Podiumsdiskussion auf den Dani Srđana Aleksića in Zagreb

Das Fundament braucht mehr Arbeit. Und Zeit.

Die Dani Srđana Aleksića vorige Woche in Zagreb zeigen eines: Die Narrative zum Krieg der 1990-er sind so unterschiedlich, dass Initiativen wie diese mehr Zeit und Arbeit brauchen, um zu wirken.

So sehr die Verleihung des Srđan Aleksić-Preis für Journalismus auch in der regionalen Öffentlichkeit ein Erfolg gewesen sein mag, so enttäuscht haben sich einige Teilnehmer der Dani Srđana Aleksića vom Rest der zweitägigen Konferenz gezeigt.

Die Journalisten- und Expertendiskussionsrunde Sjećanje kao otpor (Erinnern als Widerstand) im Konferenzsaal im Novinarski Dom in Zagreb am Eröffnungsabend war mäßig gut besucht.

Die Lebenden Bibliotheken am nächsten Tag fanden so gut wie keine externen Zuhörer. Mehrere Aktivistinnen und Aktivisten aus Bosnien erzählten dort Interessierten ihre Erlebnisse aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie waren ein gut austariertes Licht auf den Krieg in den 1990-ern und die verfahrene Lage des Landes seit dem Daytoner Friedensabkommen 1995.

Lebende Bibliothek auf den Dani Srđana Aleksića

Einzig, die Zuhörer kamen fast ausschließlich aus dem Kreis meist in Bosnien beheimateter Friedensorganisationen- und aktivisten, die die Dani Srđana Aleksića erst gegründet haben, und seitdem mit Partnern in Kroatien, Serbien und Montenegro organisieren.

Die kroatische Öffentlichkeit zeigte sich desinteressiert.

„Man hätte Schulklassen einladen sollen. Die sind die Zielgruppe für Lebende Bibliotheken“, zeigte sich ein bosnischer Aktivist kritisch.

Die Dani Srđana Aleksića in Zagreb

Das ist aus der bosnischen Perspektive leicht gesagt.

Warum es in Kroatien schwierig ist

In Kroatien ist der Krieg der 1990-er weit weg. Man hat gewonnen. In den Augen einer breiten Mehrheit war es ein gerechter und sauberer Krieg. Bosnien ist weit weg.

Was im Krieg dort passiert ist, interessiert allenfalls Minderheiten. Davon, dass sich in der breiten Öffentlichkeit irgendjemand damit befassen will, dass auch Kroatien zeitweilig halb Bosnien erobern wollte, sich von Kroatien unterstützte bosnische Katholiken mit dem Mini-Staat Herceg Bosna abspalten wollten, dass bosnische Katholiken und kroatische Soldaten Kriegsverbrechen gegen Muslime wie bosnische Orthodoxe, vulgo Serben, begingen, ist keine Rede.

Schulen sind in der Atmosphäre des allgemeinen Desinteresses nur schwer zu bewegen, ihre Schüler an einem Samstag zu einer Veranstaltung zu schicken, in der es vorwiegend um den Krieg in Bosnien geht.

Dem steht nicht entgegen, dass der kroatische Hauptorganisator- und Unterstützer selbst aus Bugojno kommt. Ivor Fuka und sein Portal Lupiga in Zagreb sind seit Beginn bei den Dani Srđana Aleksića. Sie kämpfen gegen das Vergessen und das Schweigen. Und da ist viel zu kämpfen.

Organisator Ivor Fuka mit Preisträgerin Mila Vikčević

Eine zusätzliche Schwierigkeit ist, dass Kroatiens Antifaschisten im Moment mit dem Neuaufflammen des Alltagsfaschismus im Land beschäftigt sind. Viele Aktivisten sind erschöpft, und haben wenig Zeit, zu solchen Konferenzen zu gehen.

Gemessen daran waren es so wenige Teilnehmer auch wieder nicht.

Auch die Ausstellung über bosnische Friedensaktivistinnen und ihr Schicksal im Krieg stieß durchaus auf Interesse.

Im Vorjahr war es etwas einfacher, höre ich von Teilnehmern. Da hat die Konferenz in Novi Sad getagt.

Serbien im Allgemeinen und die Vojvodina im Besonderen sind ein etwas einfacheres Pflaster. Ignoriert man in Kroatien den Krieg weitgehend, muss man sich in Serbien immer wieder mit ihm beschäftigen. Selbst die weitverbreitete aktive Leugnung der Rolle Serbiens im Bosnienkrieg ist eine Art der Beschäftigung, so irritierend und abstoßend das auch sein mag.

Anders ausgedrückt: Der Widerstand gegen Aufklärung und Friedensarbeit in Serbien weckt wenigstens Emotionen bei denen, die gegen die herrschenden Zustände aufbegehren. Das sorgt für ein Mindestmaß an Interesse. In Kroatien ist das so gut wie nicht gegeben.

Wie wird es in Podgorica?

Es wird interessant zu sehen, wie das nächstes Jahr in Podgorica sein wird. Die Dani Srđana Aleksića sollen nächstes Jahr dort abgehalten werden.

In Montenegro gibt es ein ähnliches Problem wie in Kroatien. In der allgemeinen Wahrnehmung ist der Krieg abgehakt. Man war ein bisschen dabei, dann wieder nicht, hat sich entschuldigt und ist gut Freund mit allen. Mehr muss und will man da in der breiten Öffentlichkeit gar nicht wissen.

Diese Lebenslüge zu entlarven, haben sich engagierte Journalistinnen wie Mila Vikčević zum Ziel gesetzt. Ihre Dokumentation Brat aus dem Vorjahr behandelte, wie Flüchtlinge aus Bosnien in den frühen 1990-ern aus Montenegro abgeschoben wurden. Die Doku verursachte einiges an öffentlicher Irritation. Lebenslügen gibt man nicht gerne auf.

Freilich, dass sie vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen RTCG produziert und ausgestrahlt wurde, zeigt, dass es neben Mila einige engagierte Menschen gibt, denen ehrlicher historischer Diskurs ein Anliegen ist. Das ist ein Anfang.

Erst seit drei Jahren international

Die Dani Srđana Aleksića und der Srđan Aleksić-Preis für Journalismus sind erst seit drei Jahren internationale Veranstaltungen. Davor wurde beides ausschließlich in Bosnien organisiert und abgehalten.

Gemessen daran war die Teilnahme auch abseits der Preisverleihung wenn auch nicht optimal so doch respektabel.

Solche Initiativen brauchen Zeit, bis sie als fixe und wichtige Einrichtungen wahrgenommen werden. Auch die Academy Awards wurden zu Beginn nicht von allen ernstgenommen.

Broschüre und Logo der Dani Srđana Aleksića

Mehr Geld hätte sicher geholfen beim Aufbau. Aber das kommt vielleicht mit der Bekanntheit.

Es gibt Dinge, die man besser machen sollte. Eine eigene Homepage etwa würde helfen. Die Öffentlichkeitsarbeit gehört besser koordiniert. Einen Fotografen zu organisieren, würde ebenfalls helfen. Das sind die Kinderkrankheiten einer jungen Organisation.

Die Konferenz und der Journalistenpreis sind ein gutes Fundament. Auf ihm kann man eine öffentlich relevante internationale Einrichtung bauen. Das wird Zeit brauchen. Und viel Arbeit.

Mehr über den Srđan Aleksić-Preis für Journalismus könnt ihr hier nachlesen. Balkan Stories hat exklusiv außerhalb des ehemaligen Jugoslawien berichtet.

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