Unter dem Titel Geteilte Geschichte versucht das Wien Museum, den Gastarbeitern der 60-er bis 80-er eine Stimme zu geben. Und zu vermitteln, dass diese Menschen die Stadt entscheidend geprägt haben. Balkan Stories hat eine Migrantin und einen Migranten aus Ex-Jugoslawien begleitet, als sie die Ausstellung besucht haben.

Dragoslav Weinfurter.

Was für ein Name!

Den merkt man sich.

Ein Name, wie ihn nur Dynamik erzeugen kann. Migration, zum Beispiel.

Sein Name kann als Symbol für die Migration der vergangenen 50 Jahre schlechthin gesehen werden.

Das einzige Beispiel in dieser Liga ist der serbische Rock-Musiker Jugo Honda.

Fairerweise: Jugo Honda heißt nicht Jugo Honda.

Er heißt Jugoslav Honda.

Dragoslav Weinfurter heißt wirklich so. Er ist der Eigentümer des Restaurants Beograd im 4. Wiener Gemeindebezirk.

 

Er kam 1969 in die Stadt. Als Kind von Gastarbeitern. Und erfuhr früh, was das heißt.

Er hat mit persönlichen Erinnerungsstücken und Erzählungen mitgeholfen, die Ausstellung Geteilte Geschichte im Wien Museum zu gestalten.

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Meine Begleiter

Auch die Biografien von Kati und Kokan sind typisch für die Migration seit den 1960-ern.

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Wie Dragoslav Weinfurter haben die beiden Wien mitgeprägt, seitdem sie hier sind.

Kokan ist 1989 aus Sarajevo in die Stadt gekommen. Bis zu seiner Pensionierung war er Autospengler.

„Österreich hat mir alles gegeben“, schwärmt er. „Als ich hierher gekommen bin, hab ich sofort einen Arbeitsplatz gehabt und der Chef hat mir eine Wohnung besorgt.“

Kati ist aus der ostserbischen Stadt Bor. Sie ist Sonderkindergartenpädagogin. Mittlerweile heißt das Inklusive Elementarpädagogin, klärt sie mich auf.

Kati ist keine klassische Gastarbeiterin. Sie kam nach dem Ende der Gastarbeiterepoche.

Sie ist seit 15 Jahren in Wien. Eigentlich um ihr Medizinstudium fortzusetzen.

Schwer gemacht hat ihr das erstaunlicherweise vor allem die Sprache. Heute würde man sie umstandslos für eine Serbin zweiter Generation halten.

Dass sie Migrantin ist, merkt man nicht an ihrem Akzent. Sie hat keinen. Man hört es daran, dass sie nur Hochdeutsch mit österreichischer Färbung spricht.

Kati entschloss sich dennoch zu bleiben. Und wurde Kindergartenpädagogin. Das Studium finanzierte sie sich als Kellnerin und mit anderen Aushilfsjobs.

Die Arbeitslosigkeit zuhause habe sie dazu gebracht, in Österreich zu bleiben.

Gastarbeiter erzählen ihre eigene Geschichte

Kokan tut sich etwas schwer, die Treppe in den ersten Stock zu bewältigen, wo Geteilte Geschichte gezeigt wird. Er hat es mit den Beinen.

Oben erwartet uns ein Saal voller Erinnerungsstücke, geteilt durch Videowalls. Auf ihnen erzählen Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei ihre Lebensgeschichte.

 

Ausnahmsweise sind es mehr Frauen als Männer.

Hunderte Objekte haben die Mitarbeiterinnen des Wien Museums unter Leitung von Kuratorin Vida Bakondy zusammengetragen.

Überwiegend sind es Fotografien und Briefe und einige Alltagsgegenstände.

 

Geholt als billige Arbeitskräfte

Dokumente geben einen Einblick, wie rechtlich prekär der Status der damaligen Gastarbeiter war.

Die waren zunächst ganz an einen Arbeitgeber gebunden. Ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ausbeutung war nicht selten.

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„Danach hat es auch positive Entwicklungen gegen für die Rechte von Migranten“, schildert Kati. „Aber mittlerweile sind wir wieder dort, wo wir damals waren.“

Die Objekte sind Leihgaben von Vereinen und Menschen, die in der Zeit zwischen dem Arbeitskräfteanwerbeabkommen mit der Türkei 1965 und Ende der 80-er nach Österreich gekommen sind.

Ursprünglich sollten diese Menschen nur ein, zwei Jahre bleiben. Sie sollten Aushilfstätigkeiten in der heimischen Industrie übernehmen, für die es damals zu wenige Arbeitskräfte gab.

Was sie zuhause gelernt hatten, war egal. Akademiker oder Facharbeiter als Hilfsarbeiter auf Baustellen, Buchhalterinnen als Putzfrauen – das kam schon vor.

Wenigen gelang der Aufstieg in der neuen Heimat. Etwa Dragoslav Weinfurter. Viele blieben in der Dequalifizierung gefangen.

Die Folgen in der Heimat

Kokan geht langsam und aufmerksam durch den Ausstellungsraum. Er sieht schlecht und müht sich mit den klein geschriebenen Beschreibungstexten ab.

 

Was geht, studiert er aufmerksam. Ebenso wie Kati. Sie verschlingt jede einzelne Textzeile.

Eine junge Besucherin bleibt vor der Fotowand stehen, die Familienerinnerungen zeigt. „Mama, komm bald zurück“ steht auf einem Bild.

„So ist es mir als Kind gegangen“, sagt sie. Sie schluckt sichtlich.

Nach einer kurzen Pause sagt sie: „Meine Eltern haben gedacht, sie bleiben nur ein paar Jahre hier. Während der Zeit war ich bei meinen Großeltern unten.“

Der Schmerz, den sie damals empfunden hat, ist für einen Moment wieder da.

Neben den Diskriminierungserfahrungen vieler Gastarbeiter, wie sie auch Dragoslav Weinfurter schildert, ist das die Schattenseite der Migration, die hierzulande ausgeblendet wird.

In Jugoslawien und in der Türkei waren die Auswirkungen der Gastarbeitermigration in ländlichen Gemeinden katastrophal.

Das dokumentiert etwa diese Tabelle, ein Exponat der Ausstellung Jugo, moja Jugo über jugoslawische Gastarbeiter vergangenes Jahr im Muzej Istorije Jugoslavije in Beograd.

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Aus Malo Crniće in Ostserbien etwa wanderten damals fast zwölf Prozent der Bevölkerung aus. Fast 70 Prozent gingen übrigens nach Österreich.

Auch aus Katis Heimatstadt Bor sind viele Menschen hierher gekommen, schildert sie. „Ich hab hier auch entfernte Verwandte“.

Die neuen Gastarbeiter

Waren es damals eher die handwerklich Geschickten vom Land, die auswanderten, sind es heute die akademisch Gebildeten, die die Nachfolgestaaten Jugoslawiens Jahr für Jahr zu Zehntausenden verlassen.

„Aus meiner Maturaklasse in Beograd leben mittlerweile auch schon drei oder vier Leute in Wien“, sagt Kati.

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Auch das alte Gastarbeiterkonzept gibt es heute wieder. Wenn auch nicht in Österreich und in Deutschland.

„Mein Bruder arbeitet auf Montage in einem Autowerk in der Slowakei“, sagt Denis, der etwas später zu uns gestoßen ist. Er ist nach dem Krieg aus Sarajevo nach Wien gekommen.

„In diesem Werk arbeiten praktisch nur Menschen aus Bosnien. Jeweils ein paar Monate, dann müssen sie wieder ausreisen.“

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600 Euro im Monat hätten sie seinem Bruder versprochen. „Gekriegt hat er die nie. Immer hat es nachher geheißen: Bei der Lackierung ist dir ein Fehler passiert, und bei der auch, das Geld ziehen wir vom Lohn ab.“

Dass slowakische Arbeiter kaum genug verdienten um zu überleben, lockte vor 15 Jahren Autoproduzenten in Massen in die Slowakei.

Mittlerweile geht es den Slowaken glücklicherweise besser und sie sind ihrerseits in der Position, die Ausbeutung durch westliche Konzerne an Menschen weiterzugeben, denen es schlechter geht als ihnen.

Katis Lieblingsstück

Kokan wirkt etwas müde. Er schaut die Lebensgeschichte einer ehemaligen Gastarbeiterin auf einer der Videowalls an.

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Zwei Vitrinen in der Ecke rechts hinter ihm zeugen von den mühsamen Reisen der Gastarbeiter nachhause.

Was heute zwei Exponate sind, half dem früheren Besitzer, die Fahrt in die Türkei zu überstehen.

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Kati entdeckt ihr Lieblingsexponat. Eine Single mit der jugoslawischen Hymne.

„Hej Sloveni“, fängt sie leise an zu singen und strahlt.

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Neben vielen bitteren Erinnerungen an schwierige und oft ungeplante Neubeginne in der Fremde vermag diese Ausstellung auch schöne Momente wachwerden zu lassen.

Was fehlt

Und doch, es fehlt hier etwas.

Die Ausstellung ist viel zu klein, um der Bedeutung der Gastarbeiter für Österreich und speziell für Wien gerecht zu werden.

Die Kuratorin hat eindrucksvolle Arbeit geleistet und viele persönliche Erinnerungen zutage gefördert.

Sie hat Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter zu Wort kommen lassen. Menschen, die sonst nie gehört werden.

Das ist ein nicht zu unterschätzender Verdienst und macht diese Ausstellung zu einem wertvollen Beitrag in der Migrationsdebatte.

Hinter all den Einzelschicksalen, den geglückten wie den missglückten, treten manche strukturelle Fragen aber leider zurück.

Wie sehr der heutige Wohlstand der österreichischen Volkswirtschaft den Gastarbeitern zu verdanken ist, wird nicht so richtig deutlich.

Auch die sozialen Auswirkungen der Gastarbeitermigration auf die Heimat wird nur gestreift.

Ebenso bleibt – einer eigenen Sektion zum Trotz – die Wohnsituation vieler Gastarbeiter vor allem kurz nach ihrer Ankunft etwas abstrakt.

Es gibt Schilderungen und einige Fotos. Für den großen Wurf, wie ihn etwa Jugo, moja Jugo mit weitaus mehr Raum versucht hat, fehlt im kleinen Ausstellungsraum in Wien schlicht der Platz.

Dort wurde eine typische Gastarbeiterunterkunft rekonstruiert.

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Die Ausstellung ist zu klein

Was die Frage aufwirft, warum man diesem Thema nicht mehr Raum im engeren Wortsinn gegeben hat.

Kuratorin Vida Bakondy hätte ihn mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sicher bespielen können, hätte man ihr die Ressourcen gegeben.

Die Stücke hier wirken weitaus persönlicher als etwa bei der wesentlich größeren Schau in Beograd.

Dort hat man mehr Wert auf Repräsentanz gelegt.

 

Sogar Platz die popkulturelle Rezeption des Gastarbeiterphänomens in Jugoslawien war dort gegeben.

 

Das freilich wird in Wien bestenfalls Feinspitzen abgehen. Für das Wiener Publikum ist das nachvollziehbarerweise irrelevant.

Geteilte Geschichte ist eine Ausstellung über Gastarbeiter in Wien, nicht über deren Heimat.

Aber es ist ein Beispiel, was mit mehr Raum möglich gewesen wäre.

Die Kleinheit des Raumes im Wien Museum lässt sich mit den persönlichen Erzählungen auf den Videowalls nur teilweise wettmachen.

Diese Kritik höre ich von einigen Ausstellungsbesuchern.

Eine Lücke freilich bleibt unerklärlich.

Die Wiener Ausstellung macht einige Medien der damaligen Gastarbeiter sichtbar.

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Unerwähnt bleibt hier aus unerklärlichen Gründen die wöchentliche Sendung von Radio Beograd für Gastarbeiter.

Die ging in den 70-ern auch auf Tournee und brachte mit Livekonzerten die Massen in große Veranstaltungshallen im Westen.

Mindestens zweimal wurde die Sendung aus der Wiener Stadthalle ausgestrahlt, wie diese Poster aus Jugo, moja Jugo zeigen.

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Unterstützt wurden sie übrigens vom ÖGB und der Arbeiterkammer Wien.

Die Sendung war ein wichtiger Bezugspunkt für jugoslawische Gastarbeiter und hatte mit Sicherheit ein größeres Publikum als einige der ausgestellten Zeitschriften.

Dieser Kritik zum Trotz ist Geteilte Geschichte ein sehenswerter und notwendiger Debattenbeitrag.

Dem sollten sich vor allem die aussetzen, die immer schon gewusst haben wollen, wie Einwanderer denn so sind.

Eine Balkan Stories-Radioreportage über die Ausstellung könnt ihr hier hören.

Zu sehen ist Geteilte Geschichte bis 11. Februar im Wien Museum am Karlsplatz.