In Serbien ist eine psychologisch wichtige Preisgrenze gefallen: Beograds beste Pizzaschnitten kosten mehr als einen Euro. Die Leute stehen trotzdem Schlange.
150 Dinar kostet ein Stück Pizza mit Kulen mittlerweile in der Pizzeria Trg am Trg Republike in Beograd. 140 Dinar kostet die Schnitte Cappriciosa.
Das sind 1,27 bzw. 1,19 Euro.
Das ist psychologisch wichtig: Jahrzehntelang hatte man hier um weniger als einen Euro eine kleine Mahlzeit, oder wenigstens eine Zwischenmahlzeit bekommen. Und Dinar hin oder her, der Euro ist auch in Serbien die Leitwährung. Viele Leute rechnen hier in der europäischen Gemeinschaftswährung.
Die Leute stehen trotzdem Schlange. Im Sommer wie im Winter.
Die Pizzeria trg hat wahrscheinlich Beograds beste Pizzaschnitten.
Das liegt nicht nur an den Zutaten.



Im Gassenverkauf gibt es hier nur die Sorten Kulen und Cappriciosa. Das sorgt dafür, dass die Pizza immer frisch ist – und nicht aufgewärmt oder gar kalt wie bei der Konkurrenz.
Die Pizzaschnitten hier zählen interessanterweise auch zu den günstigsten der Stadt. Andernorts zahlt man häufig mittlerweile 170 Dinar oder, in seltenen Fällen, 200.
Dass die Ein-Euro-Grenze überschritten wurde, zeigt auf kleinem Niveau die Inflation in Serbien in den vergangenen Jahren. Vor neun Jahren kosteten die Pizzaschnitten hier halb so viel wie heute.
Wer die Preise in Serbiens Hauptstadt beobachtet hat, muss sagen, dass die Pizzeria Trg bei den Preiserhöhungen ziemlich zurückhaltend war. Hier kann sich auch ein durchschnittlicher Serbe eine Pizza nach wie vor leisten.
Eine ganze Margarita gibt es hier ab ca. sechs Euro, die teuersten Pizzen kosten ungefähr 8,50 Euro.

Kein Vergleich zu Skadarlija, wo man für eine normale Mahlzeit mittlerweile um die 20 Euro berappen muss. Bei Durchschnittslöhnen, die auch in Beograd gerade die Hälfte deutscher oder österreichischer Durchschnittseinkommen sind.
Gut, Skardalija war immer schon teuer. Und man muss ja nicht dort hin.
Abseits der touristisch ausgeschlachteten Gegenden im Beograder Stadtzentrum kann man nach wie vor relativ günstig essen.
Die Preise in Lokalen sind freilich das geringste Problem der Durchschnittsserben.
Mieten und Supermarktpreise sind in den vergangenen Jahren durchwegs schneller gestiegen als die Durchschnittseinkommen. Von den Preisen für Eigentumswohnungen ganz zu schweigen. Die werden angetrieben von häufig fragwürdigen Immobilieninvestoren. Siehe etwa das Projekt Beograd na vodi. (Mehr könnt ihr im Archiv von Balkan Stories nachlesen.)
Und siehe die jüngsten Pläne von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner in Beograd.
Die serbische Regierung und die der Beograd Hauptstadt kommen auffällig schnell und auffällig diensteifrig Großinvestoren entgegen. Nicht erst seit gestern.
Das treibt seit Jahren die Wohnungskosten massiv in die Höhe – viel mehr als das die Ukrainer und die Russen tun, die vor dem Krieg in der Ukraine nach Serbien geflüchtet sind. (Mehr siehe hier.)
Die allgemeine Preisexplosion macht die kleinen Nischen mit den kleinen Freuden umso wichtiger, die man sich leisten kann. Wie die Pizzaschnitten der Pizzeria Trg am Trg Republike.
Auch wenn die eine psychologisch wichtige Preisgrenze überschritten haben.
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