In Serbien formiert sich inmitten der Corona-Krise eine Protestwelle. Anders als im Westen wird sie nicht von Obskuranten und Rechtsextremisten dominiert. Nicht erfundene Verschwörungen sollen bekämpft werden sondern die Missstände im Land. Mitten in der nächtlichen Ausgangssperre haben sich Menschen aus ganz Serbien angeschlossen.

Pfiffe, Rufe, Kochlöffel gegen Kochtöpfe hallen zwischen den Hochhäusern in Novi Beograd hin und her, reihen sich unmittelbar an den abendlichen Applaus der Serbinnen und Serben für die Beschäftigten des gebeutelten serbischen Gesundheitssystems.

Es ist 20 Uhr 05, Sonntag.

Ein Video der kritischen unabhängigen Nachrichtenplattform Nova.rs gibt die Eindrücke aus verschiedenen Vierteln der serbischen Hauptstadt wieder.

Es hallt von Zemun bis Vračar, von Dedinje bis an die Donau.

Ähnliche Bilder gibt es aus verschiedenen Städten Serbiens, etwa aus Čačak in Zentralserbien.

Mal holen hörbarerweise zahlreiche Einwohnerinnen und Einwohner die Kochtöpfe auf den Balkon, mal sind sie eher vereinzelt.

Aufgerufen zum Protest hat Ne davimo Beograd, eine Bürgerliste, die aus der gleichnamigen Bürgerprotestbewegung in der serbischen Hauptstadt hervorgegangen ist.

(Mit) Lärm gegen die Diktatur heißt die Aktion, die am Sonntagabend Premiere hatte.

Protest gegen Missstände

Anders als viele rechtsradikal und obskurantisch unterwanderte oder gar dominierte Protestbewegungen wie in Österreich und Deutschland richten sich diese Proteste nicht gegen eingebildete Verschwörungen, beten nicht ein vorgebliches schwedisches Paradies herbei, leugnen nicht die Existenz eines tödlichen Virus, das weltweit mehr als 200.000 Menschen getötet hat.

Die Proteste richten sich noch nicht mal vorrangig gegen die Maßnahmen, die in Serbien die Pandemie eindämmen sollen.

Sie sind im Vergleich zu Westeuropa drakonisch, sperren die Leute übers Wochenende zuhause ein, verbieten, nächstens vor die Tür zu gehen.

Die Opposition fordert, die Ausgangssperren wenigstens am Wochenende aufzuheben – allerdings stellt sie nicht infrage, dass Social Distancing an sich das Virus eindämmt, wie das etwa eine gescheiterte Demo in Wien am Freitag versucht hatte.

Wohl aber spricht Ne davimo Beograd in einem Protestaufruf die Missstände im serbischen Gesundheitswesen an.

In serbischen Krankenhäusern und Altersheimen fehlt es an Schutzeinrichtungen. Die Beschäftigten riskieren, sich anzustecken – und sind eine Gefahr für Andere.

Daran ändert es auch nichts, dass in Serbien die Pandemie nach offiziellen Zahlen die Pandemie bisher halbwegs mild verläuft: Mit Montag galten etwas mehr als 8.000 Menschen als infiziert mit dem Corona-Virus, 162 waren seit Ausbruch der Krankheit an Covid-19 gestorben.

Allerdings gibt es im Land deutlich weniger Tests als etwa in Deutschland oder Russland.

Es täuscht auch nicht über die Missstände hinweg, wenn Serbiens Präsident Aleksandar Vučić medienwirksam medizinische Ausrüstung nach Italien fliegen lässt oder vor zwei Wochen die kritische Journalistin Ana Lalić von Nova.rs festgenommen wird, wenn sie schreibt, dass es im Spital von Novi Sad an grundlegender Schutzausrüstung mangelt.

Die Anklage gegen sie wurde erst am Montag eingestellt.

Dominanz von Vučić so groß wie nie

Das ist nicht das Einzige, was Kritiker aufbringt.

Präsident Vučić nutzt die Situation für sich, geht an die Grenzen seiner verfassungsmäßigen Vollmachten, inszeniert sich als die Verkörperung der Nation, die im Alleingang via TV die neuesten Maßnahmen verkündet.

Ministerpräsidentin Ana Brnabić, Vučićs Parteikollegin von der SNS, darf kaum mehr die Nebenrolle spielen, die ihr Vučić zugedacht hat, seitdem er Präsident wurde.

Journalisten sind nicht zugelassen bei Pressekonferenzen der Regierung oder des Präsidenten zur Krise.

Die Information vo Behörden wurde unter starke zentrale Kontrolle gestellt.

Kritische Medien sollen über einen Informationsboykott der Regierung an die Kandare genommen werden, werfen Kritiker Vučić vor.

Auch wenn die Wahlen verschoben wurden, die für Sonntag geplant waren: Dass kein Wahlkampf stattfindet, sehen in Serbien allenfalls treue Anhänger der Regierungspartei SNS.

Während die Opposition wegen der Corona-Krise den Wahlkampf schon vor Wochen eingestellt hat, dominiert der Präsident mit Auftritten allerorten und zieht die mediale Aufmerksamkeit auf sich.

Die Botschaft ist aus Sicht von Kritikern offensichtlich: Ihr habt alles der SNS zu verdanken und vor allem Aleksandar Vučić.

In der Krise werde offensichtlich, „dass in diesem Land alles von der Entscheidung eines Menschen abhängt, der nach Bedarf Doktor, TV-Moderator, Polizist oder Richter ist“, schreibt Ne davimo Beograd im Protestaufruf.

Kochtöpfe als bewährte Waffen gegen Diktatur

Mit der Aktion Lärm gegen die Diktatur reizt Ne davimo Beograd nicht nur den Aktionsrahmen aus, den Demonstrationsverbote und nächtliche Ausgangsverbote vorgeben.

Die Bürgerliste greift auch das Stilmittel aus den Protesten gegen Slobodan Milošević auf: Lärm mit Kochtöpfen machen.

„So hat es damals angefangen“, erinnert sich ein Teilnehmer der Großdemonstrationen, die im Jahr 2000 den Rücktritt des Potentaten erzwangen. Er lebt heute in Wien.

Am Sonntag beteiligten sich zwar Menschen aus dem ganzen Land an der Premiere der Protestaktion.

Von flächendeckendem Auftritt kann dennoch keine Rede sein.

„Ich habe nichts gehört, auch einige meiner Freunde nicht. Andere schon“, erzählt eine Beograderin gegenüber Balkan Stories.

Die Aktion scheint jedenfalls einiges an Luft nach oben zu haben.

Ob die Erinnerungen an die späten 90-er aussagekräftig sind, wird sich zeigen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Serbiens Zivilgesellschaft die Lage etwas zu optimistisch eingeschätzt hat.