Svi na ulice! Alle auf die Straße! Auch knapp vor dem Jahreswechsel kommen Beograd und Banja Luka nicht zur Ruhe. Zwei Protestbegewungen halten mit Massendemonstrationen den Druck auf ihre Regierungen hoch. Überraschend ist auch für die Organisatoren, dass der Zulauf zu wachsen scheint.

Revolution ist, wenn die unten nicht mehr wollen und die oben nicht mehr können.

Es wäre etwas verfrüht, in Banja Luka in Bosnien von Revolution zu sprechen.

Aber einen derartigen Zusammenbruch der Macht der Regierung des serbisch dominierten Teilstaats Republika Srpska (RS) und seiner Behörden hat es seit dem Bosnienkrieg nicht gegeben.

Aktuelle Bilder zeigen, wie auf dem zentralen Trg Krajine eine Großdemonstration samt Technik vorbereitet wird.

Es wird eine Kundgebung der Protestbewegung Pravda za Davida (Gerechtigkeit für David) sein.

(Über die Hintergründe von Pravda za Davida könnt ihr HIER nachlesen, HIER gibt es einen Überblick über die Entwicklungen der vergangenen Tage.)

Jener Protestbewegung, der der Innenminister Kundgebungen auf jenem Platz untersagt hatte.

Von Polizei, die den Platz wie in den vergangenen Tagen versucht abzuriegeln, ist nichts zu sehen.

Aber die Kundgebung hat auch noch nicht begonnen.

Polizeivorgehen war Eigentor

Die Versuche der Polizei, Pravda za Davida vor wenigen Tagen zu zerschlagen, haben sich als Eigentor erwiesen.

Seitdem Davor Dragičević, Sprecher der Bewegung, unter fadenscheinigen Begründungen festgenommen und am nächsten Tag auf öffentlichen Druck wieder freigelassen wurde, sind die täglichen Kundgebungen der Gruppe nur größer geworden.

Einen Eindruck, wie es Samstagabend zuging, vermittelt dieses Video von DW Bosna i Hercegovina-Korrespondent Dragan Maksimović.

Zudem gab es in fast ganz Ex-Jugoslawien nach der Polizeiaktion Solidaritätskundgebungen.

Sogar in Schweden haben Aktivisten des Mordopfers David Dragičević gedacht. Die Bewegung fordert, dass der Mord an David vor zehn Monaten in Banja Luka aufgeklärt wird.

Polizei und andere Behörden haben bei den bisherigen Ermittlungen eine zumindest fragwürdige Rolle gespielt.

Längst ist aus diesem Kriminalfall in ganz Bosnien das Symbol eines korrupten Staates geworden, der seine Bürgerinnen und Bürger im Stich lässt und ihnen keine Perspektiven bietet.

Die Entwicklung der vergangenen Tage scheint die Behörden der RS zu überfordern.

Am symbolträchtigen Trg Krajine haben Aktivisten von Pravda za Davida laut Bildern von Sonntagnachmittag auch wieder eine Gedenkstätte für David aufgebaut.

Die Polizei hatte eine erste symbolträchtige Stätte erst vor wenigen Tagen medienwirksam entfernen lassen.

Und muss sich jetzt, ausgerechnet in der eher autoritären RS, offenbar von Pravda za Davida auf der Nase herumtanzen lassen.

Hier hätte man es am wenigsten erwartet. Vielleicht erklärt das die offensichtliche Hilflosigkeit von Innenministerium und Polizei.

Sie kriegen Pravda za Davida einfach nicht in den Griff.

Bis zu 70.000 Demonstranten in Beograd

Auch in Serbien ist es schon runder gelaufen für Staatspräsident Aleksandar Vučić.

Samstagabend gingen nach Angaben der Organisatoren bis zu 70.000 Menschen unter dem Banner der Protestbewegung 1od5miliona (Eine(r) von fünf Millionen) in der Innenstadt auf die Straße.

(Mehr über die Protestbewegung findet ihr HIER.)

Das sind gemäß diesen Angaben fast doppelt so viele wie in der Woche davor.

Anderen Angaben zufolge waren es um die 20.000. Was immer noch beachtlich wäre, wenn man bedenkt, dass es die vierte Woche in Folge ist, in der gegen Vučić demonstriert wird.

„Wir haben eine wöchentliche Party, wie 95 und 97“, kommentiert es Petar leicht ironisch.

Der Beograder hat sich in den vergangenen Jahrzehnten an zahlreichen oppositionellen Protesten gegen die jeweiligen Machthaber beteiligt.

„Die Stimmung war super“, schildert Dule. Der Serbe, der in Wien lebt, ist während seines Weihnachtsurlaubs bereits das zweite Mal in Folge bei 1od5miliona auf die Straße gegangen.

Andere Sympathisanten zeigen sich etwas zurückhaltender mit der Euphorie.

Die Opposition in Serbien liege darnieder. Es gebe niemanden, der eine glaubhafte Alternative zu Vučić darstellen könnten. Die Proteste könnten verpuffen.

Die Organisatoren haben jedenfalls auch für nächsten Samstag zu einer Kundgebung in der Beograder Innenstadt aufgerufen.

Massenproteste auch in Albanien

Massenproteste prägen auch das ausgehende Jahr in der albanischen Hauptstadt Tirana.

Am Freitag forderten nach Angaben des Portals LEFT EAST 15.000 Studierende kostenlose öffentliche Bildung und bessere Lebensbedingungen für Studentinnen und Studenten in Albanien.

Die Uniproteste dauern seit Anfang Dezember an. Sie dürften die mittlerweile größte Protestwelle in Albanien seit Anfang der 90-er sein, die nicht von einer politischen Partei organisiert wurde.

Titelbild: Screenshot.