Dutzende Wiener Serbinnen und Serben haben am Samstag am Wiener Heldenplatz für mehr Demokratie in der alten Heimat demonstriert. Sie unterstützen die breiten Jugendproteste in Serbien gegen den neu gewählten Präsidenten Aleksandar Vučić. In einem Offenen Brief an Außenminister Sebastian Kurz forderten sie auch eine Balkanpolitik, die Demokratie statt Pseudostabilität unterstützt.

Katarina Kaupa hätte sich nie vorstellen können, mit einem Megaphon eine Ansprache auf einer Versammlung zu halten.

„Ich bin gerade dabei, Österreicherin zu werden“, sagt die gebürtige Serbin. Dann kam die Wahl von Aleksandar Vučić und zog sie zurück in das politische Geschehen in der alten Heimat, das sie mit ihrer Staatsbürgerschaft endgültig loswerden wollte.

Vor allem, dass die großen Medien geschlossen auf Vučićs Seite standen und die Gegenkandidaten massiv behindert wurden, während eine Serie von Korruptionsskandalen rund um Vučićs Fortschrittspartei unerwähnt bliebt, stört sie. „Das war keine faire Wahl.“

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Heute steht sie hier, zum zweiten Mal. Auch auf der ersten Demo gegen die autokratischen Züge der Vučić-Regierung stand sie am Sockel des Reiterdenkmals am Heldenplatz und wurde zur Sprecherin der jungen Protestbewegung von Wiener Serbinnen und Serben für mehr Demokratie in der alten Heimat.

Sie kann nicht anders. „In Serbien kann man nicht von Demokratie reden. Wir müssen die jungen Leute unterstützen, die dort Tag für Tag auf die Straße gehen.“

Und vor allem: „Wir wollen die Menschen hier informieren, wie die politischen Zustände in Serbien wirklich sind.“

Um die 50 Menschen sind heute zu der Versammlung gekommen. Deutlich weniger als beim letzten Mal. Es ist verlängertes Wochenende und viele Serben sind auf einen Kurzurlaub nachhause gefahren.

Auch die Studentinnen und Studenten sind fast geschlossen weggeblieben. Sie waren die größte Gruppe bei der Versammlung vor drei Wochen.

Vielleicht haben einige kalte Füße gekriegt, munkelt man im harten Kern der Organisatoren der Protestbewegung. Die Angst, dass politischer Aktivismus gegen die Regierung hier zuhause schaden könnte, trägt nicht gerade zur Massenmobilisierung bei.

Und, so hört man, die Studierenden seien sich unsicher gewesen, welche Konsequenzen es geben könnte, wenn sie den Offenen Brief an Außenminister und OSCE-Vorsitzenden Sebastian Kurz unterstützen.

Die jungen Leute dürften die serbischen Verhältnisse auf Österreich projeziert haben. Man kann das als Zeichen sehen, dass Demokratie in Serbien und anderswo am Balkan ein zartes Pflänzchen ist, das im Schatten einer Eiche aus Willkür und Korruption groß werden muss. Ein Ergebnis von 20 Jahren EU-Balkanpolitik, die stets die jeweiligen Machthabenden unterstützt hat.

Nicht zuletzt sind auch in Serbien die Proteste kleiner geworden. Die Regierung ließ die anfangs zehntausenden großteils jungen Demonstrierenden sich müde laufen. In den größeren serbischen und durchwegs regierungsnahen Medien wurden die Proteste kaum erwähnt.

Ins Ausland signalisiert die Regierung, so schlimm könne es ja um die Demokratie nicht bestellt sein, wenn Menschen offen demonstrieren dürften.

„Solche Leute können das Feuer nicht ausmachen“

Zwei Studentinnen aus Kragujevac freilich sind hier. Ihr Vater ist nach Wien gekommen, um sie zu unterstützen.

„Ich war auch schon in Beograd gegen Vučić demonstrieren und in Kragujevac“, erzählt er stolz. „Unsere jungen Leute sollen die Welt kennenlernen und Perspektiven haben. Das geht mit Vučić nicht.“

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Schon in den 90-ern war er gegen Slobodan Milošević auf der Straße. Die heutige Situation erinnert ihn frappant an damals. Die Akteure seien die gleichen.

„Vojislav Šešelj und Vučić haben damals den Brand mitgelegt, der Jugoslawien zerstört hat. Solche Leute können das Feuer nicht ausmachen. Wir brauchen jemanden, der den Brand löscht.“

Der rüstige Pensionist spielt mit diesem Kommentar auf Vučićs Vergangenheit in der Radikalen Partei von Nationalist Šešelj an und seine Tätigkeit als Informationsminister unter Slobodan Milošević.

Für jeden serbischen Soldaten, der in Bosnien getötet werde, werde man 100 Muslime töten, sagte der heutige serbische Preminierminister und baldige Präsident damals. Das Zitat ist belegt.

Vučić brach erst mit Šešeljs Radikaler Partei, als diese am absteigenden Ast war.

Goran Slaba geht mit einem Karton voller Anti-Vučić-Buttons durch die Demonstranten.

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„Die haben uns beim letzten Mal gefehlt“, sagt der gebürtige Bregenzer. „Für diese Versammlung haben wir extra welche gemacht“.

Die Buttons sind sehr beliebt bei den Teilnehmenden.

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Auch Flyer gibt’s heute. Bei der improvisierten Kundgebung vor drei Wochen hatte man die noch nicht. Finanziert wird das alles aus der eigenen Tasche.

Wie Katarina ist Goran ein politischer Neuling.

Weckruf Nobert Hofer

„Für mich war der erste Durchgang der Bundespräsidentenwahl in Österreich ein Weckruf, wo Nobert Hofer mit 37 Prozent der Stimmen Erster geworden ist.“

Nur einmal wurde er als Jugendlicher politisch aktiv, sagt der gelernte Bau- und Kunstschlosser, der in Wien eine sozialpädagogische Ausbildung absolviert, und schmunzelt: „Ich habe Jörg Haider in Dornbirn mit Eiern beworfen.“

Seit Hofers starkem Abschneiden im Vorjahr engagiert er sich vor allem in sozialen Medien gegen den Rechtsruck. Auch gegen den in der Heimat seiner Eltern.

Die Dijaspora-Vereine schweigen

Ivan ist seit rund 15 Jahren in Wien und heute zum zweiten Mal hier. „Ich denke, wir Serben in der Dijaspora sehen die Dinge klarer als viele in der Heimat. Wir informieren uns nicht über die großen serbischen Medien, die alle auf Regierungsnähe gedrängt worden sind“, erzählt der Mitarbeiter einer Pharmafirma.

Unterstützung von der serbischen Dijaspora gibt es dennoch keine. „Kein einziger Verein hat für uns mobilisiert“, sagt Mihajlo, Österreicher mit serbischen Wurzeln und Zivildiener.

Die meisten wollen sich aus der Politik raushalten. Viele bekommen auch Subventionen der serbischen Regierung. Auch wenn die Vorstandsmitglieder vielleicht die nationalistisch-konservative Politik Aleksandar Vučićs nicht mittragen – die Hand, die einen füttert, beißt man nicht.

Offene Opposition würde dazu führen, dass die Förderungen gestrichen werden. So wird Politik in Serbien gemacht. Die Vereine sind auf das Geld angewiesen. Sonderlich üppig sind ihre Budgets in der Regel nicht.

Rückschlüsse, wie die Wiener Dijaspora zur serbischen Regierung steht, lassen weder das Schweigen der serbischen Kulturvereine noch die geringe Zahl an Teilnehmern heute zu.

Auch das Wahlergebnis im Wiener Konsulat ist nicht unbedingt repräsentativ. Bei der Präsidentenwahl bekam Aleksandar Vučić hier keine 300 Stimmen. Fast 700 gingen an den Gegenkandidaten Saša Janković.

Freilich war anders als etwa bei den Türken nur ein Bruchteil der in Österreich lebenden serbischen Staatsbürger wahlberechtigt.

Allerdings schnitt Vučić bei den größeren Dijaspora-Gemeinden der westlichen Welt durch die Bank schlecht ab. Ginge es nach ihnen, wäre er wahrscheinlich nicht zum Präsidenten gewählt worden.

„Die jungen Männer wollen alle ins Ausland gehen“

Dragan ist Assistent bei einem Busunternehmen, das Menschen mit Behinderung transportiert. Er wirkt ein wenig erschöpft. Donnerstag und gestern Nacht hat er für die Facebook-Seite der Bewegung Medienberichte zusammengesucht, an letzten Planungssitzungen teilgenommen. Er ist seit fünf Jahren hier.

Die anderen Aktivistinnen und Aktivisten von #protivdiktature hat er erst bei der ersten Versammlung vor drei Wochen kennengelernt. „Wir sind alles ganz normale Leute“, sagt er. „Hinter uns steht keine Partei. Wir machen das, weil wir mithelfen wollen, unseren Landsleuten ein besseres Leben in der Heimat zu ermöglichen: Perspektiven, Demokratie und ein Ende der Korruption.“

„Ich bin 20 und habe hier alle Möglichkeiten. Die Menschen in meinem Alter in Serbien haben das nicht“, sagt Mihajlo. Neben dem Zivildienst macht er eine Filmausbildung und will nach dem Zivildienst studieren, um Filmregisseur zu werden. „Junge Männer in Serbien wollen alle ins Ausland gehen. Das bringt das Land auf Dauer um.“

Hauptanliegen Information

Immer wieder kommen Passanten vorbei, die die Artikel auf der Pinnwand lesen, die Katarina auf einem Baustellengerüst befestigt hat.

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Es sind Berichte über Vučićs politische Biographie und wie seine Partei den gesamten öffentlichen Sektor in Serbien für ihre Zwecke einspannt. Auch die Korruptionsskandale finden sich hier.

Das Material ist dreisprachig. Serbisch, Englisch und Deutsch.

Die österreichische Öffentlichkeit zu informieren ist das Hauptanliegen der Protestbewegung.

Das soll auch ein Offener Brief an Sebastian Kurz erreichen, österreichischer Außenminister und amtierender Vorsitzender der OSCE, die auf der gegenüberliegenden Seite des Heldenplatzes ihren Sitz hat.

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Der Brief appelliert an Kurz, seine offene Unterstützung für Aleksandar Vučić zu überdenken und sich für demokratische Reformen in Serbien einzusetzen.

Offener Brief an Sebastian Kurz (Deutsch)

Otvoreno pismo Sebastijanu Kurcu (Serbisch)

„Danke, dass Sie so freundlich waren“

Bei aller Kritik am politischen System Serbiens und der Perspektivenlosigkeit für junge Menschen, die es schafft, zeigen sich die Aktivisten auch um Imagepflege bemüht.

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Am Podest der Reiterstatue liegen auch Tourismusprospekte auf. Das Land sei wunderschön und die Menschen seien nicht schlecht. Das müsse man von der Politik trennen, sagt Katarina. Und gibt nach Ende der Versammlung einer Polizistin, die zum standardmäßigen Polizeischutz für Demonstrationen in Österreich gehört hat, gleich ein paar mit.

„Danke, dass Sie so freundlich waren“, sagt Katarina. Die Polizistin lächelt.

Wobei für Katarina und die meisten anderen auch das Engagement hier ein Beitrag ist, das in Österreich nicht sehr schmeichelhafte Image Serbiens zu verbessern. Die Menschen hier sollen nicht glauben, alle Serben seien Nationalisten und stünden hinter der aktuellen Regierung und dem neuen Präsidenten.

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Ob es eine weitere Demonstration geben wird, wissen die Aktivisten nicht. Politisch weitermachen wollen sie aber auf jeden Fall.

Bislang sind sie ein informeller Zirkel Gleichgesinnter, die einander großteils ohne Interesse an dieser einen Sache nie begegnet wären. Ob das zu formaleren Strukturen führen kann und soll, wird sich weisen.

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Bevor die Entscheidung fällt, müssen sich die Aktivisten erst erholen. Die vergangene Woche hat niemand mehr als fünf oder sechs Stunden geschlafen. Jetzt gibt es ein verlängertes Wochenende. Danach wird weitergemacht.