindet Dubrovnik mit dem Rest des Landes – und schneidet symbolisch das kleine bosnische Küstenstück bei Neum vom Meer ab. Kommentar über das Für und Wider einer Brücke.

Seit Dienstag ist es offen, das Ungetüm.

Seit Dienstag rollen tausende Autos und Reisebusse über die Pelješac-Brücke.

Vorbei an der Magistrale im bosnischen Neum.

Die wohl teuerste Umgehungsmaßnahme einer Brücke aller Zeiten.

Das Ungetüm hat mehr als 400 Millionen Euro gekostet. (Mehr Details erfahrt ihr HIER.)

Es wären deutlich mehr gewesen, hätte die kroatische Regierung nicht eine chinesische Firma beauftragt.

Ob chinesische Häftlinge das mehr als zwei Kilometer lange Bauwerk errichtet haben, wird sich kaum verlässlich recherchieren lassen.

In Neum war man davon schon vor zwei Jahren überzeugt.

Das ist kein Beweis, dass die Behauptung stimmt*.

Den Neumern verstellt die Brücke auch die Sicht aus ihrer kleinen Bucht auf die Adria.

Da werden auch die sehr kroatischen Neumer Kroaten manchmal sauer.

Die es einen sonst ja nicht vergessen lassen, dass an diesem kleinen bosnischen Küstenstück die Katholiken das Sagen haben und man zumindest ideell auf kroatischem Gebiet ist, Staatsgrenze hin oder her.

Insofern ist diese Brücke wieder mal ein Akt der Rücksichtslosigkeit einer kroatischen Regierung gegenüber einem Nachbarstaat mit prekärem Meerzugang.

Siehe Bucht von Piran.

Nur ist es nicht nur das.

Es gibt rationale Interessen hinter der Brücke

Geht es bei Piran nur darum, den Slowenen das Leben schwer zu machen, ohne, dass Kroatien irgendeinen erkennbaren Vorteil hätte, geht es bei der Pelješac-Brücke auch darum, Dubrovnik mit dem Rest Kroatiens zu verbinden.

Bislang war die touristisch bedeutendste Stadt des Landes eine Enklave, eingekeilt zwischen Bosnien und Montenegro.

Am Landweg nur zu erreichen, wenn man eine Grenze passierte. Mit allen Kontrollen, die dazugehören.

Die Ambitionen Kroatiens, dem Schengener Abkommen beizutreten, haben die Sache nicht besser gemacht.

Haben sie früher nur auf einer Seite die Pässe kontrolliert – und oft nicht mal streng -, mussten sie das seit dem Vorjahr auf beiden Seiten Neums machen.

Passkontrolle.

Zehn Kilometer Fahrt.

Passkontrolle.

Mit einem vollen Reisebus macht das bis zu einer Stunde für zehn Kilometer aus.

An einem guten Tag.

Mit der Brücke fällt das weg.

Dubrovnik ist problemlos auf dem Landweg zu erreichen.

Das sind durchaus rationale Interessen.

Man sollte nicht so tun, als würde es die nicht geben.

Eine der vielen kleinen Wunden des Zerfalls von Jugoslawien

Für Neum werden die Auswirkungen überschaubar bleiben.

Sicher, attraktiver wird die Stadt mit dem Ungetüm am Ende der Bucht nicht.

Aber, so interessant Neum für Reisende auch sein mag, wegen der Schönheit der Stadt ist dort noch nie ein Tourist hingefahren.

Es wird deutlich weniger Verkehr auf der Magistrale geben. Das ist überwiegend positiv.

Der Durchzugsverkehr zog dort immer nur durch. Stehengeblieben auf einen schnellen Kaffee sind vielleicht eine Handvoll Autofahrer am Tag.

Es stehen auch nicht allzuviele Lokale auf der Magistrale.

Kroatische Linienbusse machen in Neum seit jeher nicht Halt. Würden sie das tun, würden sie als internationale Buslinien gelten und bräuchten eine neue Lizenz.

Ist den Aufwand kaum wert.

Immer wieder wird in Bosnien lanciert, man sollte doch einen Meereshafen bauen. Die Brücke würde diese Pläne kaputtmachen.

Das ist Unsinn.

Platz für einen großen Hafen auf bosnischem Hoheitsgebiet hast du in der Neumer Bucht nicht.

Es reicht gerade mal für eine Anlagestelle für Kreuzfahrtschiffe. Da passen auch sehr große unter der Brücke durch.

Erst vor kurzem hat das erste dieser Riesenschiffe in der Stadt angelegt.

Die Aufregung war groß. In Neum freut man sich noch über solche Anblicke. Mal sehen, wie lange.

Jedenfalls widerlegt dieses Ereignis die Befürchtung, Bosnien sei faktisch von internationalen Gewässern abgeschnitten.

Faktisch nicht. Wohl aber symbolisch.

Auch das schmerzt.

Eine der vielen kleinen Wunden, die der Zerfall Jugoslawiens auch nach 30 Jahren verursacht. Wo eine Brücke zugleich vereint und trennt.

Titelbild: Pelješki most, Creative Commons, Autor: Ponor

*Dieser Bericht auf 24sata.hr legt nicht nahe, dass die chinesischen Arbeiter Häftlinge oder Zwangsarbeiter waren. Die würde man wohl kaum für Interviews zur Brückeneröffnung reisen lassen. Die Arbeitsbedingungen waren freilich offenbar extrem hart.

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