Der kroatische Kriegsverbrecher Slobodan Praljak wird von Konservativen und Neofaschisten in seiner Heimat wie ein Märtyrer verehrt. An seinem Begräbnis vergangene Woche nahmen zwei Minister teil. Ihnen gilt er als Held wie Ratko Mladić vielen Serben.

Der, den die Massen am Zagreber Flughafen erwarten, dessen Namen sie rufen wie den eines Heilands, der in die Nationalfahne gehüllt in die Empfangshalle treten wird, die Segnung eines Bischofs empfangen, der ist kein ehemaliger Fußballgott.

Es ist Dario Kordić. Ehemaliger Vizepräsident des separatistischen Gebildes Herceg Bosna, einer kroatischen Abspaltung von Bosnien während des Kriegs.

Er ist verantwortlich für den Mord an mindestens 117 Bosnjaken. Dieses Video zeigt, wie er nach seiner Haftstrafe, zu der ihn das ICTY in Den Haag verurteilt hatte, in seine Heimat zurückkehrt.

Ein frisch entlassener Massenmörder wird gefeiert wie ein Held. So sehen ihn, ähnlich wie Slobodan Praljak, konservative und neofaschistische Kroaten.

Er habe heldenhaft beigetragen, die kroatische Unabhabhängigkeit zu verteidigen. Als Teilnehmer im „Heimatverteidigungskrieg“ habe er keine Verbrechen begehen können, so ihr Narrativ.

Helden ohne Fehl und Tadel

Diesen Narrativ bekräftige die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović.

Dass sie nicht bei Praljaks Begräbnis gewesen sei, begründete sie damit, dass Politik der Vernunft folgen solle und nicht dem Herzen.

Am Dienstag sagte sie, sie werde weder Kordić noch Praljak ihre Medaillen für ihre Verdienste im Bürgerkrieg posthum aberkennen – auch nicht wegen deren rechtskräftiger Verurteilung in Den Haag. Dafür gebe es „keine institutionalisierte Verfahren.“

Nicht, dass der derlei revisionistische Märtyrerkulte auf Kroatien beschränkt wären.

Ähnlich diplomatisch tanzte Serbiens Präsident Aleksandar Vučić nach der Verurteilung von des Kommandeurs der Streitkräfte der Republika Srpska, Ratko Mladić, auf rohen Eiern, um ja weder Mladić direkt einen Kriegsverbrecher nennen zu müssen noch Srebrenica einen Völkermord.

Im Gegensatz zu Grabar-Kitarović sprach er wenigstens nicht von irgendwelchen Verdiensten um die Heimat.

Was man nicht für Reue halten sollte. Serbien will in die EU. Seine Repräsentanten müssen aufpassen, was sie sagen.

Kroatien ist schon Mitglied. Der Rest Europas sieht weg, wenn dort Kriegsverbrecher gefeiert werden.

Beide freilich zeigten meisterliche Zurückhaltung im Vergleich zu den offenen Nationalisten.

Bizarrer Kult

Praljaks Beerdigung geriet zu einem inoffiziellen Staatsbegräbnis.

Für Mladić gab es nach der Verurteilung nationalistische Solidaritätsdemos in Serbien.

Milorad Dodik, nationalistischer Präsident des serbischen Teilstaats in Bosnien, der Republika Srpska, nennt Mladić einen Helden und Märtyrer.

Sein Konterfei ist auch in Serbien im öffentlichen Raum zu sehen. Wie das Titelbild zeigt, wird er in eine Reihe mit Tito gestellt.

Tito hatte die Befreiung Jugoslawiens vom Faschismus angeführt.

Nach dem ehemaligen Präsidenten der RS, Radovan Karadžić, in Den Haag wegen Völkermords während des Bürgerkriegs in Bosnien verurteilt, ließ Dodik ein Studentenheim in Pale benennen.

Der Heldenfriedhof

Auch im Alltag ist der Märtyrerkult fest integriert.

Diese Fotos stammen vom Soldatenfriedhof in Višegrad. Man beachte, wie gepflegt die Gräber sind.

 

Hier sind Višegrader begraben, die im Bürgerkrieg für die Armee der Republika Srpska gekämpft hatten. Eine Armee, die zehntausende Zivilisten ermordet hat, vorwiegend Bosnjaken. Eine Armee, die zehntausende Frauen vergewaltigt hat.

Unter anderem ermordeten die Milizen 3.000 Bosnjaken in Višegrad selbst.

Viele der Morde wurden von Mitgliedern der Višegradska Brigada begangen. Ihre Mitglieder kamen aus der Stadt im Drinatal und ihrer Umgebung.

Es ist wahrscheinlich, dass sehr viele, die auf diesem Friedhof liegen, am Massaker teilgenommen haben.

Ob das auch auf diesen russischen Freiwilligen zutraf, ist unbekannt.

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Vielen – bei weitem nicht allen – Višegradern sind sie Helden. Sie hätten die Eigenständigkeit des serbischen Staats in Bosnien und damit das Serbentum verteidigt, sagen sie.

Der Zwang zur Rechtfertigung

Sonst, so hören sie es auch seit 25 Jahren aus Radio und Fernsehen, wäre die serbische Kultur in Bosnien ausgelöscht worden.

Dass das Unsinn ist, wissen sie vermutlich. Aber irgendwie glauben sie, die Verbrechen rechtfertigen zu müssen, die in ihrem Namen begangen wurden.

Sie zu verurteilen, so denken diese Leute, würde ihrem Teilstaat die Legitimation entziehen. So hören sie es tagein, tagaus. So hören es auch die Menschen in Kroatien tagein, tagaus.

So hätte man es auch unseren Großeltern erzählt, hätte es nicht Nürnberg gegeben, hätten nicht die Alliierten darauf bestanden, dass wenigstens einige Naziverbrecher auch zuhause vor Gericht gestellt werden.

Vermutlich würden wir heute denken, das Vaterland sei in Stalingrad und Auschwitz verteidigt worden.

Zumal, wie bei jedem Krieg, die Wunden auf allen Seiten tief sind.

In diesem Grab liegen Vater und Sohn Todorović begraben. Beide gefallen 1995.

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Hier sind es Nenad und Mirko Rosić, zwei Brüder.

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Ihren Familien fällt es leichter, ihren Tod zu verkraften, wenn sie nicht zugeben müssen, dass sie für einen verbrecherischen Krieg gestorben sind.

Nur, das werden sie müssen, wenn sie irgendwann den Hass überwinden wollen.

Wenn sie nicht wollen, dass sie in 20 Jahren vor frischen Gräbern stehen wollen und wieder Tote beweinen müssen.

Das galt in Deutschland und Österreich. Das gilt in Kroatien, in Serbien, in Bosnien und im Kosovo.