Die ehemalige Lehrerin Eva Novotny setzt sich seit fast 30 Jahren für Menschen ein, die aus ihrer Heimat fliehen müssen. Begonnen hat ihr Engagement während des Kriegs in Bosnien. Das Wiener Magazin KOSMO lässt die Flüchtlingshelferin in einem ausführlichen Interview zu Wort kommen.

KOSMO: Wie kam es dazu, dass Sie begannen sich für Flüchtlinge einzusetzen?
Eva Novotny: 1992 hörten wir im Radio regelmäßig was im damaligen Jugoslawien los war. Eines Tages kamen zwei Busse mit 60 Flüchtlingen in unserem Ort an, von denen die meisten aus Kozluk, einem bosnischen Dorf bei Zvornik stammten. Ein Großteil von ihnen reiste ohne Kleidung oder Schuhe an – eben so, wie sie abtransportiert wurden. Man quartierte sie anschließend in einem Kloster in der Nähe ein. Da die Schwestern maßlos überfordert waren, entschloss ich mich, meine Hilfe anzubieten.

Aus welchem Grund haben Sie diesen Entschluss gefasst?
Von klein auf wurde mir beigebracht, meinem Nächsten zu helfen und diese Flüchtlinge waren in diesem Fall meine Nächsten, da sie in meinen Ort kamen und auf Hilfe angewiesen waren.

Wie gestaltete sich ihre Unterstützung?
Ich holte mir tagsüber immer zehn bis 15 Jugendliche, mit denen ich gemeinsam bastelte. Wir verständigten uns ausschließlich übers Zeichnen und Vorzeigen, da weder sie mich noch ich sie verstand. Darüber hinaus erledigte ich viele bürokratische Wege für meine Schützlinge, wie zum Beispiel jene zur Fremdenpolizei, ich suchte Schulplätze bzw. Berufe und Lehrstellen für sie und lernte Deutsch mit ihnen. Abgesehen davon rief ich in meiner Schule ein Projekt gegen Fremdenfeindlichkeit ins Leben als ich mitbekommen habe, wie schlecht manche der Flüchtlinge behandelt wurden. Die Abneigung anderer Schüler ihnen gegenüber war in der Tat besorgniserregend. Samir, einer meiner Schützlinge, schrieb mir in einem Brief, dass keiner seiner Klassenkammeraden mit ihm sprechen wollte. Einer meiner österreichischen Schüler hingegen, weigerte sich sogar, sich auf einen Stuhl zu setzen, auf dem zuvor ein Junge aus dem damaligen Jugoslawien saß und zwar mit den Worten „Auf den Sessel, auf dem der Stinkate gesessen ist, da setz‘ ich mich nicht drauf“.

Welche Flüchtlingsgeschichte nahm sie bisher am meisten mit?
Es gab eine Zeit während des Krieges, als den Geflüchteten versucht wurde einzureden, dass sie sich im Ausland nicht zur Ruhe setzen dürften und stattdessen zurückkommen müssten, um ihr Land zu verteidigen. Trotz unserer Versuche jeden einzelnen zum Bleiben zu überreden, entschied sich ein junger Bursche zurückzukehren und an der Front zu dienen. Er fiel wenige Tage später! Es war erschütternd… Ich habe durch meine Zusammenarbeit mit diesen Menschen all ihre Verzweiflung aber auch ihre Hoffnung mitbekommen, eines Tages wieder nachhause zurückkehren zu können. Keiner dachte, dass sie bleiben würden. Deswegen haben sich viele auch in der ersten Schulstufe nicht angestrengt.

Welchen ihrer Schützlinge gelang es schließlich doch sich dank ihrer Hilfe gut einzuleben und hierzulande etwas aus sich zu machen?
Ein Junge namens Samir wohnte ein halbes Jahr bei meiner Familie und mir. In der Schule hatte er es schwer, doch inzwischen ist er Hauptschullehrer und Direktorstellvertreter. Ein weiteres Beispiel ist Anel, der ein wahres Firmenimperium über drei Landesgrenzen gegründet hat. In der Schule sagte man ihm aber auch, dass er den Lernstoff nicht schaffen würde. Sie sind es auch, die nach meiner Philosophie nun auch anderen helfen. Ich sage immer, dass man mir für meine Hilfe nicht dankbar sein muss, man soll das an andere weitergeben, was man bekommen hat. In diesem Sinne kümmert sich Samir um Menschen mit Behinderung und Anel entsandte 2015 etliche Hilfsgüter an die bedürftigen Flüchtlinge aus Syrien, die in Österreich ankamen.

Aber auch Ihre Hilfe und Unterstützung riss mit dem Ende des Jugoslawienkrieges nicht ab. Sie setzten sich auch weiterhin für Menschen aus Kriegsgebieten ein, die nach Österreich kamen?
Richtig, es hat nie aufgehört. Es ging weiter mit einem Kosovaren, den wir adoptierten, weil er abgeschoben hätte werden sollen. Wir nahmen ihn bei uns auf, was sich aufgrund seiner posttraumatischen Belastungsstörung und seinen damit verbundenen Angststörungen als besonders schwierig herausstellte. Erst durch eine Therapie, ging es ihm anschließend besser. Wir kauften ihm eine Wohnung und er hat inzwischen eine Familie gegründet. Bei den Flüchtlingen aus dem Jahre 2015 hätte ich gerne noch mehr getan, aber so viel wie früher bei den Bosniern, Afghanen und Afrikanern mit denen ich auch häufig wandern war und denen ich Österreich zeigte, kann ich nicht mehr machen. Ich stoße einfach langsam an meine Grenzen und es macht mich irrsinnig traurig, dass sich kein anderer findet, der jünger ist und sich ihrer annimmt.

Konnten Sie in Ihrer Arbeit mit den Geflüchteten aus den Neunzigern Unterschiede zu jenen aus Syrien, Afghanistan usw. feststellen?
Die Situation ist eine andere. Die Bosnier kamen in der Regel mit ihren Familien in Österreich an. Sie mussten auch kein Asylverfahren durchstehen. Automatisch war ihr Sicherheitsgefühl größer. Nicht so bei den Flüchtlingen, die 2015 einreisten, von denen die meisten Burschen familienlos ankamen. Ihre Sehnsucht nach ihrem Heim und vor allem ihren Müttern war und ist enorm. Darüber hinaus verfügten die bosnischen Flüchtlinge zumindest über eine Grundschulbildung, auf der man aufbauen konnte. Das Bildungsniveau der Afghanen beispielsweise ist um einiges geringer. Viele Syrer sind außerdem sehr streng mit ihren Frauen. Sie sehen es nicht gerne, dass diese außer Haus arbeiten. Eines haben aber alle gemeinsam: Das Problem der Anfeindung hierzulande.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Flüchtlinge bzw. Asylanten auf derart viel Ablehnung stoßen?
Man erwartet sich von Flüchtlingen damals wie heute, dass sie sich sofort anpassen, doch das ist schwerer als man denkt. Die älteren Bosnier beispielsweise bedankten sich nie für etwas, was bei den Österreichern alles andere als gut ankam. Auf der anderen Seite können sich Österreicher in Sachen Gastfreundschaft so einiges von den Südländern abschauen. Jede Kultur hat ihre Eigenheiten. Das Hauptproblem ist, dass meine Landsleute den Kontakt mit Asylanten sehr oft meiden, außer sie merken, dass sie ihnen im Garten oder anderweitig nützlich sein könnten. Auf der anderen Seite fühlen sich die Flüchtlinge in weiterer Folge unerwünscht und ziehen sich zurück.

Interessanterweise sind die „neuen“ Flüchtlinge auch bei vielen aus der Balkan-Community, die selbst aus Kriegsgebieten fliehen mussten, unbeliebt. Woran könnte das Ihrer Erfahrung nach liegen?
Ich vermute, dass einige der „alten“ Flüchtlinge Angst vor den neuen haben, weil sie befürchten ihre Jobs oder ihren hart erkämpften Status in der Gesellschaft zu verlieren. Darüber hinaus sind die neuen Flüchtlinge für sie auch Fremde, denen man nicht traut.

Wurden Sie für Ihre Arbeit jemals entlohnt bzw. geehrt?
Nein, ich habe nie einen Cent gesehen. Eigentlich war sogar das Gegenteil der Fall, da wir häufig Ausbildungen, Therapien oder Führerscheine unserer Schützlinge finanziert haben. Alles, was ich für die Flüchtlinge bekommen habe, war Geld, das ich durch den Verkauf meiner Bilder und Keramiken eingenommen hatte. Für einen Bosnier bekam ich staatliches Geld, das ich ihm, als er uns verließ, übergab. Geehrt wurde ich von der Gemeinde in Form einer goldenen Nadel. Mir wäre eine Unterstützung bei der Arbeit lieber gewesen.

Haben Sie Ihren Einsatz jemals bereut?
Nein, all das gab mir ein Gefühl von Zufriedenheit! Ich habe einst einen Brief erhalten, in dem stand, dass kein einziger Bosnier im Land bleiben würde. Zu sehen, dass doch so viele es geschafft haben, sich in Österreich ein gutes Leben aufzubauen und ich einen Beitrag dazu leisten konnte, erfüllt mich mit Freude.

Interview: Mariana Lukić

Das Interview mit Eva Novotny ist zuerst bei KOSMO erschienen. Ihr könnt es HIER nachlesen. Dort findet ihr auch etliche Fotos, die den Einsatz Eva Novotnys und das Leben ihrer Schützlinge dokumentieren.

Hier erscheint es mit freundlicher Genehmigung der KOSMO-Redaktion.

Titelbild: Eva Novotny, Foto: Kosmo